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21:10 04.08.2018
„Natürlich ist nicht jeder Raptext pulitzerpreisverdächtig“: Kulturwissenschaftlerin Sina Nitzsche. Quelle: Fotos: Privat, Dpa, Afp (1)
Lübeck

Der Rapper Drake schlägt derzeit alle Rekorde, auch solche, die die Beatles vor mehr als 50 Jahren aufgestellt haben.  Woher kommt dieser enorme Erfolg von Hip-Hop?

Warum ist Hip-Hop so erfolgreich? Weil er sich ständig erneuert, sagt die Expertin Sina Nitzsche.

Zur Person

Dr. Sina Nitzsche lehrt am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Technischen Universität Dortmund. Sie ist Gründerin des European HipHop Studies Netzwerks und hat über verschiedene Facetten der HipHop-Kultur in Deutschland und den USA publiziert und war Gastdozentin an verschiedenen Universitäten.

Das hat viele Gründe. Der amerikanische Hip-Hop erlebt mit Künstlern wie Drake, Kendrick Lamar, Kanye West, Jay-Z & Beyoncé, Migos und Cardi B zurzeit eine extrem kreative Phase. Die Texte, Lieder und Musikvideos sind musikalisch und künstlerisch auf allerhöchstem Niveau und stehen der Poetik anderer etablierterer Kunstformen in nichts nach.

Was hat Hip-Hop, was die Rockmusik nicht hat?

Im Gegensatz zur Rockmusik ist die Hip-Hop-Kultur nicht nur ein einzelnes Musikgenre, sondern ein weltweites „Universum“ mit eigenen Elementen und Werten. Zu den Kernelementen der Kultur gehören Rap, DJing, Graffiti und Tanz. Respekt, Toleranz, Wissen und kreativ-friedlicher Wettbewerb sind ihre zentralen Werte. Zudem ist Hip-Hop im Vergleich zur Rockmusik sehr gut darin, sich auf neue künstlerisch-kreative und musikalische Strömungen einzulassen, sie sich einzuverleiben und zu perfektionieren.

Also ist Hip-Hop noch lange nicht ausgereizt?

Nein, es ist eben ein extrem flexibles Kulturphänomen und erneuert sich ständig. Trotzdem beobachte ich so etwas wie Entwicklungsphasen. Hip-Hop ist in den 1970er Jahren in der New Yorker Bronx entstanden und spätestens seit den 1980ern in der US-amerikanischen Popkultur fest verankert. In den Neunzigern war Rapmusik auch in Deutschland überall zu finden, sie lief bei MTV, in Clubs, bei Festivals oder im Radio. In den 2000ern hat sie sich aus verschiedenen Gründen wieder in den Untergrund zurückgezogen. Seit ein paar Jahren ist sie wieder da, und sie ist stärker und innovativer als je zuvor. Gerade die aktuelle US-Rapmusik hat ein extrem hohes sprachliches und künstlerisches Niveau erreicht, was auch die Vergabe des Pulitzerpreises an Kendrick Lamar im Frühjahr verdeutlicht. In der Begründung lobte die Jury seine komplexen Texte und die Poetik, mit der er die Erfahrungen der afroamerikanischen Bevölkerung thematisiert.

Aber der deutsche Rapper Gzuz sagt: „Straight in die Fresse mit gar keiner Message.“ Dem ist an kritischem Bewusstsein oder einer Botschaft offenbar wenig gelegen.

Natürlich ist nicht jeder Raptext pulitzerpreisverdächtig – ebenso wenig wie jedes Buch. Es ist aber auch eine Qualität von Hip-Hop, Emotionen sehr direkt transportieren zu können. Nicht zuletzt darum bewegt er die Jugendlichen. Aber Gangsta-Rap kann durchaus auch politisch sein. In Deutschland hatte er seinen kommerziellen Durchbruch, als die Hartz-Gesetze verabschiedet wurden. Manche Wissenschaftler erkennen einen direkten Zusammenhang zwischen der wachsenden sozialen Ungleichheit in unserer Gesellschaft und dem Rapgenre, welches diese Ungleichheiten auf künstlerische Weise ausleuchtet. Wenn man manchen Gangsta-Rappern also genau zuhört, sieht man: Es geht bei aller ironischen Inszenierung und performativen Grenzüberschreitung oftmals um Armut, Diskriminierung und um den Überlebenskampf. Für manche bürgerlichen Mittelschichtsohren ist dies sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber so verschaffen sich die Künstler den Themen und sich selbst Gehör.

