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Große Erzählung eines kleinen Mannes

Lübeck Große Erzählung eines kleinen Mannes

Ein herausragendes Bühnenereignis: „Die Blechtrommel“ von Günter Grass am Theater Lübeck.

Familienbild mit zwei Vätern: (v. l.): Oskar-Erzähler Vincenz Türpe mit Susanne Höhne, Peter Grünig (Alfred Matzerath) und Henning Sembritzki (Jan Bronski).

Quelle: Fotos: Thorsten Wulff

Lübeck. Es war einmal eine Romanfigur, die verfolgte ihren Schöpfer sechs Jahrzehnte lang bis zu dessen Tod in Lübeck und noch darüber hinaus.

LN-Bild

Ein herausragendes Bühnenereignis: „Die Blechtrommel“ von Günter Grass am Theater Lübeck.

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Es war einmal ein Lübecker Schauspieler, der sich in die Rolle des Schriftstellers hineinfantasierte, bis er von dem Imitierten nicht mehr zu unterscheiden war.

Es war einmal ein Stadttheater, das wollte die größten Werke der größten Autoren würdigen, die mit dem Ort verbunden sind. Natürlich das Lübecker Theater.

Und so kamen das Märchen von Oskar Matzerath – also das Jahrhundertwerk „Die Blechtrommel“ –, sowie Günter Grass in Gestalt seines Doppelgängers Andreas Hutzel auf die große Bühne und in eine Reihe mit den Roman-Dramatisierungen von Thomas Mann, wie sie das Haus in der Beckergrube seit knapp einem Jahrzehnt pflegt.

Den Schelmenroman von 1959 zum Theaterstoff zu machen, ist ein anspruchvolles Unternehmen. Denn Grass’ Held Oskar hat mit drei Jahren sein Wachstum eingestellt, um der Welt lebenslang aus der Perspektive des Kindes zu begegnen. Wie stellt man das dar? Volker Schlöndorff hatte für seinen Oscar-prämierten „Blechtrommel“- Film von 1979 das Glück, auf den klein und staunend gebliebenen David Bennent zu treffen. Am Thalia-Theater in Hamburg ging Regisseur Luc Perceval für seine Version 2015 in eine entgegengesetzte Richtung: Er ließ seinen Oskar in Gestalt der über 70-jährigen Barbara Nüsse wie eine Figur von Käthe Kollwitz auftreten.

Für die erste „Blechtrommel“- Dramatisierung auf der Ruhrtriennale 2010 boten Jan Bosse und Armin Petras sieben Oskar-Darsteller auf, und mit einer Videokamera wurde die Perspektive des kleinen Oskars auf eine Leinwand projiziert. Diesen Kunstgriff wählten nun auch Andreas Nathusius und sein Autor Peter Schanz bei der Lübecker Fassung. Und man darf sagen: Ihnen gelingt eine virtuose Umsetzung des Romans. Auch wenn die Spielzeit noch jung ist: Diese „Blechtrommel“ ist das Lübecker Theaterereignis der Saison.

Bevor Oskar die Bühnenwelt betritt und bevor er in Friedenszeiten und Kriegswirren mit kalter Anteilnahme beobachtet, wie sich sein kleinbürgerliches Umfeld in Erotik, Politik und Überlebenskampf verheddert, werden Videos präsentiert: Das Regieteam hat Bürgerinnen und Bürgern mit der Kamera aufgelauert und eine Einschätzung zur Hauptfigur des Abends gefordert. Von „So’n kleiner Lausbub und Spanner“ bis zu „faszinierend“ (Bürgermeister Bernd Saxe) werden die ungefähren Erinnerungen an Romanlektüre oder Kinoerlebnis verbalisiert. Der Erkenntnisgewinn ist gering, doch der dramaturgische Effekt ist bestechend: Es muss um eine reale Figur gehen, eine prominente zumal, an deren Biografie wir alle teilhaben.

Die Bühnenerzählung setzt wie der Roman dann mit der Genealogie des Oskar Matzerath ein. Mit der Zeugung seiner Mutter unter den fünf Röcken der Großmutter, mit den beiden Vätern Oskars, der rheinischen Frohnatur Alfred Matzerath und dem erotisch wagemutigen, aber sonst unbedarften polnischen Postbeamten Jan Bronski, mit der Geburt des Oskar im Licht einer Glühbirne.

All das wird mit sparsamen Mitteln auf einer weiß verhangenen Bühne erzählt. Und zwar meist von fünf ganz in Weiß gekleideten Oskar-Darstellern, denn der, der sein Leben erzählt, ist bekanntlich „Insasse einer Heil– und Pflegeanstalt“. So wird deutlich, dass dieser Zwerg eine multiple Persönlichkeit ist: Opfer, Täter, Zwangscharakter, Freiheitsheld. Die fünf lassen auch eine Oskar-Puppe mitspielen, die als Trommelkind die Erzählung illustriert. Und immer wieder erscheint Günter Grass. Der Schriftsteller, kenntlich gemacht durch Kordjackett, Pfeife und Bedenken-Miene, durchpflügt die Aufführung mit passenden und unpassenden politischen Einmischungen zur Festung Europa oder seinem Bekenntnis, bei der Waffen-SS gewesen zu sein. Schauspieler Andreas Hutzel stellt ihn mit einiger Ironie dar, doch nicht als Karikatur. Gezeigt wird ein Autor, der für mehr stehen will als diesen bedeutendsten deutschen Nachkriegsroman.

Nathusius glücken intensive Bilder durch den Einsatz der Kamera, die das Auge des Kleinwüchsigen ist. Doch auch die Schauspieler spielen groß auf. Neben Hutzel ist da Peter Grünig zu nennen, der bei seiner Darstellung des Alfred Matzerath deutlich Mario Adorf in dessen Film-Rolle zitiert.   Patrick Berg tritt als einer der Oskar-Darsteller hervor mit intensivem Mienenspiel und großen kindlichen Augen auf. Henning Sembritzki als Jan Bronski und Nadine Boske als Maria Matzerath glänzen als Unglückspaar.

Trotz der Verknappung der Romanhandlung – die Nachkriegskapitel werden nur gestreift – ist die Inszenierung von Ehrfurcht vor der Sprachgewalt des späteren Literaturnobelpreisträgers geprägt. Es gilt das geschriebene Wort. Um in Grass’ Erzählduktus zurückzufallen: Es war einmal ein Theaterabend, der Geschichtsanschauung, Kunststück und große Unterhaltung vereinte ...

Weitere Aufführungen: So., 16. 10., 18 Uhr, Sa., 29. 10., 19.30 Uhr, Großes Haus des Theaters Lübeck.

Über die Wurzeln von Fanatismus

Der Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann erforscht seit Jahrzehnten, wie sich Menschen in unsicheren Situationen verhalten. In seinem neuen Buch „Die radikalisierte Gesellschaft“

stellt er die Frage nach den Wurzeln von Fanatismus und nach Möglichkeiten, das vielfach bedrohte Selbstwertgefühl von Menschen zu stärken. Das Theater Lübeck hat Lantermann zu einer Lesung eingeladen. Denn Bezüge zu Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“, der Kleinbürger versammelt, deren persönlichen Sorgen und Ängste in faschistischem Denken und Handeln, in der Brutalität des Zweiten Weltkriegs münden, drängen sich auf. Die Sonderveranstaltung am Dienstag, 18. Oktober, beginnt um 20 Uhr im Jungen Studio.

 Michael Berger

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