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Kultur im Norden Großer Künstler und Möchtegern-Nazi
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18:10 05.07.2017
Berlin

Nach zehn Jahren schon wieder ein Film über den großen norddeutsch-dänischen Maler, den Magier der Farben, Emil Nolde?

Der in Kiel geborene Filmemacher Wilfried Hauke hat es getan. Jetzt stellte er seinen 100 Minuten langen Dokumentarfilm rechtzeitig zum 150. Geburtstag des Malers am 7. August in der schleswigholsteinischen Landesvertretung in Berlin vor. Und der neue Hausherr Ingbert Liebing (CDU-Staatssekretär) freute sich über einen vollen Saal mit einigen Hundert Gästen.

Zu sehen war ein Film, der so ganz anders ist als der Vorgänger aus dem Jahre 2006. „Träume am Meer – Der Maler Emil Nolde“ hieß das Stück damals, und das Ganze war vor allem eine opulente Würdigung „der aufwühlenden Lebensgeschichte eines der wichtigsten Maler des Expressionismus“, den die Nazis als „entartet“ bezeichnet hatten. Nolde, ein Opfer der Nationalsozialisten? Jetzt, bei der Vorstellung seines neuen Films, bekennt Hauke, er sei „damals in die Nolde-Falle getappt“. In seiner jetzigen Arbeit beleuchtet er die Verstrickungen des Malers ins NS-Regime und schafft damit einen Film voller einprägsamer Bilder, zum Teil noch nie öffentlich gezeigter Aufnahmen des privaten Nolde, seiner Ehefrau Ada und natürlich seiner farbensprühenden Werke. Zugleich jedoch, und dies ist die Stärke des Films, lässt er Zeitzeugen und Historiker zu Wort kommen.

Der junge, engagierte Direktor der Nolde-Stiftung im nordfriesischen Seebüll Christian Ring hat für den Film etwa die Zeitzeugin Veronica Ewaldsen gewinnen können. Sie war die Ehefrau des ersten Stiftungs-Direktors Joachim von Lepel, der 1962 verstorben war. Frau Ewaldsen hatte nach ihrem Ausscheiden aus der Stiftung jahrelang geschwiegen. Im Film erinnert sie sich nun nicht nur an Emil Nolde, an den grauen Opel P4, den Ehefrau Ada fuhr, sondern auch daran, wie die Nazi-Vergangenheit des Malers bewusst verschwiegen wurde.

Wie Druck auf Biografen ausgeübt wurde, jeden Hinweis auf NS-Verstrickungen Noldes zu verschweigen.

Dabei war Nolde auch ein Möchtegern-Nazi, ein glühender Verehrer von Adolf Hitler, um dessen Anerkennung er allerdings vergeblich buhlte. Bereits 1934 war er der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig, die später in der NSDAP aufging, beigetreten. Nolde schrieb 1938 einen Monat nach der Pogromnacht, er sei stolz auf seine jahrzehntelang „geführten Kulturkämpfe gegen die herrschende Überfremdung in allem Künstlerischen und gegen die alles beherrschende jüdische Macht“. Die Verachtung für seine Werke durch Hitler und andere Nazigrößen hielt Nolde für ein großes Missverständnis. Stiftungs-Direktor Ring sagt: „Wir haben nicht den Drang, Emil Nolde vor irgendetwas zu beschützen. Sein großartiges Werk hält das aus.“ Dass Nolde allerdings nie seine NS-Verstrickungen, nie seine Schuld bekannt habe, bedauert Ring.

Nolde im Film und Museum

„Emil Nolde – Maler und Mythos" heißt der neue Film von Wilfried Hauke; die Dokumentation wird am Sonntag, 6. August, um 11.30 Uhr im NDR-Fernsehen gezeigt. Zum 150. Geburtstag des Malers zeigen Museen in Flensburg, Kiel, Schleswig, Wolfsburg und Ahrenshoop sowie die Nolde-Stiftung in Seebüll Werke des Künstlers.

Im Sommer 2018 wird das Lübecker Museum Behnhaus/Drägerhaus Papierarbeiten Noldes ausstellen.

Reinhard Zweigler

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