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Harter Schnitt fürs „Heide-Hollywood“

Harter Schnitt fürs „Heide-Hollywood“

Bendestorf. Splitternackt hat hier einst Hildegard Knef vor der Kamera gestanden. „Die Sünderin“ sorgte Anfang der Fünfzigerjahre für viel Wirbel, im niedersächsischen Bendestorf entstand ein Stück bundesdeutscher Kulturgeschichte. Doch jetzt ist endgültig Schluss mit dem „Heide-Hollywood“.

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Bendestorf war im Nachkriegsdeutschland das Zentrum der westdeutschen Filmindustrie – der Glanz des kleinen Hollywood in der Nordeide ist längst verblichen.

Quelle: Fotos: Philipp Schulze/dpa

Die Studios werden abgerissen. Eine Baggerschaufel bricht durch die Wand, ein Sonnenstrahl fällt durch die Staubwolke in die Halle A1, wo der berühmte Streifen 1950 entstanden ist. Der Zweite Weltkrieg war da erst fünf Jahre vorbei. Bendestorf ist eine gediegene Wohngegend im Speckgürtel Hamburgs. „Wir bauen hier 30 Wohnungen“, sagt Projektentwickler Friedrich-Wilhelm Lohmann. Er ist sich der Bedeutung des Ortes durchaus bewusst. Seine Tochter Julia ist Kamerafrau, sie hält die noch einige Wochen dauernden Arbeiten in einem Dokumentarfilm fest. Ein Trakt bleibt erhalten – für das Filmmuseum Bendestorf.

LN-Bild

Bendestorf. Splitternackt hat hier einst Hildegard Knef vor der Kamera gestanden. „Die Sünderin“ sorgte Anfang der Fünfzigerjahre für viel Wirbel, im niedersächsischen Bendestorf entstand ein Stück bundesdeutscher Kulturgeschichte. Doch jetzt ist endgültig Schluss mit dem „Heide-Hollywood“.

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„In Bendestorf spiegelt sich der Neuaufbau der westdeutschen Filmindustrie mit all ihren Problemen“, sagt Peter Stettner, Leiter des Filminstituts der Hochschule Hannover. Bendestorf wurde durch Rolf Meyer, Gründer der Jungen Film-Union (JFU), zu einem wichtigen Standort neben Göttingen, München und Berlin.

„Er kam im April 1945 noch vor Kriegsende nach Bendestorf, mit dem Fahrrad und zwei Palmin-Kartons“, erzählt Stettner. Dann besetzen die Briten den Ort. Meyer kann Englisch und wird als politisch unbelastet eingestuft, die Besatzer machen den 34-Jährigen zum kommissarischen Bürgermeister. Der ausgebildete Musiker hat schon früher Drehbücher geschrieben. Die zuvor so wichtigen Ufa-Studios in Babelsberg liegen jetzt im Osten, das kleine Bendestorf wird zum Mini-Hollywood in der Heide.

Im April 1947 bekommt Meyer die Lizenz für eine eigene Filmgesellschaft, die JFU entsteht. Es ist die Zeit des sogenannten Trümmerfilms, „Menschen in Gottes Hand“ mit Paul Dahlke wird auch vor der Kulisse der Kriegsruinen gedreht. In Bendestorf spielen damalige Leinwandgrößen wie Gustav Fröhlich, Zarah Leander, Heinz Rühmann und Hans Albers. Doch auch die neuen Stars kommen: Hardy Krüger, Gunnar Möller, Sonja Ziemann.

Im Januar 1951 läuft der in Schwarzweiß gedrehte Skandal-Streifen „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef in den Kinos an. Allein in den ersten drei Monaten wollen ihn vier Millionen Menschen sehen.

„Über die Jahre sind es mehr als 20 Millionen geworden“, sagt Walfried Malleskat. Der 66-Jährige ist ehrenamtlicher Museumsleiter und Vorsitzender des Trägervereins. „Der Film hat viel Staub aufgewirbelt und war ein Riesen-Kassen-Erfolg“, sagt der begeisterte Kinogänger.

Die Jahre 1947 bis 1951 sind die Hochzeit der Bendestorfer Filmstudios; nach der Pleite der JFU 1951 übernimmt die Fink-Film, die nun die Ateliers an andere Produzenten vermietet. John Lennon macht 1966 in Bendestorf Probeaufnahmen für seinen Antikriegsfilm „Wie ich den Krieg gewann“. „Anthony Perkins hat seinen letzten großen Spielfilm hier gedreht: ,Der Mann von nebenan’ (1991)“, berichtet Malleskat. Der weinrote Morgenmantel von Perkins ist gleich hinter dem Eingang des Museums zu sehen.

Auch Musiker kommen in die Nordheide. Von 1989 bis 2013 hat das Vox-Klangstudio hier seinen Sitz. Größen wie Peter Maffay und Udo Lindenberg nehmen dort auf, auch Rammstein kommen nach Buchholz. „Die letzte große Filmproduktion war 2015 ein Spielfilm über Fritz Lang mit Heino Ferch“, sagt Malleskat. Dann ist Schluss, zwei Jahre später wird das Gelände verkauft.

Was bleibt, ist der Gebäudetrakt mit dem Museum. Unter einem Glassturz ist ein Original-Drehbuch mit handschriftlichen Notizen von Regisseur Forst zu sehen – das der „Sünderin“ natürlich.

Von Peer Körner,

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