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Glück auf, Herbert!

Lübeck Glück auf, Herbert!

In Bochum wurde er groß — und mit „Bochum“ erst recht. Herbert Grönemeyer ist eine der zentralen Figuren deutscher Popmusik. Heute wird er 60 Jahre alt.

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2007: Grönemeyer mit Bono Vox (U2) beim G7-Konzert in Rostock.

Quelle: Imago

Lübeck. Lübeck. Es hat noch keinen Golf „Grönemeyer“ gegeben, aber vielleicht wäre das jetzt keine schlechte Idee. Sie haben ihr Auto in Wolfsburg schon nach Pink Floyd und Genesis benannt, nach Bon Jovi und den Rolling Stones, und wo sie bei Volkswagen derzeit sowieso ein paar Probleme haben, könnten sie eine massentaugliche CharmeOffensive ganz gut gebrauchen. Und Massentauglichkeit ist etwas, das Herbert Grönemeyer in großen Mengen besitzt.

LN-Bild

In Bochum wurde er groß — und mit „Bochum“ erst recht. Herbert Grönemeyer ist eine der zentralen Figuren deutscher Popmusik. Heute wird er 60 Jahre alt.

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Er kommt aus dieser Maffay-, Westernhagen-, Lindenberg-Sphäre, aus dieser großkalibrigen Welt, in der Plattenumsätze tatsächlich noch Plattenumsätze waren und nicht digitale Datenpakete wie heute.

Als er 1984 mit dem gleichnamigen Album seine Heimatstadt Bochum auf die Landkarte der deutschen Popmusik setzte, war gerade die Neue Deutsche Welle auf dem Weg zu sich selbst. Aber Grönemeyer gehörte nicht dazu. Er fiel zwar in diese Zeit, aber er war eine andere Kategorie. Und wo Nenas 99 Luftballons sich längst mit Peter Schillings Major Tom verflogen haben, ist Grönemeyer immer noch da. Seit mehr als dreißig Jahren. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Es war ja nicht so, dass da Mitte der Achtzigerjahre plötzlich ein Unbekannter aufgetaucht wäre. Es gab einen Herbert Grönemeyer vor „Bochum“, das sollte man festhalten. Aber das war vor allem ein Schauspieler, ein Mann vom Film und vom Theater. Er hatte mit Peter Zadek und Claus Peymann gearbeitet, mit Jürgen Flimm und der Tänzerin Pina Bausch. Vor allem aber mit Wolfgang Petersen, in dessen Film „Das Boot“ er den Leutnant Werner gespielt hatte, einen Kriegsberichterstatter, der von deutschen Heldentaten erzählen sollte, aber nur die Angst und den Wahn des U-Boot-Krieges fand.

Und dann: Bochum. Tief im Westen. Wo die Sonne verstaubt. Von Arbeit ganz grau und doch eine Blume im Revier. Das war ein neuer Ton, da meldete sich einer zu Wort, den man so noch nicht gehört hatte.

Dabei hatte er schon vorher Musik gemacht, ein paar schöne englischsprachige Popsongs mit dem Ocean Orchestra darunter und eine Würdigung der Currywurst, an der auch Diether Krebs mitgedichtet hatte.

Aber jetzt pochte da ein Herzschlag aus Stahl durch die Stadt und die Republik, besungen von einer Stimme, die von tief innen zu kommen schien und unterwegs einiges mitgemacht haben musste.

Grönemeyer pflegte diesen Ton, er sang kehlig und überkippend, er verschluckte Silben und gab sie nicht mehr frei, er strolchte und nuschelte sich durch seine Songs. Die Texte schrieb er selbst, fast nur in der Nacht, wie er dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ im vergangenen Jahr erzählte. Wenn es still ist draußen und man es leise Knistern hört beim Zigaretterauchen am Fenster. Dann fallen ihm Zeilen ein, die ihn für den „Spiegel“ zu einem deutschen Mittelstandsforscher machen, zu einem Experten für den „deutschen Emo-Haushalt“. Und nicht selten stehen diese Zeilen auf ziemlich wackeligen Füßen. Bei seiner Suche nach Worten abseits des Üblichen gerät er schon mal in schwierige Bereiche. Wenn Mick Jagger „Start me up“ singt, klingt das nach einer schönen Rockzeile, wenn Herbert Grönemeyer „Fang mich an“ singt, ist es zwar ungefähr das Gleiche, aber es klingt wie ein tragischer Unfall.

Trotzdem, wer mehr als 13 Millionen Alben verkauft hat, wer in deutschen Stadien, in Kanada und den Vereinigten Staaten unterwegs war, dem braucht man über Erfolg nichts zu erzählen. Grönemeyer ist ein Star eigener Art geworden, einer aus der Riege der deutschen Popgewaltigen, die sich immer wieder auch politisch zu Wort melden, wenn etwas aus dem Ruder läuft in Staat und Gesellschaft. Und er hat es nicht gern, wenn die Leute da draußen sich mehr nehmen wollen, als er ihnen zu geben bereit ist. „Ich erzähle nicht von meinem Leben“, hat er über seine Texte gesagt. Wenn die „Claudia aus Bochum“ bei einem Liebeslied von ihm wissen will, in wen der Sänger verliebt ist, dann sagt er: „Das weiß ich von der Claudia aus Bochum doch auch nicht!“

Wie auch immer, heute wird der Sänger erst mal 60. Und wenn sie bei Volkswagen Probleme mit einem Golf „Grönemeyer“ haben sollten, könnten sie ihn ja immerhin „Herbie“ nennen. Damit kennen sie sich ja ein bisschen aus.

Der Plattenboss

Herbert Grönemeyer ist auch Chef einer Plattenfirma. Am Anfang von Grönland Records stand das Projekt „Pop 2000“. In zwölf TV-Folgen und auf acht CDs wurde die Geschichte der deutschen Popmusik anhand von 140 Bands und Künstlern erzählt. Dafür gründete Grönemeyer vor 16 Jahren das Label mit dem Eisbären.

Schon im Mai 2001 gelang ihm der große Coup, die drei Alben des legendären Elektronik-Duos Neu! frisch zu produzieren. Inzwischen findet sich eine Reihe großartiger, teils vergessener Musiker auf dem Label.

Ende Mai geht Grönemeyer auf Tournee. Am 8. Juni spielt er in Hamburg.

Glückwünsche an Grönemeyer

Sänger Tim Bendzko (31, Foto): „Meine Eltern haben Maffay und Grönemeyer rauf- und runtergehört. Ich schätze ihn immer noch sehr. Er macht sensationelle Sachen. Textlich reicht da in Deutschland nicht so viel ran.“

DJ Felix Jaehn (21): „Jeder Deutsche kennt Herbert Grönemeyer. Er ist einfach etwas ganz Besonderes. Für mich war es das „Mensch“-Album. Als ich acht, neun oder zehn Jahre alt war, bin ich zu den Songs im Kinderzimmer rumgehüpft. Wenn ich die heute höre, finde ich sie immer noch gut.“

Sänger und Songwriter Mark Forster (32, Foto): „Jeder, der deutschsprachige Musik macht, wurde von Herbert Grönemeyer inspiriert. Er hat uns gezeigt, dass man sehr humorvolle, aber auch sehr ernsthafte deutsche Musik machen kann und dass man sich innerhalb von Jahrzehnten mehrfach neu erfinden kann.“

Der dreifache „Echo“-Preisträger Joris (26): „Grönemeyer, Lindenberg und einige andere haben große Pionierarbeit für die deutsche Musik geleistet. Davon darf auch ich heutzutage profitieren. Ich ziehe also den Hut und wünsche alles, alles Gute zum 60. Geburtstag.“

Von Peter Intelmann

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