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Globalisierung im 15. Jahrhundert

Lübeck Globalisierung im 15. Jahrhundert

Weihnachtsmärkte handeln mit Waren aus aller Welt — das war schon im Mittelalter so.

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Etwas Besonderes: Der flämische Maler Hans Memling malte die Kanne auf den Flügel eines Altars (l.). Das Steinzeug gab‘s damals auch in Lübeck zu kaufen.

Lübeck. Die Kuratoren der Ausstellung mit mittelalterlicher Sakralkunst im Lübecker Museumsquartier St. Annen, Jörg Rosenfeld und Jan Friedrich Richter, präsentieren in einer LN-Serie einige bedeutende Exponate. Dieses Mal: Jan Richter über ein Detail des Memling-Altars.

L übeck ist im Weihnachtstaumel, Weihnachtsstadt des Nordens. Auf den vielen Märkten bekommt man alles, was in die Jahreszeit passt: Indianische Traumfänger, Keramik vom Mittelmeer, afrikanische Schnitzereien — bis man sich irgendwann ratlos am Kopf kratzt und sich fragt, was das denn noch mit Weihnachten zu tun haben soll.

Kulturverfall!, tönen die Nostalgiker, denn früher war ja bekanntlicherweise alles besser. Früher? Um 1500 hätten sich die Kaufleute die Hände gerieben angesichts dieser Traumfänger. Es wurde angeboten, was man verkaufen konnte, und das war beileibe nicht nur einheimische Ware, wie man in der Jahrhundertausstellung des St. Annen-Museums überprüfen kann.

Kunst und Kommerz sind zwei Bereiche, die sich nie ausgeschlossen haben. Schon allein die Dimension der Altaraufsätze, die in der Ausstellung zu sehen sind, lässt auf viel Geld schließen, ebenso wie eine Unzahl von Details, die einen tiefen Einblick in den hiesigen Handel erlauben.

Auf den Außenseiten des 1491 entstandenen Memling-Altars ist in Grisaille, also Graumalerei, die Verkündigung an Maria dargestellt. Ein eher unscheinbares Detail bleibt farbig, eine braun glasierte Kanne aus Steinzeug. Der flämische Maler Hans Memling hat sie so detailgetreu dargestellt, dass man genau sagen kann, wo diese Kanne hergestellt wurde: in Siegburg, also im südlichen Westfalen, wo es ein Zentrum für die Produktion von derartigem Steinzeug gab.

Die Kanne war ein ausländischer Markenartikel, etwas Besonderes, das auch als Zierde eines Retabels dienen konnte. Und das nicht nur in Brügge. Denn dieser Altaraufsatz war ja für Lübeck bestimmt, wo man diese Kannen ebenfalls kaufen konnte, was sich mit vielen archäologischen Fundstücken belegen lässt, von denen ein Exemplar in der Ausstellung zu sehen ist.

Die vielfach gescholtene Globalisierung ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Angebot und Nachfrage haben zu allen Zeiten die Märkte für Neues geöffnet — und wer sich heute über Traumfänger aufregt, darf sich auch nicht an dem Memling-Altar erfreuen.

LN

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