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Großes Theater am Volkstheater

Rostock Großes Theater am Volkstheater

Der Paukenschlag am Rostocker Volkstheater hallt noch nach. Nach der fristlosen Entlassung des Intendanten wird ein Nachfolger präsentiert.

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Ein Mann, der polarisierte: Sewan Latchinian (55) war zur Spielzeit 2014/15 als Intendant des Rostocker Volkstheaters gestartet.

Quelle: Archiv, Kettler

Rostock. Einen Tag nach der Entlassung des Intendanten Sewan Latchinian beginnt am Rostocker Volkstheater die Neuordnung. Der scheidende Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin, Joachim Kümmritz, erklärte sich bereit, das Haus zu führen. Vordringliche Aufgabe seiner Tätigkeit in Rostock werde es sein, den „Krieg zwischen allen Beteiligten“ um das Volkstheater zu beenden, sagte Kümmritz gestern.

 

LN-Bild

Der 66-Jährige beendet seine Tätigkeit in Schwerin planmäßig zum Ende der noch laufenden Spielzeit. Seit März 2014 leitet er auch die Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz an zwei Tagen in der Woche.

Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) rechtfertigte die Entlassung Latchinians. „An erster Stelle war dies eine Entscheidung für die Mitarbeiter am Volkstheater“, sagte er. „Wir können nun wieder den Blick nach vorn richten und haben Rahmenbedingungen geschaffen, die Theaterangebote in Rostock dauerhaft zu finanzieren und damit zu sichern.“ „Mit Herrn Kümmritz setzen wir dabei auf die Erfahrungen eines Theatermachers, der mit der Kunst- und Kulturszene im Lande bestens vertraut ist und Angebote für ein breites Theaterpublikum entwickeln kann“, erklärte Methling.

Der Hauptausschuss der Bürgerschaft hatte am Montag die sofortige Entlassung Latchinians beschlossen. Das Vertrauensverhältnis sei zerstört. Das höchste Entscheidungsgremium nach der Bürgerschaft folgte einem Antrag des Rostocker Bundes: Auf 13 Seiten hatten Fraktionschefin Sybille Bachmann – zugleich Aufsichtsratschefin des Theaters – aufgelistet, wie Latchinian das Vertrauen der Gesellschafter verspielt und dem Theater geschadet habe. Er habe unter anderem die beschlossene Umstrukturierung blockiert und die Planung der neuen Spielzeit verschleppt. Mit einem ähnlichen Antrag war Bachmann im April noch gescheitert. Damals sollte der Intendant 150000 Euro Abfindung erhalten, nun geht er nach dem Willen der Stadtpolitik leer aus. Der Intendant hatte noch bis 2019 einen Vertrag.

Der 55-jährige Latchinian war mit reichlich Vorschusslorbeeren als Intendant des Rostocker Volkstheaters in die Spielzeit 2014/15 gestartet. Doch rasch nach seinem Amtsantritt traten erhebliche Konflikte zwischen Latchinian auf der einen, dem Kultusministerium und dem Rostocker Rathaus auf den anderen Seite auf. In Schwerin wurde zu dieser Zeit eine Theaterreform in Gang gebracht. Ziel dieser umstrittenen Reform ist die Fusion mehrerer Theater. In der Öffentlichkeit trat Latchinian stets als Verfechter eines starken Volkstheaters nicht nur mit allen vier Sparten auf, er wollte mit einer Bürger- und einer Puppenbühne auch noch zwei weitere Sparten aufbauen. Eines seiner zentralen Zitate war: „Wir trotzen dem Kulturabbau, der Barbarei und Kulturlosigkeit in der Politik.“

In der Rostocker Politik herrschte Erleichterung nach der Trennung. „Wenn man nicht mehr zusammenarbeiten kann, ist eine gesichtswahrende Trennung richtig. Leider wollte der OB keine Abfindung zahlen“, so Linken-Chefin Eva-Maria Kröger. „Kümmritz ist vielleicht die letzte Chance, das Theater zu entwickeln. Latchinian hat einen Zuschauereinbruch und Imageschaden zu verantworten“, sagte CDU-Chef Daniel Peters. Jan-Ole Ziegeler von der „Initiative Volkstheater“ hingegen kommentierte die Personalie so: „Es ist das Allerletzte, wie ein hervorragender Theater-Mann aus der Stadt gejagt wurde.“

Weil in wenigen Wochen auch der kaufmännische Geschäftsführer Stefan Rosinski das Volkstheater verlässt – er geht als neuer Theater-Chef nach Halle –, musste das Gremium zugleich einen neuen Chef bestellen: Kümmritz, auf den die Wahl fiel, ist aber auch noch Intendant in Neustrelitz. „Wir werden jetzt mit den Gesellschaftern des Theaters in Neustrelitz und Neubrandenburg sprechen müssen. Es darf nicht passieren, dass das eine Theater gerettet wird, das andere aber einen erfolgreichen Macher verliert“, so Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD).

Die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) betonte die Pflicht von Theater- und Stadtführung, das Ensemble vor weiteren Querelen zu schützen. „Die vergangenen Monate waren eine extreme psychische Belastung“, so GDBA-Chef Jörg Löwer. Die Mitarbeiter bräuchten endlich wieder Ruhe zum Arbeiten und äußere Umstände, um sich auf ihre Kunst konzentrieren zu können.

Latchinians Anwältin Doris Geiersberger kündigte an, gegen die Entlassung rechtliche Schritte einzulegen. „Wir halten die Begründung für nicht tragfähig.“

Am Freitag findet die Premiere des Stücks „Sex und Liebe“ statt, bei dem Latchinian die Regie führte. Der Ort der Aufführung ist aber noch unklar. am/dpa

Der neue Intendant

Joachim Kümmritz (geboren 1949 in Berlin, Foto) gilt als Urgestein in der Theaterlandschaft Mecklenburg-Vorpommerns. Der Schweriner Generalintendant ist seit 1979 in verschiedenen Funktionen am dortigen Theater tätig. 1999 wurde er zum Generalintendanten berufen. Am Ende dieser Spielzeit scheidet er aus diesem Amt aus. Zugleich fungiert Kümmritz seit 2014 am Theater in Neustrelitz/Neubrandenburg ebenfalls als Intendant.

Die Theater in Mecklenburg-Vorpommern stehen vor einer tiefgreifenden Umgestaltung. Im Westen (Schwerin, Parchim) und Osten (Greifswald, Stralsund, Neubrandenburg, Neustrelitz) sollen durch Fusion der Theater in kommunaler Trägerschaft zwei echte Staatstheater mit dem Land als Hauptgesellschafter entstehen.

LN

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