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Gut geölte Integrationsmaschine

Lübeck Gut geölte Integrationsmaschine

Die deutsch-iranische Stand-Up-Komikerin Enissa Amani wird in der Musik- und Kongresshalle Lübeck persönlich.

Lübeck. Enissa Amani macht erst einmal Krawall. „So eine hässliche Halle“ nennt sie Lübecks heilige MuK. Und dann will sie nicht verstehen, warum der Saal nicht voll ist. „Was ist das für eine behinderte Veranstaltung?“, schnaubt sie ins Mikrofon. Für eine einzelne Rollstuhlfahrerin wird die Komödiantin später noch einen Behindertenwitz reißen, „damit sie sich nicht diskriminiert fühlt“. Den LN-Fotografen verdächtigt sie sodann, einer „der Wichser von der ,Bild‘- Zeitung“ zu sein. „Schreib, was du willst“, fügt sie an, „liest ohnehin kein Schwein.“

 

LN-Bild

Enissa Amani (31) erzählt aus ihrem Leben.

Quelle: Foto: Olaf Malzahn

Großes Gelächter.

Diese Eröffnung ihres Auftritts, den sie, aus nicht ersichtlichen Gründen, „Mainblick“ nennt, ist Pose und Provokation. Wie bei vielen aus Fernsehen und Internet bekannten Witzbolden gilt auch bei Amani: Sie meint es nicht so. Sie spricht ständig in An- und Abführungszeichen. Wie all die Mario Barths oder Cindys aus Marzahn schürft sie den Spaß aus den Untiefen ihres biografischen Bergwerks.

Amani hat da etwas zu bieten. Die Tochter von linken Akademikern, die den Iran aus politischen Gründen verlassen mussten, protzt mit zwei abgeschlossenen Studienabbrüchen, sie hatte auf ProSieben ihre eigene Fernsehsendung und war im Kinofilm „Fack ju Göhte 2“ eine Flugbegleiterin. Eine deutliche Neigung zur Logorrhöe (auf deutsch: Sprechdurchfall) hat sie auf die Bühne getrieben, wo sie sich anstandslos entleeren kann.

Es genügen ihr zwei Adjektive – „krass“ und „suuuper“. Super ist: „Ich will die Welt ständig verändern.“ Krass ist: „Aber eigentlich nur Schuhe kaufen.“ Das könnte man als belanglos abtun, doch ganz nebenbei erweist sich Amani als gut geölte Integrationsmaschine. Sie ruft die verschiedenen Nationalitäten im Publikum auf, einen Türken, der sich als Mehmet zu erkennen gibt, einen Kurden namens Ahmad, Osteuropäer, Iraner, alle längst Deutsche. Amani nennt sie „Kanaken“ und schließt sich selbst mit ein. Auch Michael und Marie, Matthias und Monika spricht sie an: „Es gibt also noch Deutsche ohne Migrationshintergrund.“

Sie kann sich die Namen über die zweieinhalb Stunden ihres Auftritts merken und macht die Leute zum Teil ihres Eintracht stiftenden Programms. Sie spricht auch über ihre eigene Unsicherheit und ihren subtilen Rassismus beim Fliegen, wenn neben ihr der bärtige Mann anfängt, den Koran zu lesen. Den fragt sie sicherheitshalber: „Was haben Sie morgen vor?“, in der Hoffnung, dass er nicht sofort aus dem Leben scheiden will. Und alle, egal ob Kurden, Türkinnen, Biodeutsche oder Polen, lassen sich von Enissa Amani willig bespaßen. Sie feiert mit ihnen die verbindende Kraft und Normalität der kulturellen Differenz.

mib

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