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Kultur im Norden Graffiti voller Poesie und Humor
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18:10 03.01.2015
Banksy-Kommentar zur NSA-Abhöraffäre: Schlapphüte an einer Telefonzelle in Cheltenham (England). Quelle: dpa
London

Er kommt in der Nacht, vermutlich. Oder am Tag, wenn niemand da ist. Und wenn er geht, ist die Welt um ein Kunstwerk reicher, und ein bisschen besser als zuvor ist sie meistens auch.

Manchmal sieht man dann einen roten Luftballon in Herzform, geflickt mit vielen Pflastern. An einer Hauswand prangen zwei britische Polizisten in zärtlicher Umarmung. Ein kleiner Biber sitzt am Fuße eines tatsächlich umgekippten Verkehrsschildes. Oder bei den Pinguinen im Londoner Zoologischen Garten steht ein Transparent mit der Aufschrift: „Wir haben die Nase voll von Fisch.“ Der Mann, der so still und leise kommt wie die Nacht, heißt Banksy. Er ist ein Phantom. Und er ist ein Phänomen. Und im Grunde ist das schon fast alles, was man von ihm weiß.

Es gibt eine Reihe von Künstlern, die sich verbergen. Der deutsche Rapper Cro etwa trägt eine Panda-Maske, der Musiker Peter Licht gibt zwar Konzerte, sieht aber in keine Kamera. Und The Residents aus den USA gehen schon seit mehr als vier Jahrzehnten maskiert und unerkannt ihrer Arbeit als Avantgarde-Rockband nach.

Ein Mythos aus Bristol

Banksy aber ist noch geheimnisvoller. Von ihm gibt es bis auf seine Bilder, seine Bücher und seine Internetseite banksy.co.uk kaum ein Lebenszeichen. Und selbst das ist noch zweifelhaft. Trotzdem ist er der wohl bekannteste Street-Art- Künstler unserer Zeit. Wo alle Welt nach Bekanntheit strebt, wo Aufmerksamkeit die Münze ist, mit der nicht nur auf den Kunstmärkten bezahlt wird, verweigert er sich konsequent und wird eben dadurch zur Sensation. War das Geheimnis einst notwendig als Schutz für den jugendlichen Sprayer, hat er es jetzt zu einer Grundlage seines Ruhms gemacht.

Natürlich hat es Spurensuchen gegeben, und am weitesten hat sich dabei die britische „Mail on Sunday“ vorgewagt. Für sie ist heißt Banksy mit bürgerlichem Namen Robert Gunningham, ist 1973 als Sohn eines Bauleiters und einer Sekretärin in Bristol geboren. Ein Nachbar soll ihn auf einem Foto erkannt, ein Freund und ehemaliger Mitbewohner die Sache zumindest nicht dementiert haben. Und von einer früheren Vermieterin ist überliefert, dass Gunninghams Wohnung nach seinem Auszug mit Graffiti übersät gewesen sei.

Andere wollen ihn als Robert oder Robin Banks entlarvt haben, was gleich neben „robbin‘ banks“ zu finden wäre, also Bankraub und damit ebenfalls ein Bereich des Zwielichtigen und Verschwiegenen.

Auch eine vor zwei Jahren erschienene Biografie von Will Ellsworth-Jones brachte keine Aufklärung. Und der Meister selbst? Schweigt. Und genießt, vermutlich.

Begonnen hat er in Bristol, freihändig mit der Spraydose. Schon Anfang der Neunziger aber kamen Schablonen ins Spiel. Das war sauberer, effizienter — und schneller, als die Polizei erlaubt, was nicht ganz unwichtig ist für Graffiti-Sprayer. Er entwickelte eine unglaubliche Fertigkeit und eine Handschrift, die kaum zu verkennen ist. Seine Bilder werden teils für siebenstellige Summen gehandelt, in seine Ausstellungen strömen Zehntausende, auch wenn das Magazin „Cicero“ ihn schon vor drei Jahren für halbwegs überholt erklärt hat.

Da wohnt eine Poesie und ein großartiger Humor in seinen Arbeiten, eine Klage über die Unwirtlichkeit der Städte und ihrer Bewohner, die als feine Ironie daherkommt. „Der Humor ist oft das Zuckerbrot für die Peitsche seiner Kritik“, sagt Ulrich Blanché vom Institut für Europäische Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg, der sich intensiv mit Banksy beschäftigt hat. Und wenn der Künstler unter einem an die Wand gepinselten „Occupy“-Schriftzug „The Musical“ setze und damit die Aufweichung der kapitalismuskritischen Bewegung kritisiere, zeige das seine Unabhängigkeit auch gegenüber dem eigenen Milieu.

Anonymität als Kunstwerk

Blanché geht ebenfalls davon aus, dass sich hinter Banksy der seit fünfzehn Jahren abgetauchte Robin Gunninhgam verbirgt. Die Anonymität sei Teil seines Marktwerts „und vielleicht eines seiner wichtigsten Kunstwerke“, sagt er. Anfangs habe Banksy mit seiner Kunst noch zum Nachahmen anregen wollen, dieses Moment habe er aber inzwischen verloren. Er habe die Avantgarde-Nische verlassen und sei im Mainstream der Bekanntheit angekommen, seine Kunst aber schätze er nach wie vor.

Trotz des Mainstreams, trotz eines für den Oscar nominierten Dokumentarfilms und trotz all des Bemühens um Enttarnung bleibt Banksy verborgen. Letztlich wohl auch einem Reporter des „Guardian“, der ihn vor Jahren in einem Londoner Café getroffen hat. Oder getroffen haben will, so genau weiß man das nicht. Zwar saß ihm da ein junger Mann in Jeans, T-Shirt und mit einem silbernen Ohrring gegenüber und redete von Street Art und Graffiti und dass es eine wunderbare Möglichkeit sei, sich die Stadt zu erobern. Aber als er ihn fragte, ob er wirklich Banksy sei, sagte der: „Du hast keine Garantie.“ Selbst seine Eltern wüssten nicht, was er mache. „Sie glauben, ich bin Maler und Dekorateur.“ Aber wenn man‘s recht überlegt, liegen sie damit gar nicht so falsch.

Überraschung!
Banksy hat die Grenzen von Großbritannien mit seinen Schablonengraffiti längst überschritten. Banksy-Werke wurden in den USA, in Australien, Deutschland, Spanien, Österreich, Kanada, Italien, Jamaika, Japan, Israel und Palästina gesichtet. Eine Auswahl seiner Wand- und Raumkunst findet sich auf www.banksy.co.uk Die Street Art Banksys lebt von der Überraschung. Den Oktober 2013 verbrachte er in New York, jeden Tag tauchte irgendwo ein neues Bild auf. Im Central Park gab es einen Stand mit signierten Originalen auf Leinwand für 60 Dollar das Stück. Sonst werden sie für zehntausende Dollar gehandelt, diesmal aber wollte kaum jemand kaufen. Im Pariser Louvre tauchte eine Mona Lisa nach Banksy-Manier auf, im British Museum in London eine Banksy-Felsmalerei, auf der ein prähistorisches Männchen einen Einkaufswagen schiebt.

Peter Intelmann

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