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Gewalt in allen Lebenslagen

Lübeck Gewalt in allen Lebenslagen

Verdis frühe Oper „Attila“ im Lübecker Theater erwies sich in der Regie von Peter Konwitschny als düstere Vision der Welt.

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Odabella (Helena Dix, Mitte) geht zum Schein eine Verbindung mit dem Hunnenkönig ein. Am Ende ersticht sie den Usurpator – und stirbt selbst.

Lübeck. „Attila“, so sagt man, ist eine der besseren unter den frühen Opern von Giuseppe Verdi. Entstanden ist sie in „Galeerenjahren“ Verdis, als er Opern wie am Fließband produzieren musste (siehe Artikel unten). In „Attila“ aber deutet sich die spätere Meisterschaft Verdis bereits an. In großen Chorszenen und originellen Finals zum Beispiel.

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Verdis frühe Oper „Attila“ im Lübecker Theater erwies sich in der Regie von Peter Konwitschny als düstere Vision der Welt.

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Peter Konwitschny hat sich in seiner Inszenierung weitestgehend an Verdis Musik orientiert – und an seiner eigenen Sicht auf die Welt.

Und diese Welt ist düster, sie ist geprägt durch Gewalt von der Wiege bis zur Bahre. Im ersten Akt prügeln sich die Protagonisten als kleine Kinder mit Klobürsten, Löffeln und Pömpeln, im zweiten Aufzug sind die Akteure in eleganter Abendgarderobe unterwegs und erlegen sich mit Faustfeuerwaffen. Im Finale sitzt die ganze Bande im Rollstuhl und massakriert sich mit Krücken und Rollatoren – Gewalt ist das einzige immer gültige Prinzip in jener Welt.

Wie Peter Konwitschny dabei sein Personal auf der Bühne führt, ist meisterhaft. Bis zum am hintersten Bühnenrand agierenden Statisten hat jeder Beteiligte Bewegungen auszuführen, die im Gesamtzusammenhang der Inszenierung Sinn haben und die durch Verdis Musik gedeckt werden. Diese Arbeit Konwitschnys ist handwerklich so perfekt, dass man sie als Lehrstoff für angehende Opernregisseure verwenden könnte. Im kongenialen Bühnenbild von Johannes Leinacker entwickelt sich so ein Opernabend, der einen ganz eigenen Sog hat und gleichzeitig berührt und verstört.

Denn Konwitschny orientiert sich wie so oft am Brecht’schen Prinzip der Verfremdung. Spricht der Bischof von Rom in einer Szene von der göttlichen Erleuchtung, schwebt eine Neonröhre vom Bühnenhimmel. Das kann man als abgedroschenes Mätzchen sehen, muss man aber nicht. Denn es passt zur dargestellten Gewalt-Welt, in der die Wahrheit aller Beteiligten immer nur unter der Oberfläche zu finden ist. Mit dem realen Hunnenkönig Attila hat diese Oper wenig zu tun, Verdis Librettisten benutzten die Historie nur als Folie für eine Betrugs-, Liebes- und Polit-Story. Konwitschnys eigenwillige, aber immer schlüssige und bühnenwirksame Sicht auf den Stoff ist deshalb gerechtfertigt. Sängerisch hat diese Inszenierung einiges zu bieten. Der von Jan-Michael Krüger einstudierte Chor samt Kinder- und Extrachor versah seine diffizilen und vielfältigen Aufgaben mit großem Engagement. Auch die Statisten agierten präzise.

Unter den Solisten begann Ernesto Morillo als Attila mit Problemen. Sehr eng und gepresst klang seine Stimme trotz ihres Volumens zunächst. Im Verlauf des Abend aber lief Morillo zu immer besserer Form auf. Helena Dix als Attilas Traumfrau Odabella bewältigte nach anfänglichen Schärfen in der Höhe ihre immens schwierige Partie immer besser, stimmlich bot sie im zweiten und dritten Akt musikalische Sternstunden des Abends.

Ebenso Gerard Quinn als Intrigant Ezio. Vom ersten Ton an war der Schotte präsent und eindringlich. Die Partie gab ihm auch viele Möglichkeiten, seine darstellerischen Fähigkeiten zu zeigen. Das Publikum feierte den Bariton am Schluss. Alexander James Edwards als Odabellas Verlobter Foresto schlug sich wacker, zu gefallen wussten auch Hyungseok Lee als Uldino und Seokhoon Moon als Bischof von Rom. Die Philharmoniker unter Ryusuke Numajiri fanden schnell zu einem leidenschaftlichen Verdi-Ton. Auch sie erhielten viel Applaus. Wie auch Peter Konwitschny: Bis auf ganz wenige Buh-Rufer feierte das Haus den Regisseur.

Nächste Aufführungen: 26. Mai, 18. Juni und 3. Juli im Großen Haus.

Giuseppe Verdis „Galeerenjahre“

Giuseppe Verdi (1813-1901) war der bedeutendste Opernkomponist Italiens des 19. Jahrhunderts. 1839 hatte er erstmals Erfolg mit einer Oper an der Mailänder Scala, sein nächstes Werk („Un giorno di regno“) wurde 1840 ausgepfiffen, woraufhin Verdi beschloss, das Komponieren aufzugeben. Zwei Jahre später aber brachte er „Nabucodonosor“ – später „Nabucco“ genannt – heraus, wieder ein großer Erfolg. In den folgenden sechs Jahren schrieb Verdi für seinen Lebensunterhalt in rascher Folge mehrere Opern, zunächst „I Lombardi alla prima crociata“

(„Die Lombarden auf dem ersten Kreuzzug“; 1843) und „Ernani“ (1844). Diese beiden Opern waren große Erfolge. Von den nächsten Werken schafften es jedoch nur „Macbeth“ (1847) und „Luisa Miller“ (1849) in das Standardrepertoire. In dieser Zeit schuftete Verdi – nach eigenen Worten – wie ein Galeerensklave und gefährdete seine Gesundheit. Sein erklärtes Ziel war, genügend Mittel zu erwirtschaften, damit er sich früh als Gentleman auf ein Landgut zurückziehen könne. Auch die Oper „Attila“ (1846) entstand während der „Galeerenjahre“.

LN

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