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Kultur im Norden „Heimat ist Deutschland“
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00:33 14.06.2018
Sängerin Namika. Quelle: Felix König/Agentur 54°
Lübeck

Namika, was heißt der marokkanische Ausdruck „Que Walou“ auf Deutsch? „Que Walou“ hat zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen. Zum einen „für nichts“, wenn man sich also umsonst und ohne Erfolg abgemüht hat, und zum anderen: „dafür nicht“ im Sinne von „gern geschehen“. Ich verbinde beide Bedeutungen auf meinem Album zum eigenen Mantra: Selbst, wenn ich etwas vergeblich gemacht habe, habe ich es gern gemacht.

Im Titelstück singst du über deine Kindheit, die nicht immer einfach war. Ja. Wir hatten nicht viel. Ich habe meinen Vater nie kennengelernt, auch der Vater meiner Geschwister war irgendwann weg. Dementsprechend konnte meine Mutter nicht arbeiten gehen und hat Hilfe vom Staat bekommen, Hartz IV. Das war eine harte Zeit, doch ich schätze diese Zeit auch. Ich kenne den Kontrast und bin dankbar für alles, was gerade passiert.

Du hast schon als Teenager Hip-Hop gemacht. Wie sehr wurde dein Leben auf den Kopf gestellt, als du vor drei Jahren mit „Lieblingsmensch“ plötzlich einen Riesenhit hattest? Verändert hat sich, dass es deutlich mehr Interesse an mir als Person und an meiner Musik gegeben hat. Ich habe viel mehr live gespielt, ohne Ende Interviews gegeben, der Alltag ist seitdem viel stärker durch meinen Beruf geprägt. Mein Selbstbildnis aber hat sich nicht verändert. Meine Freunde sind dieselben geblieben, meine Familie behandelt mich wie immer, und als Popstar habe ich mich sowieso noch nie gefühlt.

Kann es sein, dass dein neues Album persönlicher ist als das erste? Das kann nicht nur sein, das ist so (lacht). Jetzt, da mich mehr Menschen kennen, hatte ich das Gefühl, mehr über mich erzählen zu können. Ich wollte beim Debüt auch noch nicht alle Themen rausschießen. „Que Walou“ ist also definitiv autobiographischer als „Nador“.

Das Stück „Ahmed (1960-2002)“ handelt von deinem Vater. Was weißt du über ihn? Meine Mutter hat mir erst vor kurzem sehr viel über ihn erzählt. Ich musste hartnäckig nachbohren, ich glaube, sie wollte mich auch ein bisschen schützen. Ohne ihre Geschichten hätte ich diesen Song gar nicht schreiben können. Mein Leben lang war immer diese Lücke da, ich habe meinen Vater ja nie kennengelernt. Dieses Loch ist jetzt ein Stück weit geschlossen.

Dein Vater hat deine Mutter noch vor deiner Geburt verlassen, ist kriminell geworden und saß lange in Marokko im Gefängnis. Irgendwann drohte er, dich zu entführen. Was genau ist damals geschehen? Wie jedes Jahr in den Sommerferien waren wir in Marokko, um unsere Verwandten zu besuchen. Ich war neun Jahre alt und spielte draußen, als meine Tante angelaufen kam und sagte, ich müsse im Haus bleiben. Mein Vater wollte mich nach fünf Jahren sozusagen zurückhaben und schickte meinen Opa vor, um mich zu holen. Der hat hat das nicht hingenommen und ihn weggeschickt, dann drohten sie uns mit Anwälten und der Verbindung zum Königshaus und dass sie dafür sorgen würden, dass ich Marokko nicht mehr verlassen kann.

Hättest du deinen Vater gerne kennengelernt? Auf jeden Fall. Mit 14, als ich alt genug war, um zu realisieren und zu verstehen, was geschehen war, denn bis dahin fand ich es ganz normal, nur eine Mama zu haben, kam der Anruf, dass er verstorben sei. An Krebs.

„Hände“ ist ein Duett mit – ausgerechnet – Farid Bang. Hast du überlegt, ihn nachträglich vom Album zu streichen wegen seiner antisemitischen und frauenfeindlichen Entgleisungen, die rund um die „Echo“-Verleihung in die breite Öffentlichkeit gelangt sind? Nein. Selbstverständlich finde ich viele seiner Texte nicht gut, und jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mit Hass nichts anfangen kann. Aber ich finde es schön, dass Farid es geschafft hat, auf diese Weise eine Frau zu würdigen. Und dass er sich auf mich und meine Musik eingelassen hat.

Was verbindet euch? Tatsächlich unser Schicksal. Auch er wuchs ohne Vater auf und wurde von seiner Oma großgezogen. Mich hat berührt, dass ihn das berührt. Und der Song ist und bleibt ein schöner Song, der mit den jüngsten Ereignissen nichts zu tun hat.

Du bist als eine von nicht so sehr vielen Frauen im deutschen Hip-Hop verwurzelt. