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Haus der Musik für neugierige Ohren

Lübeck Haus der Musik für neugierige Ohren

Lübecker Essigfabrik – ein Ort für spannende Musik-Projekte. Nun startet das anspruchsvolle Programm wieder.

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Vier Gesichter des Programms der Essigfabrik (v. l.): Matthias Lassen („Neue Musik im Ostseeraum“), Ninon Gloger („Klangrauschen“), Daniel Fritzen (Skrjabin-Experte) und Sopranistin Andrea Krumkühler („Das ewig Weibliche zieht uns hinan“).

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Lübeck. Lübeck Als der Industriedesigner Peter Messerschmidt vor etwas mehr als zehn Jahren die ehemalige Essigfabrik an Lübecks Kanalstraße erwarb, geriet er in den Besitz eines Sanierungsfalles. Es brauchte fünf Jahre, bis das Ensemble hergestellt war. Dann zogen Künstler in Ateliers ein, im großen Saal, der Galerie Essig mit ihrer hervorragenden Akustik, erklang erstaunliche Musik zwischen frischen Kunstwerken.

 

LN-Bild

...Peter Messerschmidt, Eigentümer der Essigfabrik.

Quelle:

Peter Messerschmidt bemühte sich wieder um einen Problemfall: um zeitgenössische Tonkunst und ihre Interpreten. Neue Musik hat kein großes Publikum, aber sie hat gute Freunde. Wie Messerschmidt, der erst im Kontakt mit Musikern die Faszination der etwas abenteuerlicheren Klänge entdeckt hat (siehe Interview).

Und wie Matthias Lassen (44) vom Verein „Neue Musik im Ostseeraum“, Pianist und Musiklehrer. „Mit zeitgenössischer Musik bekommt man selten die Musik- und Kongresshalle voll, selbst das Lübecker Kolosseum ist für uns oft zu groß. Die Essigfabrik ist meist die beste Adresse“, sagt er. Schwedische und finnische Komponisten hat sein Verein hier vorgestellt, der Hamburger Ioannis Papadopoulos erlebte in der Galerie eine Uraufführung. Für einen Abend zum 80. Geburtstag von Lübecks prominentestem Komponisten Friedhelm Döhl, bei dem Matthias Lassen am Flügel sitzen wird, geht sein Verein dann doch ins befreundete Kolosseum.

Ein ständiger Gast in der Galerie Essig ist der Pianist Daniel Fritzen (38), der 2010 vom Studium in Kalifornien nach Lübeck zurückkam und eine Auftrittsmöglichkeit suchte. Er verfügt zwar über ein Repertoire von Bach bis Boulez, doch er sieht sich als Gesandter der Musik des Russen Alexander Skrjabin. „Die faszinierende Klangwelt dieses verrückt-genialen russischen Mystikers kann süchtig machen“, sagt Fritzen. Er wird die magischen Klänge des1915 mit 43 Jahren verstorbenen Erfinders einer atonalen Kompositionstechnik bei einer Matinee am 11. September vorführen und auch erklären.

Denn: „In Skrjabins Musik gibt es Ansätze für Sinnsuche und persönliche Lebensdeutung.“ „Ich verlange keinen Eintritt, ich spiele auf Spendenbasis“, sagt der Pianist, der von einem Nebenberuf als Buchhalter lebt. Bis zu 40 Zuhörer kommen zu seinen Morgenveranstaltungen, die sich meist als großzügige Geber erweisen.

Eine Institution in der Galerie ist die Konzertreihe „Klangrauschen“, Untertitel: „Musik für neugierige Ohren“. Initiatorin ist die Pianistin Ninon Gloger (33), die mit allen neuen und auch Pop-Wassern gewaschen ist. „In der Essigfabrik hat unser Ensemble Radar die Möglichkeit zu intensiver Probenarbeit“, sagt die Musikerin. „Hier ist das Publikum nahe an der Musik dran, es gibt keine Schwellenangst.“ Die kleine Halle sei ein ergiebiger „Begegnungsraum“. Am 6. November wird das nächste „Klangrauschen“ ertönen: Ein Trio aus Sopran, Jazzsaxofon und Klavier spielt neue Interpretationen von Werken der Romantik und der frühen Moderne.

Weiter in die Zukunft reicht der Plan der Sopranistin und Gesangspädagogin Andrea Krumkühler (44): Sie wird das Mozart- Singspiel „Bastien und Bastienne“ mit Jugendlichen im Frühjahr in der Galerie aufführen. Für sie ist die Essigfabrik „nicht nur ein Ort für fertige Künstler, sonder auch für junge Leute auf dem Weg zum Künstler oder Musiker“. Und sie hält die Fahne der traditionellen Klänge hoch. Mit ihrem Programm „Das ewig Weibliche zieht uns hinan“ hat sie hier gemeinsam mit anderen Sängerinnen Liebeslieder intoniert.

Was in der Essigfabrik seinen Anfang nahm, muss nicht in der Nische bleiben. Das Trio Catch aus Boglárka Pecze (Klarinette), Eva Boesch (Cello) und Sun-Young Nam (Klavier) ist als Echo-Rising Star ausgezeichnet worden, der Preis war eine Tour durch die großen Konzertsäle Europas. „Bei Peter Messerschmidt fand unser erstes öffentliche Konzert statt, hierher kehren wir jährlich zurück“, sagt die gebürtige Ungarin Pecze. Das Trio wird am 17. Dezember in der Essigfabrik zu Gast sein mit dem Konzertformat „Ohrknacker“: „Hier werden Ohren geöffnet, hier erklingen neue Töne, die bisher noch kein Ohr vernommen hat“, so Boglárka Pecze. Man braucht keinen Mut, um zuzuhören. Nur Neugierde.

Matinee: Daniel Fritzen spielt Skrjabin, So., 11. 9., 11 Uhr, Eintritt frei, Spende erbeten. Kammerpop: Um 19 Uhr ist am 11. 9. Sven Riepen mit „Gimme Hope, Jo’anna – Musik aus und über Afrika“ zu erleben (Eintritt: 15/9 Euro).

DREI FRAGEN AN...

1 Herr Messerschmidt, Sie geben der Neuen Musik viel Raum in Ihrer Galerie Essigfabrik. Was haben Sie persönlich für eine Verbindung zu den Neutönern? Das Metier haben mir die Musiker eröffnet. Zum Beispiel das Trio Catch, das bei mir sein erstes Konzert gegeben hat, auch das Projekt „Klangrauschen“. Ich muss gestehen, ich habe mich zuvor gar nicht mit Neuer Musik beschäftigt. Jetzt finde ich sie sehr spannend, das konzentrierte Zuhören kann ein wunderbares Klangerlebnis sein.

2 Welche Musik haben Sie gehört, bevor Sie von diesen Klängen infiziert wurden? Ich habe viel Klassik gehört, aber auch Chansons und was man als Singer- Songwriter-Musik bezeichnet.

3 Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Galerie Essig zum großen Teil einer Minderheitenmusik zu überlassen? Profitstreben kann es nicht gewesen sein. Ja, für das Finanzamt bin ich keine Attraktion. Ich muss allerdings ein bisschen Gewinn erzielen, um zurechtzukommen. Das, was ich in die Konzerte stecke, wird kompensiert durch Vermietung und Veranstaltungen in der Galerie. Der Raum selbst aber sagte mir, dass darin noch etwas anderes stattfinden muss – Musik, die etwas zu sagen hat.

Michael Berger

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