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Kultur im Norden Große Bilder einer zweiten Moderne
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19:12 04.07.2017
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Rostock

Das ist mal so richtig was fürs Auge. Und für das Hirn. Und die Seele. Dicht gehängt – ein Museumsdschungel zum Gucken – versammeln sich in der Rostocker Kunsthalle 84 Bilder des Leipziger Malers Wolfgang Mattheuer (1927-2004), der am 7. April 90 Jahre alt geworden wäre.

Jahrhundertschritt mit Talsperre. Eine Mitarbeiterin der Rostocker Kunsthalle stellt mit dem Gemälde „Talsperre Pöhl I.“ (1966) Mattheuers berühmte Skulptur „Jahrhundertschritt“ nach. Quelle: Fotos: Frank Söllner (1), Dpa

„Bilder als Botschaft“ heißt die Schau, die noch bis Mitte September zu sehen ist. Landschaften als politisch aufgeladene Botschaften. Porträts, die weit mehr zeigen als Gesichter, eine Haltung, auch politisch. Szenerien, die einen zeitgeschichtlichen, oft ikonografischen Bezug haben. Auch persönliche Arbeiten, die Menschen aus dem familiären Umfeld zeigen, aber über das Private hinausweisen. „Der Pilzputzer“ (1960) zeigt Mattheuers Vater Walter, „Abendliches Studium“ (1958/59) seine Frau Ursula. „Die Ausgezeichnete“ (1973/74), seine Mutter, als sie mit einem Orden in den Ruhestand verabschiedet wird. Die Ausgezeichnete ist eher eine Aussortierte. Ein gewagtes Statement damals.

Und immer wieder diese hintergründigen Landschaften, für die symbolisch sein wohl bekanntestes Gemälde „Hinter den 7 Bergen“ steht. Mattheuer war ein streitbarer Geist, seine Bilder sind streitbare Werke. Sie stellen sich quer. Er war zwar bis 1988 SED-Mitglied, aber nie Auftragskünstler und mit dem System auf Kriegsfuß.

Kunsthallendirektor Jörg-Uwe Neumann sagt zu dieser Zusammenstellung von Bildern aus 22 Museen und von 23 privaten Leihgebern aus ganz Europa: „Das wird so schnell kein Museum wieder hinkriegen.

Manche halten Mattheuer für den größten Künstler des 20. Jahrhunderts. Für mich ist er auf jeden Fall der größte Künstler der DDR gewesen. Der Held unserer Jugend.“ Wegen seiner Bildsprache und wegen seiner Haltung allen Systemen gegenüber – auch nach der Wende. Dafür steht seine berühmte Skulptur „Jahrhundertschritt“, eine Figur, deren rechte Hand zum Hitlergruß erhoben ist, die linke ist zur proletarischen Faust geballt – Zeichen für zwei totalitäre Weltanschauungen.

Mattheuer hat fast 800 Gemälde hinterlassen. Stefanie Michels von der Galerie Schwind in Leipzig, die Mattheuer seit 1995 vertritt, bezeichnet seine Arbeit als „eine zweite Moderne“. Es geht also um mehr als eine Bilderschau. Galerist Karl Schwind, der seit 1994 mit Mattheuer befreundet war, sagt, dass er oft am Straßenrand Mattheuer- Landschaften sehe. Aber: „Diese Ausstellung müsste eigentlich ein Museum im Westen machen. Aber die trauen sich nicht, die fassen Ostkünstler noch immer mit spitzen Fingern an. Überall ist die Wiedervereinigung geglückt. Nur nicht in der Kunst.“

Die Botschaft der Bilder und der Ausstellung lautet: Die Zeit ist reif für diese Kunst. Der deutsch-deutsche Bilderstreit der Nachwendezeit ist so aktuell wie der ostdeutsche Formalismusstreit der Nachkriegszeit. Nach der großen Apokalypse hat es nicht nur zwei Deutschlands, sondern auch zwei deutsche Kunstströmungen gegeben. Für die eine, die figurative Moderne als sozialer Realismus, steht Mattheuer, Mitbegründer der Leipziger Schule. Nach der Wende wurde er als ostdeutscher Pop-Art-Künstler bezeichnet. Für Schwind aber war Mattheuer surreal, sachlich, Pop- Art – „Mattheuer eben“.

Michael Meyer

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