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Gitarren so teuer wie ein Haus

Hamburg Gitarren so teuer wie ein Haus

Alte Gitarren können ein Vermögen kosten. Das „No. 1 Guitar Center“ in Hamburg ist eine der ersten Adressen für edle Instrumente.

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Traum vieler Gitarristen: Gibson Les Paul, benannt nach einem der Gitarren-Pioniere.

Hamburg. Sie hätte da eine Gitarre, sagt die alte Dame am Telefon. Ihr Mann habe sie gekauft, damals in den Sechzigern, schon etwas her. Sie könnten sie nicht mehr gebrauchen und möchten sie verkaufen. Und sie wüssten ganz gern, ob sie noch etwas wert ist.

Das ist schon eine Philosophie für sich.“ Thomas Weilbier

Am anderen Ende saß Thomas Weilbier. Und je länger sie telefonierten, desto mehr schälte sich ein kleines Wunder aus dem Off. Es war eine Gibson Les Paul, geflammte Lackierung, fast im Originalzustand, Baujahr 1960. Sie war eine der Letzten ihrer Art, wenn man so will. Gibson hatte ihre Produktion in dem Jahr vorerst eingestellt. Sie war ein kleines, am Ende 150000 Dollar teures Juwel. Und gekauft hat sie später Keith Richards.

Den „Stones“-Gitarristen kennen sie schon lange. Im Grunde seit den Siebzigerjahren, als er in Hamburg morgens aus einer Kneipe kam, beim „No. 1 Guitar Center“ eine Gitarre im Fenster sah und ein paar Stunden im Auto schlief, weil der Laden erst um zehn aufmachte. Seither haben sie sich nie richtig aus den Augen verloren. Und wenn er mal eine besondere Gitarre braucht, eine mit dünnem Hals, denn Keith hat kleine Hände, sagt Weilbier, dann kriegen sie in Hamburg als einer von zehn, zwölf Shops weltweit eine Mail und halten die Augen offen.

Der Laden war damals noch in der Talstraße bei der Reeperbahn. Inzwischen ist er im Bahrenfelder „Phoenixhof“. Früher haben sie in den Hallen Schiffsmaschinen gebaut, heute hängen hier etwa 500 Gitarren. Und wenn man die gläserne Treppe hinaufsteigt in den ersten Stock, betritt man ein kleines Zimmer mit dunklem Teppichboden an den Wänden, kontrolliertem Klima, Alarmanlage, vielen alten Gitarren und einem großen schwarzen Tresor. Das ist der Vintage-Raum. Das ist so etwas wie die Schatzkammer. Und eine alte Planke aus dem verblichenen Hamburger „Star Club“ gibt es auch.

Alte Gitarren sind eine Anlageform geworden, ein Investment. Sie gewinnen an Wert. Vier bis sieben Prozent im Jahr, sagt Thomas Weilbier. Das ist nicht schlecht in Zeiten wie diesen. Das ist sogar ziemlich gut. Und deshalb sind alte Gitarren gesucht, weltweit und nicht nur von Leuten, die Musik mögen und nicht können ohne sie.

Gitarren wie die Flying V von Gibson sind das, Baujahr 1959, eine davon steht im Vintage-Raum im Tresor. Sie gehört einem Kunden aus Neuseeland, der in die Jahre gekommen ist und sich langsam von seiner Sammlung trennt. Er ist noch nicht ganz fertig mit der Sichtung, sagt Weilbier. Er will sie auch noch von einem Fachmann aus den USA ansehen lassen. Aber wenn alles stimmt, wenn die Flying V tatsächlich eine originale Flying V ist, dann kann sie 240000 bis 320000 Dollar kosten. Mit dem Preis steht sie jedenfalls in der Liste. Allein der Koffer ist ja schon 15000 Dollar wert.

Es sind eine Menge Fälschungen unterwegs. Viele Gitarren, die mal von Jimi Hendrix gespielt worden sein sollen, die Hendrix aber nie auch nur aus der Nähe gesehen hat. Im Vintage-Room hängt solch ein Fall an der Wand. Eine Gibson Firebird, angeblich aus dem Bestand von Eric Clapton. „Es ist eine gute Gitarre“, sagt Weilbier. Aber Clapton habe sie nie gespielt. Wäre es so, würde sie nicht um die 8000 Euro kosten, sondern etwa viermal so viel.

Er guckt sich jede Schraube an, wenn er eine Gitarre unter die Lupe nimmt. Jede Fräsung, jedes Detail. Der Lack wird in der Dunkelkammer unter besonderes Licht gehalten. Ist Farbe in den Nagellöchern der Fender-Gitarre? Schon ein kleiner Plastikrahmen um einen Tonabnehmer kann 10000 Dollar weniger bedeuten, wenn er später eingebaut wurde. Kein Wunder also, dass auch für Originalteile längst hohe Preise bezahlt werden.

In den Achtzigerjahren etwa fing das an. Da entwickelte sich ein Markt für alte Gitarren, der immer heißer lief. Es gab Phasen, da reisten Leute großen Rockbands hinterher, um ihnen ein paar teure Gitarren noch teurer zu verkaufen. Aber mit der Finanzkrise 2008 brach das ein. Inzwischen hat sich die Lage wieder erholt. Dennoch: Schaut man sich die letzten Jahrzehnte an, sieht man eine stetig nach oben zeigende Kurve. Jüngst hat Weilbier aus Süddeutschland wieder eine Les Paul angeboten bekommen, Baujahr 1958, 400000 Dollar sollte sie kosten.

Alte Gitarren klingen anders, sagt er. Das Holz habe damals länger gelagert, die Verarbeitung sei sorgsamer gewesen. Manche Gitarrenbauer kauften daher heute abgerissene Dachstühle auf, um Holz mit einer alten Seele für ihre Instrumente zu haben. „Das ist schon eine Philosophie für sich“, sagt er.

Keith Richards jedenfalls hat damals die Familie der alten Gibson zum „Stones“-Konzert eingeladen. Sie fühlten sich sehr geehrt. Und als er beim Soundcheck eine Gitarre spielte, eine Les Paul, geflammte Lackierung, fast im Originalzustand, Baujahr 1960, da kam sie ihnen sehr bekannt vor.

Seit Jahrzehnten im Geschäft

Thomas Weilbier (59) hat bei der Deutschen Bank gelernt, nebenher im „No. 1 Guitar Center“ gejobbt und ist Ende der siebziger Jahre ganz dort eingestiegen. Inzwischen gehört ihm der Laden.

Der gebürtige Hamburger ist seit Jahrzehnten im Geschäft und weltweit gut vernetzt. Er verkauft selbstverständlich auch neue Gitarren und Bässe, bei den Vintage-Instrumenten aber zählt sein „No.1 Guitar Center“ neben Shops in München und Frankfurt zu den führenden in Deutschland.

Auf seiner Couch haben diverse große Musiker gesessen — von David Gilmour bis Bo Diddley, von Johnny Winter bis zu den Scorpions.

Die alten Instrumente findet Weilbier unter anderem auf Messen, manchmal trennen sich Leute von ihrer Sammlung, manchmal sind Sammler gestorben. In La Palma wurde beispielsweise vor zwei Jahren ein komplettes Studio aufgelöst. Derzeit, sagt Weilbier, finde ein großer Umbruch statt.

Peter Intelmann

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