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Gut zu Fuß im Großstadt-Dschungel

Hamburg Gut zu Fuß im Großstadt-Dschungel

Die Ausstellung „Sneaker – Design für schnelle Füße“ zeigt im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe bis Ende August die Transformation des Sportschuhs zum Kultobjekt.

Die Ausstellung „Sneaker – Design für schnelle Füße“ zeigt die Transformation des Sportschuhs zum Kultobjekt.

Quelle: Michaela Hille

Hamburg. Vielleicht kann man das alles zurückführen in das Jahr 1985. Zum Ursprung des Hypes. Zu dem Moment, als aus einem Gebrauchsobjekt, dem schnöden Turnschuh, so etwas wie das Statement eines Lebensstils wurde. 1985, als der junge Joschka Fischer auf Turnschuhen ins hessische Landesparlament latschte, um sich als Minister vereidigen zu lassen.

1985, als in den USA der junge Basketballer Michael Jordan zusammen mit der Firma Nike einen Sportschuh entwickelt und gerade auf den Markt gebracht hatte, der seinen Namen trug: „Air Jordan“ in rotschwarzen Farben entsprechend jener der Chicago Bulls, bei denen der Basketballer mit seinen enormen Jumps zum Korb alle anderen weit unter sich ließ.

1985, als Nikes deutscher Konkurrent Adidas die New Yorker Kult-Rapper „Run DMC“ für einen Sneaker mit ihrem Namen an die Werbefront schickte, dorthin, wo der gesamte Life- und Streetstyle der jungen Rap- und Hiphop-Szene auf Turnschuhen mit offenen Schnürsenkeln fußte.

Irgendwann damals muss diese Transformation begonnen haben, in deren Verlauf aus dem Sportschuh der Sneaker, und aus dem Sneaker das modische Statement eines jungen Lebensstils jenseits der Konventionen wurde. Und der lässig coole Dreh- und Angelpunkt einer Streetfashion, an der die großen Marken wie Adidas, Asics, Nike, Puma und Reebok Milliarden verdient haben. Marken, die sich Jahr um Jahr mit neuen spektakulären Kollektionen, noch raffinierteren Sohlenkonstruktionen, ausgeflippteren Designs, prominenten Werbeträgern und preisverdächtigen Werbespots zu übertreffen suchten. Und damit den Sneaker inzwischen zu einem Kunstobjekt hochgepusht haben.

Jedenfalls widmet das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe nun erstmals einem Schuh eine ganze Ausstellung und zeigt neben 140 Modellen – historische Sportschuhe, von berühmten Sportlern getragene Modelle, ausgewählte und von Sammlern zusammen getragene Schätze besonderer Exemplare – auch 140 Plakate und Druckgrafiken, die zeigen, mit wie viel Kreativität und Energie die Marken das Image der Sneaker ausgebaut haben.

An den Plakaten für einzelne Werbekampagnen und Druckgrafiken wird erkennbar, warum und wie sich ausgerechnet der Sportschuh über alle Länder- und Kulturgrenzen hinweg zum hipsten Treter aller Zeiten mausern konnte. Er steht für jene Eigenschaften, die den Menschen zu einer solch erfolgreichen Spezies machten: Beweglichkeit, Wendigkeit, Kraft, Ausdauer und Antrieb. Stärken, die im Großstadtdschungel einer modernen Gesellschaft zusehends verloren gehen. Die Sneaker-Kampagnen beschwören sie wieder herauf. Da werden die Schuhe zu Lungenflügeln, transformieren zum Pfeil, entwickeln animalische Kraft. Eine Serie von Schwarz-Weiß-Grafiken der japanischen Werbeagentur Dentsu illustriert, was nach dem Ende aller Katastrophen völlig unversehrt bleibt: die Chucks von Converse. Die Ausstellungsmacher versichern, dass die großen Marken die Schau in keiner Weise finanziell unterstützen, sondern lediglich einzelne Modelle und Werbegrafiken als Exponate beigesteuert haben.

Auch private Sammler haben Stücke zur Verfügung gestellt. Längst werden Sneakers wie Kunstobjekte gehandelt – zu entsprechenden Preisen. Die legendäre von Adidas vertriebene Kollektion „Yeezy“ des Rappers Kanye West erzielt Renditen von mehr als 400 Prozent. Der „Yeezy 1“ werde mit 3000 Dollar gehandelt, erklärt der Hamburger Sammler Morano, der das Museum bei der Konzeption unterstützt hat.

„Das hat sich seit einigen Jahren extrem aufgebläht: Die Leute versuchen mit einem enormen Aufwand an spezielle Sneakers, zum Beispiel aus Limited Editions, zu kommen, um sie originalverpackt für viel Geld weiterzuverkaufen.“ Der schnöde Sportschuh – völlig abgehoben!

„Sneaker – Design für schnelle Füße“, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, Steintorplatz, bis 28. August

 Regine Ley

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