Warum sollte man Rapper wie Kollegah und Farid Bang ernst nehmen, wenn sie Auschwitz bagatellisieren?

Das ist eine wirklich schwierige Frage. Aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive sind Texte immer eine inszenierte Performance, die wenig mit dem Fleisch und Blut des Autors zu tun hat. In der Gedichtanalyse in der Schule lernen Schüler auch von Anbeginn zwischen Autor und lyrischem Ich zu unterscheiden. Genauso ist das im gesprochenen Gedicht, im gerappten Wort, also im Sprechgesang.

Als Kulturwissenschaftlerin kann ich über die Analyse von Songs, Filmen und auch Romanen Rückschlüsse über kulturelle Tendenzen und Entwicklungen ziehen. Die Texte von Kollegah und Farid Bang zeigen, dass die Verunglimpfung von Menschen, die in Auschwitz umgekommen sind, ein breiteres gesellschaftliches Phänomen ist, für das es auch einen großen Markt zu geben scheint. Die Rapper nehmen diese antisemitischen Tendenzen in ihren Songs, Videos und Alben auf und verstehen es, diese geschickt zu kommerzialisieren. Die Echo-Kontroverse erlaubt es uns zudem, auch Fragen nach der Rolle der Rapmusik als „Komplizin“ in diesen gesellschaftlichen Diskursen zu stellen und zu eruieren, inwieweit Antisemitismus auch ein Phänomen in der amerikanischen Rapmusik ist oder ob es dort sogar eine ähnliche Tradition gibt.

Auf welche Altersgruppe zielt Hip-Hop?

Die Gründerväter und -mütter dieser Kultur sind mittlerweile über 60 Jahre. Hip-Hop ist also ein generationsübergreifendes Phänomen, wenn auch nicht für die ganze Gesellschaft. Aber in den USA zum Beispiel ist Hip-Hop als Wissenschaft und als gelebte Kulturpraxis viel stärker verankert als bei uns.

Wohin entwickelt sich Hip-Hop zurzeit?

Spannend ist Trap oder Cloud Rap, eine Spielart des Rap, die ihren Ursprung in Atlanta hat. Sie ist sehr basslastig, geht sparsam mit Text um und ist mit Künstlern wie RIN, Bausa oder Young Hurn inzwischen auch im deutschsprachigen Raum megaerfolgreich.

Der Anteil von Hip-Hop am Gesamtumsatz der Musikindustrie ist etwa drei Mal so groß wie der von Klassik. Warum findet er in den traditionellen Medien trotzdem viel weniger statt?

Vielleicht liegt es daran, dass in den Musikredaktionen der etablierten Medien Leute mit eher wenig Verständnis für die globalen Jugendkulturen des ausgehenden 20. und frühen 21. Jahrhunderts arbeiten. Sie behandeln vielleicht Musik, die sie vor allem selbst mögen und ihrem eigenen bürgerlichen Wertesystem entspricht. Aus einer Critical-Race-Studies-Perspektive würde ich hier sogar ein Beispiel für strukturellen Rassismus sehen. Das weiße patriarchalische Bildungsbürgertum, welches oftmals in solchen journalistischen und medialen Machtpositionen sitzt, nimmt Hip-Hop tendenziell nicht als Kultur wahr. Unser System scheint in dieser Hinsicht viel zu selektiv zu sein. Je höher man in gesellschaftliche Elitepositionen kommt, desto geringer scheint das Verständnis für die Hip-Hop-Kultur und deren Bedeutung für die Jugendlichen zu sein.

Ist deutscher Hip-Hop noch wieder ein Sonderfall?

Natürlich, jede Hip-Hop-Kultur auf der Welt ist einzigartig, auch auf regionaler oder lokaler Ebene. Das ist ja gerade ihre Stärke. Ihre Wurzeln reichen zurück bis nach Afrika und über den mythischen Gründungsort New York City ist sie zum globalen Phänomen aufgestiegen. Sie hat sich über popkulturelle Medien global verbreitet und Fans und Praktiker vor Ort haben sie immer wieder individuell angeeignet und mit lokalen Geschichten und Musiktraditionen angereichert. Interview: Peter Intelmann

LN

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