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Haydns kleine Mittagsmusik

Lübeck Haydns kleine Mittagsmusik

Auftakt der „Lunchtime Concerts“ des Brahms-Festivals — Großer Andrang im Museum Behnhaus.

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Keine Furcht vor Haydns „Scherz“-Quartett: Hugo Moinet aus Frankreich (2. Geige) und Hye-Rhin Rhee aus Südkorea (Bratsche) in der Diele des Behnhauses.

Quelle: Neelsen

Lübeck. Das Konzertformat des Brahms-Festivals, das nicht in der Musikhochschule, ihren Außenstellen oder dem sakralen Raum verbleibt, sondern stark in die Stadt hinein ausstrahlt, ist das tägliche „Lunchtime Concert“. Der Name sagt es dem Fremdsprachenkundigen bereits: Diese Reihe findet zur Mittagessenszeit statt. Allerdings abseits der Gastronomie — im Museum Behnhaus/Drägerhaus.

LN-Bild

Auftakt der „Lunchtime Concerts“ des Brahms-Festivals — Großer Andrang im Museum Behnhaus.

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Gestern war Auftakt zu den sechs Aufführungen, und es war erstaunlich, wie viele Lübecker und Auswärtige ihre Mittagspause mit Joseph Haydn verbringen wollten. Haydn wird — parallel zum Schwerpunkt des Schleswig-Holstein Musik Festivals — in der Reihe ausschließlich gespielt, als Erfinder der Gattung Streichquartett und als Komponist von insgesamt 68 Quartetten wird er von studentischen Ensembles gefeiert.

Die Behnhaus-Diele war zum Konzertsaal aufgerüstet, doch vor der Musik kam die Unterweisung. Wolfgang Sandberger, Professor für Musikwissenschaft und Leiter des Brahms-Instituts, kann auf seinen Vorfahren Adolf Sandberger verweisen, einen Haydn-Experten. Ihm verdankt er die Kenntnis eines Briefs, den Johannes Brahms 1855 an Clara Schumann schrieb und in dem es heißt: „Gestern Abend spielte Joachim Quartett (das Streichquartett des Virtuosen Joseph Joachim). 5 Haydnsche! Es wurde mir fast oder wirklich zu viel. 3 lasse ich mir höchstens gefallen.“ Doch er bemerkt auch:

„Wunderbar schön und meisterhaft sind doch diese Quartette.“

Was zu demonstrieren war — von einem multinationalen Ensemble, eingeschworen von Kammermusikprofessor Heime Müller („Hier aufzutreten ist für die Studierenden eine Auszeichnung“): Daniel Abrunhosa aus Portugal und Hugo Moinet aus Frankreich an den Violinen, die Koreanerinnen Hye-Rhin Rhee und Yura Park an Viola und Cello. Das zweite Quartett aus dem Haydn-Opus 33 gingen die vier ohne erkennbare Aufgeregtheit recht zügig an. Man durfte erleben, was Sandberger zuvor versprochen hatte: Haydns Musik steckt voller Witz und Finten. Sie täuscht das Volksmusikhafte nur an, sie lässt Akademisches aufblitzen, vor allem ist sie nicht so harmlos, wie ihr oft nachgesagt wird.

Das zweite Quartett op. 33 wird „Der Scherz“ genannt, vielleicht weil Haydn hier erstmals das traditionelle Menuett durch ein Scherzo ersetzt hat? Oder weil am Schluss des vierten Satzes eine Pointe kommt? Es folgen da noch ein paar Takte, und die letzten beiden sind identisch mit den ersten zwei. Für Sandberger ein Indiz dafür, dass Haydn eine Zeitschleife andeuten wollte. Und ein Beispiel für Ironie im seriösen Kontext. Wenn Streichquartett-Literatur zur Diskussion steht, kommt der Moderator nicht an Goethes Sätzen zu diesem Genre vorbei: „Man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten, glaubt ihren Discursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennenzulernen“, hatte der Dichterfürst einmal notiert. Sandberger räumt ein, dass das Zitat etwas Plattitüdenhaftes habe. Doch auch er sprach von der Vielschichtigkeit des Stils und der Gleichberechtigung der Stimmen. Nun ja, man erlebte, dass die erste Geige auch in der Königsdisziplin der Kammermusik immer noch die erste Geige spielt, dass die anderen überwiegend Begleitmusik liefern. Doch eines ist gewiss: Man ging gescheiter und auch beschwingter hinaus aus diesem Konzert. Das Publikum war hingerissen.

Lunchtime Concerts: bis So., täglich um 12.30 Uhr im Behnhaus/Drägerhaus (Königstraße 9-11, Lübeck), Eintritt frei

Auf den Flügeln des Gesangs

Festival-Konzerte in der Villa Eschenburg haben einen wunderbar intimen Charakter — viel besser kann man Kammermusik der Romantik nicht präsentieren. Als erstes von drei Konzerten des Brahms-Festivals in diesem Jahr in der Villa standen Gedicht-Vertonungen auf dem Programm.

Der Reigen begann mit Goethes „Gretchen am Spinnrad“ und Schuberts berühmter Liedversion. Auf diese nahm Franz Liszt mit einem Lied ohne Worte Bezug, auch Louis Spohr, Richard Wagner und Giuseppe Verdi vertonten Goethes Zeilen.

Ein gewaltiger Erfolg zu seiner Zeit war auch Eduard Mörikes Gedicht „Agnes“, mehr als 30 Mal wurde es vertont. In der Villa Eschenburg waren die Versionen von Ernst Friedrich Kaufmann, Hugo Wolf und Johannes Brahms zu hören. Drei romantische Kompositionen und doch in Ansatz und Stil unterschiedlich geformt — man meinte fast, dass sich die Komponisten verschiedene Texte vorgenommen hatten.

Ein interessanter Einblick in ein sehr spezielles Kapitel der Musikgeschichte. Nach der Pause dann Schubert pur. „Trockne Blumen“ aus dem Zyklus „Die schöne Müllerin“ nach dem Gedicht von Wilhelm Müller, zunächst als Lied, dann als Variationenwerk für Flöte und Klavier. Der wie immer unterhaltsam moderierende Wolfgang Sandberger brachte zeitgenössische Einwände gegen die Variationen vor — sie sind nicht Schuberts beste Komposition.

Am Ende gab es viel Applaus für die Sängerinnen Dorothee Bienert, Fiorella Maria Hincapie Colorado und Milena Juhl sowie für die Pianisten Hylee Chang, Mikkel Møller Sørensen, Stefan Veskovic und die Flötistin Miriam Altenburg. Fel

Von Michael Berger

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