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Kultur im Norden Gier, Geld und Leidenschaft
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20:33 24.09.2016
Gefangen in einer höllischen Welt der Ablehnung: Shylock (Timo Tank) und seine Tochter Jessica (Rachel Behringer). Quelle: Fotos: : Kerstin Schomburg

Am Anfang schon befinden sich der Jude Shylock und seine Tochter Jessica in der Hölle. Sie umklammern sich, um sich gegenseitig zu schützen. Flammen lodern vor ihnen auf. Sie sind umgeben von unheimlich vermummten Figuren, die wild durcheinander reden. Die Stimmen sind verfremdet, aber man versteht dennoch, was die Maskenträger rezitieren: Die katholische Oster-Fürbitte für die Juden zum Beispiel, die doch endlich auch an den Herrn Jesus glauben sollen. Darauf folgen Zitate aus Martin Luthers radikal antisemitischer Epistel „Von den Juden und ihren Lügen“: Schlimmer geht es kaum noch. Der Zuschauer aber weiß schon nach wenigen Minuten, in was für einer Welt Shylock und seine Familie zu leben gezwungen sind.

Besetzungsliste

Inszenierung: .................................................................................................Pit Holzwarth

Ausstattung: ..............................................................................................Werner Brenner Musik:

............................................................................................................Achim Gieseler

Shylock: ..................................................................................................................Timo Tank Antonio/Portia/Elias/Balthazar: ...................................................Matthias Hermann

Bassanio/Prinz von Marokko/Prinz von Arragon: .................Jochen Weichenthal Lorenzo/Der Doge von Venedig /Chus:

.............................................................Jan Byl Jessica u.a.:

...............................................................................................Rachel Behringer Leonardo/Balthazar:

................................................................................Sara Wortmann

Ein starker Einstieg in ein schwieriges Stück. „Der Kaufmann von Venedig“ ist belastet durch den Missbrauch des Dramas während der nationalsozialistischen Diktatur, als Shylock zum Inbegriff des jüdischen Wucherers gemacht wurde. Nun ist Shylock auch bei Shakespeare kein Sympathieträger, er steht in einer Reihe mit Schurken wie Jago aus dem „Othello“, wie Macbeth oder Richard III. Pit Holzwarth zeigt in seiner Inszenierung aber immer wieder einen Shylock, der ein Getriebener ist. Es sind Geld, Gier und Religion, die ihn durchs Leben hetzen, dieser Shylock braucht seine Fixpunkte, um das Ausgegrenztsein ertragen zu können. Auch seine geliebte Tochter Jessica gehört zu diesen Fixpunkten, als sie ausgerechnet mit einem Christen davonläuft, steht Shylock das Ende seiner bisherigen Existenz bevor.

Pit Holzwarth führt in dem gelungenen, auf wenige Formen und reduziertem Bühnenbild von Werner Brenner aber auch den Kaufmann Antonio als Bösewicht vor. Der ist in seiner unterschwelligen Aggressivität und seiner christlich motivierten Borniertheit gegenüber dem Juden Shylock ein ausgesprochen unangenehmer Mensch. In Shylock und Antonio treffen zwei Systeme aufeinander, die in ihrer Gewaltbereitschaft und Härte sich in nichts nachstehen.

Die Zeichnung der Charaktere ist dem Regisseur bis zu diesem Punkt gelungen. Problematisch wird die Inszenierung beim Geschlechterwechsel der Personen, die Holzwarth wie eine Meta-Ebene über das Geschehen legt. Die schöne Portia ist ein Mann, der Diener Lorenzo wird ebenso von einer Frau gespielt wie der Jurist Balthazar: Das bietet zwar eine Menge dramaturgischer Möglichkeiten, kann aber leicht in bloße Travestie ausarten. Und so wirkt die Inszenierung zuweilen im ersten Teil auch etwas übergagt, was auch an der Bühnenmusik liegt. Dass Pit Holzwarth aber am Schluss, nachdem Shylock durch eine bösartige Intrige um sein Vermögen und seine Identität gebracht worden ist, auf das von Shakespeare vorgesehene Happyend verzichtet, gibt dem Stoff seinen Ernst wieder, der Kreis schließt sich.

Zu erleben ist in dieser Produktion eine starke schauspielerische Leistung des Ensembles. Timo Tank ist ein introvertierter Shylock, der nur sehr selten aus sich herausgeht. Wenn er aber Emotionen zeigen darf, wirkt er noch überzeugender. Matthias Hermann als Antonio und Portia ist doppelt gefordert, in beiden Rollen bringt er die Charaktere lebendig und eindringlich auf die Bühne. Bösartig und kleingeistig als Antonio, kühler Vamp und leidenschaftliche Frau als Portia: eine starke Leistung.

Jochen Weichenthal als Bassanio, Prinz von Marokko und Prinz von Arragon spielt mit vollem körperlichen Einsatz. Leider spricht er häufig viel zu schnell, was ihn schwierig zu verstehen macht. Rachel Behringer als Jessica bringt die Verzweiflung der jungen Frau, die zwischen der Liebe zu ihrem Vater und der zu ihrem Freund hin- und hergerissen ist, mit Verve über die Bühne. Jan Byl als Lorenzo weiß zu gefallen, Sara Wortmann als Diener Leonardo besticht durch ihren Gesang und ihre Bewegungskunst.

Das Publikum war mit dieser Premiere zum Saisonauftakt zufrieden, lang anhaltender Applaus dankte den Akteuren auf der Bühne und dem Regieteam.

Nächste Aufführungen: heute (18.30 Uhr), 2. Oktober (16 Uhr), 16. Oktober (18.30 Uhr).

Jürgen Feldhoff

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