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Grass-Gedichte und Gedanken über die Macht des Wortes

Lübeck Grass-Gedichte und Gedanken über die Macht des Wortes

Mit einer Lesung im Theater Lübeck endete das elfte Lübecker Literaturtreffen — Gedenken an den Gründer, der immer präsent war.

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. . .den Schriftsteller Tilman Spengler.

Quelle: Markus Scholz/dpa

Lübeck. Kurze Stücke aus ihren neuen oder neueren Werken, Ehrerbietungen an Günter Grass, Überlegungen über den Wert politischer Statements und die Macht des Wortes:

Nach eineinhalbtägiger Klausur begaben sich neun Schriftstellerinnen und Schriftsteller beim elften Lübecker Literaturtreffen in die Öffentlichkeit.

2005 hatte Günter Grass die Treffen ins Leben gerufen, um jüngere Schriftsteller aus der Einsamkeit zu holen, wie er im Februar vergangenen Jahres den Lübecker Nachrichten sagte. Denn für ihn selbst seien die Gruppe 47 und der kollegiale Ton dort ein Glücksfall gewesen.

Auf seinen Wunsch hin werden die Lübecker Literaturtreffen auch nach seinem Tod im April 2015 fortgeführt. Und so stellten sich in der Abgeschiedenheit seines Sekretariat in der Lübecker Altstadt Tilman Spengler, Nora Bossong, Lena Gorelik, Karen Köhler, Dagmar Leupold, Eva Menasse, Christiane Neudecker, Norbert Niemann und Fridolin Schley der Diskussion mit den Kollegen. Benjamin Lebert und Feridun Zaimoglu hatten kurzfristig abgesagt.

Bei der Abschluss-Lesung in den Kammerspielen des Theaters Lübeck saßen auch Grass-Witwe Ute Grass und Hilke Ohsoling, langjährige Sekretärin des Schriftstellers, im Publikum. Zu Ehren des Gründers trugen die Autorinnen und Autoren Lyrik von Günter Grass vor, das Gedicht „Fremdenfeindlich“ oder auch „Worüber ich schreibe“. Er wird schmerzlich vermisst, sein Geist aber schwebt über allem. „Er war nicht da und war doch da“, hatte Eva Menasse während des Treffens gesagt.

Tilman Spengler, Schriftsteller, Autor, Journalist und Sinologe, erinnerte an Grass‘ Beiträge zur Unsterblichkeit, die wie „ein Wölkchen aus einer Tabakspfeife aufsteigen konnten“. Spengler hat die Rolle des Gruppensprechers übernommen. Er moderierte auch den Abend und er tat es so launig, dass die Stimmung trotz aller Trauer nicht niedergedrückt war. Grass, der einen so feinen Humor besaß, hätten die drei kurzweiligen und streckenweise auch vergnüglichen Stunden vermutlich gefallen. Außerdem war es ein lehrreicher Abend. So erläuterte Spengler dem Publikum das „Lübecker Format“:

Vorträge von zehn Minuten Dauer, für die Zuhörer von akzeptabler Länge, für die beteiligten Autoren aber eine Selbstzensur, „die sonst nur in Nordkorea bekannt ist“.

Aus den noch nicht veröffentlichten Werken, die Thema des Literaturtreffens waren, haben die Schriftsteller übrigens meist nicht vorgetragen. Er habe eine Passage aus einem Essay zur Globalisierung vorgestellt und betrachte es als unmöglich, daraus zehn Minuten zu lesen, sagte Norbert Niemann: „Das bringt Ihnen nichts.“ Deshalb trug er aus seinem Roman „Die Einzigen“ vor. Karen Köhler las aus ihrem Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“. Eva Menasse präsentierte einen Text aus ihrem Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“, der im kommenden Jahr erscheinen soll. Seit vielen Jahren sammele sie skurrile Tiermeldungen aus dem Internet, aus Zeitungen und Zeitschriften, die sie den Texten voranstellt.

In Fridolin Schleys Text über eine Anti-Pegida-Demo in München findet sich der Satz „Texte bringen nichts“. Tilman Spengler protestierte. Ein gemeinsames politisches Manifest gab es anders als vor zwei Jahren dieses Mal indes nicht. „Die Haltung, die aus uns spricht, spricht aus unseren Werken“, sagte Spengler. Das Ziel, der Einsamkeit von Schriftstellern entgegenzuwirken, kann aber offenbar als erreicht gelten. „Klar, wir sagen, dass wir sind gern Schriftsteller, dass wir gern einsam sind“, sagte der Moderator. Aber es tue sehr gut, mal 300 Menschen um sich zu haben. Dann begaben sich die Autoren unters Volk, um ihre Bücher zu signieren.

FÜNF FRAGEN AN...
1 Sie haben Widmungen in Ihre Bücher geschrieben. Was schreiben Sie dort hinein? Es hängt ganz von der Person ab, die mir gegenüber sitzt. Ob sie erstens ihren Namen erwähnt haben möchte, ob sie zweitens den Eindruck macht, dass sie ein scheuer Sammler ist oder nicht und ob sie drittens es aushält, dass ich eine persönliche Widmung ausrichte.
2Was würde Günter Grass sagen, wenn er den heutigen Abend erlebt hätte? Er würde zunächst mal eine Flasche Schnaps aus dem Kühlschrank holen und den ausschenken und sagen „Ganz so schlecht wart ihr gar nicht."
3Haben Sie sich wohl gefühlt auf seinem Platz? Ich war nicht auf seinem Platz, ich saß da als eine Art Moderator. Eher so eine Art Kulenkampff. Es steigen mir solche Gedanken nicht zu Kopf.
4Ihre Kollegen wünschen sich dennoch, dass Sie die Rolle als Sprecher dauerhaft übernehmen. Ich habe einfach eine gewisse Neigung zur Schwatzhaftigkeit. Die ist nicht professionell, aber vielleicht gerade deswegen brauchbar. Deswegen kann ich das gerne auch wieder machen. Aber das sind Welten von Nobelpreisträgern und etwas anderem. Mir hat der Abend wunderbar gefallen, weil er gezeigt hat, was im Nachhinein der Geist von Günter Grass geformt hat an Leuten, die ihn begreifen.
5Heute waren besonders viele Autorinnen dabei. Bereichern Frauen einen solchen Abend anders als Männer? Frauen bereichern immer anders. In diesem Fall war das ganz eindeutig der Fall, obwohl ich das gar nicht so geschlechtsspezifisch sehe. Es hätte Günter sehr gefallen, dass gerade diese Frauen dabei waren. mwe

Liliane Jolitz

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