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Kultur im Norden Gewagtes Doppel-Spiel
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20:41 11.09.2017
Gemischter Chor – die Männer unf Frauen mit Einheitsperücke tragen Luftballons als Geschlechtersymbole. Quelle: Foto: Thorsten Wulff
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Lübeck. Es war eine merkwürdige Saisoneröffnung am Theater Lübeck. Monteverdi und Carl Orff zu einem großen Ganzen zusammengebunden – eine gewöhnungsbedürftige Liaison, die beim Publikum nicht nur auf Zustimmung stieß.

Demnächst

Die nächsten Termine für „Carmina Burana“ sind der 24. September (18 Uhr), der 8. Oktober (18 Uhr) und der 5. November (16 Uhr).

Dauer: eine Stunde, 30 Minuten (ohne Pause)

Theaterkasse: Telefon 0451/399600

400 Jahre liegen zwischen den beiden Kompositionen. Monteverdis Madrigal „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“ ist eine experimentelle Früh-Oper, Orffs „Carmina Burana“ entzieht sich der Zuordnung zu einer musikalischen Gattung. Regisseurin Clara Kalus hat sich an die Aufgabe gewagt, aus den beiden so verschiedenen Stücken eine Einheit zu schaffen – ganz gelungen ist es ihr nicht.

Denn sie nimmt nur eine Grundidee aus dem „Combattimento“ und stülpt sie dann über die „Carmina“. In Monteverdis Madrigal tritt der Kreuzritter Tancredi gegen die Sarazenin Clorinda an, die sich als Mann verkleidet hat und die er eigentlich liebt; für beide endet der Kampf tödlich. Die Unsicherheit, die Austauschbarkeit der Geschlechterrollen sieht die Regisseurin als Grundmotiv. Das ist sehenswert in Szene gesetzt, Ausstatterin Mechtild Feuerstein hat einen zweigeschossigen Bühnenraum gebaut, der sich sehr gut bewährt.

Im Obergeschoss, das über Leiter und Treppe zu erreichen ist, laufen Videobilder der beiden Protagonisten, zu ebener Erde entfaltet sich vor dem auf der Bühne spielenden kleinen Orchester der Spielraum für Tancredi und Clorinda. Auch die Verwandlung zur „Carmina“-Szenerie ist stark: Orchester und Obergeschoss fahren nach unten, es erscheint eine Tribüne, auf der der Chor sitzt wie das Publikum bei einem Fußball-Match. Bis zu diesem Punkt ist die Inszenierung gelungen, zumal Per Hakan Precht als Erzähler eine prächtige Leistung bietet.

Aber in „Carmina Burana“ trägt das Konzept nicht sehr weit. In den mittelalterlichen Liedern geht es auch um die Liebe, ganz handfest sogar. Aber die Austauschbarkeit der Geschlechterrollen als Leitmotiv wirkt aufgesetzt. Zwar wird das Konzept konsequent umgesetzt, die Bildersprache der Inszenierung jedoch bleibt hinter dem Anspruch zurück. Da erscheinen zwei gedeckte Tische, die von einem Mann und einer Frau auf dem Rücken – durch das Tischtuch verdeckt – getragen werden. Zwei Schreitfiguren sollen ebenfalls das männliche und das weibliche Prinzip verkörpern, um es endgültig verständlich zu machen, taucht auch noch ein Zwitterwesen auf, einerseits mit einer Vulva, auf der anderen mit einem Penis versehen. Immer wieder kommen Bananen als Phallussymbole ins Spiel, Äpfel dienen als weibliche Brüste. Das ist so simpel strukturiert wie die Musik von Carl Orff, insofern passt alles. Aber es ist – freundlich ausgedrückt – sehr dünnes Eis, auf dem sich die Regisseurin bewegt.

Umso mehr überzeugte der Abend musikalisch. Das kleine Monteverdi-Ensemble, vom kommissarischen GMD Andreas Wolf vom Cembalo aus geleitet, spielte mit innigem Klang und herzerweichender Schönheit. In „Carmina Burana“ forderte Andreas Wolf von allen Beteiligten rasche Tempi, der Dirigent ließ Orffs oftmals nur vom Rhythmus lebende Musik mit Kraft und großer Geste ertönen, was das Publikum schätzte.

Der Lübecker Chor (Einstudierung Jan-Michael Krüger) war durch den Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg (Einstudierung Gabriele Pott) und den Kinderchor Vocalino verstärkt worden. Nicht immer sang der Chor ganz sicher, aber das wird sich finden.

Emma McNairy überstrahlte mit ihrem klaren und weiblich timbrierten Sopran das Solistenensemble. Im „Combattimento“ hatte sie kaum etwas zu tun, in Orffs Werk bestach sie durch die Beweglichkeit ihrer Stimme. Bariton Johan Hyunbong Choi beherrschte seine schwierige Partie, in der er häufig im Falsett singen musste, meisterhaft. Beeindruckend auch Tenor Juraj Holly als gebratener Schwan, der sein Schicksal besingt.

Am Ende gab es viel Applaus für den musikalischen Part der Produktion. Regisseurin Clara Kalus musste sich Buhrufe gefallen lassen.

Jürgen Feldhoff

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