Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Nordische Filmtage: Die schwierige Heimat
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Nordische Filmtage: Die schwierige Heimat
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:30 02.11.2018
„Für unsere Familie war Heinrich Dräger ein Gerechter unter den Völkern:“ Bettina Blumenberg über den Lübecker Unternehmer, der seine schützende Hand über ihren Vater gehalten hat. Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

Er war acht, als ihm sein Vater ein Teleskop schenkte und Hans Blumenberg (1920-1996) sich daran machte, eine Zeitschrift zu gründen. Es ging um Astronomie, früh schon, und auch später ließ ihn der Kosmos nicht los. Da war er längst einer der großen Denker seiner Zeit, ein Philosoph, der die Dinge grundsätzlich anging. Lübeck aber, seine Heimatstadt, blieb für ihn eine offene Wunde. In „Hans Blumenberg – der unsichtbare Philosoph“, einer Art Roadmovie des Regisseurs Christoph Rüter, ist das zu besichtigen.

Der Film lief am Mittwoch während der Filmtage im Cinestar. Und er könnte ein Anfang sein, die Erinnerung an Hans Blumenberg neu zu beleben. „Es ging eine Welle des Erstaunens durchs Publikum“, sagt seine Tochter Bettina, die mit im Kino saß. „Da habe ich gedacht: Vielleicht geht jetzt etwas los.“

Demütigungen in der Schule

Hans Blumenberg war der Sohn eines Lübecker Kunsthändlers und Verlegers. 1939 machte er am Katharineum Abitur, das beste Schleswig-Holsteins in jenem Jahr, aber die Abiturrede durfte er nicht halten. Es war nicht die einzige Demütigung, die ihm wegen der jüdischen Herkunft seiner Mutter widerfuhr. Es kamen andere hinzu. Und wenn Heinrich Dräger ihm – und anderen – nicht Arbeit in seinem Unternehmen verschafft und ihn Anfang 1945 aus dem Lager zurückgeholt hätte, hätte er den Nationalsozialismus vielleicht nicht überlebt. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem werde als Gerechter unter der Völkern geehrt, wer auch nur ein Menschenleben gerettet habe, sagt seine Tochter. „Für unsere Familie war Heinrich Dräger ein Gerechter unter den Völkern.“

Vier Kinder

Hans Blumenberg und seine Frau Ursulahatten vier Kinder. Bettina ist die einzige Tochter und verwaltet auch den Nachlass des Philosophen. Ihr Bruder Caspar ist Jurist und lebt in Hamm, Tobias ist Zahnmediziner in Ravensburg, Markus war Chemiker in Köln und ist 2013 gestorben. Er hatte sich ein Anwesen in Grömitz gekauft, wo aber die Mutter bis zu ihrem Tod 2010 gelebt hat. Auch Bettina Blumenberg hatte schon ein Haus in Scharbeutz als Alterssitz ins Auge gefasst. Die Kunsthistorikern und Literaturwissenschaftlerin arbeitet als Autorin, Übersetzerin und Kunstberaterin und lehrt als Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in München, wo sie auch wohnt. In Lübeck lebt von der Familie niemand mehr.

Dräger hat dem so überaus Begabten auch Geld gegeben, damit er nach dem Krieg studieren konnte. Blumenberg kam rasch voran, wurde mit 30 Jahren in Kiel habilitiert und ging nach Professuren in Hamburg, Gießen und Bochum 1970 nach Münster, wo er bis zu seiner Emeritierung lehrte. Dort in der Nähe, in Altenberge, ist 1996 auch gestorben. Lübeck aber, sagt seine Tochter, sei er immer tief verbunden gewesen. Sie und zwei ihrer Brüder seien auf Wunsch der Eltern in Lübeck geboren worden, auch wenn die Familie zu jener Zeit schon gar nicht mehr in der Stadt lebte.

Großzügig sei ihr Vater gewesen, humorvoll, mit einem schönen Sinn für Ironie. Und voller Temperament, unternehmungslustig, dem Leben zugewandt. Ihre Eltern hätten ein offenes Haus geführt, es seien Freunde gekommen, Kollegen. Aber ihr Vater habe immer auch den Rückzug gebraucht, die Abgeschiedenheit der Bücher, und daher vorwiegend in der Nacht gearbeitet. Und je mehr Zeit verrann, desto stärker habe er diese Einsamkeit gesucht. „Er wollte sein Werk zu Papier bringen“, sagt sie. Er habe unter den Nazis acht Jahre verloren und sich auferlegt, durch weniger Schlaf einen Tag pro Woche aufzuholen.

Erst Anfang der Neunzigerjahre hat es eine Annäherung der Stadt an ihren berühmten Sohn gegeben. Unter Bürgermeister Michael Bouteiller und Kultursenator Ulrich Meyenborg wurde erwogen, ihm die Ehrenbürgerwürde anzutragen. Es gab Briefe, weitere Briefe, und Blumenberg zeigte sich tief bewegt. „Er war erschüttert“, sagt seine Tochter, „aber es war eine ambivalente Erschütterung: tiefe Freude einerseits, aber auch eine Art von Entsetzen und Traurigkeit.“ Pastor Günther Harig vom Kuratorium der Petrikirche hatte ihm ebenfalls geschrieben, auch ohne Erfolg.

Die ganze Zerrissenheit

Die Post aus Lübeck legte alte Verletzungen wieder frei. Sie erinnerte an die Demütigungen in der Schule, an das silberne Abiturjubiläum 1964, als er „jedem die Hand zu geben bereit war“, wie er schrieb, aber „glücklos“ noch am selben Abend wieder abreiste. Einige sollen sogar wegen ihm der Feier ferngeblieben sein. Blumenberg hatte Freunde in Lübeck und war auch über lange Zeit mit ihnen in Kontakt, aber er mied die Stadt. Zur Beerdigung eines Freundes ist er hingefahren, hat sich nach der Beisetzung aber sofort wieder auf den Heimweg begeben. Seine Antwort auf den ersten Brief der Stadt machte denn auch seine ganze Zerrissenheit deutlich. Er nehme die Einladung zwar an, könne für die Realisierung aber keine Zusage machen, schrieb er. „Dieses Ausweichen erfüllt mich mit Trauer.“ Im März 1996 starb er. Bei einem Festakt ein halbes Jahr später in St. Petri im Beisein der Familie wurde seiner gedacht, aber zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde kam es nicht mehr.

„Er ist Ehrenbürger zumindest in unseren Köpfen“, sagt Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauer, die auch bei der Vorstellung im Kino anwesend war. „Aber es wäre gut für Lübeck, sich dieses großen Sohnes der Stadt zu erinnern. Das passt in die Aufarbeitung dieser schwarzen Zeit.“ Die Geschichte Hans Blumenbergs sei noch viel zu wenigen bekannt.

In der Stadt erinnert heute der Hans-Blumenberg-Weg im Hochschulstadtteil an den Philosophen. 2006, zu seinem zehnten Todestag , wurde an seinem Geburtshaus in der Hüxstraße 17 eine Tafel enthüllt. „Nachdenklichkeit heißt: Es bleibt nicht alles so selbstverständlich,. wie es war“, ist darauf ein Satz Blumenbergs zu lesen.

Und immer noch erscheinen neue Bücher von ihm, das letzte gerade erst im Oktober: „Phänomenologische Schriften 1981-1988“. Der Fundus sei „schier unerschöpflich“, sagt seine Tochter. Es werde daher weitere Veröffentlichungen geben. Auch an die Publikation von Schriftwechseln sei gedacht, etwa mit dem Lübecker Martin Thoemmes. „Das möchte ich sehr gerne“, aber das wissenschaftliche Werk habe einigen Vorrang.

„Hans Blumenberg – der unsichtbare Philosoph“ ist am 19. November um 20 Uhr noch einmal im Koki (Mengstraße 35) zu sehen.

Peter Intelmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Lübecker Henri Haake hat in Berlin freie Kunst studiert. Der Kurzfilm von Friedrich Tiedtke porträtiert den 29-jährigen Maler, der sich jetzt in der Kunstwelt behaupten muss.

02.11.2018

Albert Dyrlund aus Kopenhagen ist Dänemarks bekanntester Youtuber. Im Film „Team Albert“ spielt er sich selbst – und kam zur Vorstellung persönlich ins Kino.

02.11.2018

Mit einem Film aus Estland wurden die 60. Nordischen Filmtage am Dienstag eröffnet. In „Die kleine Genossin“ ist ein darstellerisches Ereignis zu bewundern: die junge Hauptdarstellerin Helena Maria Reisner.

02.11.2018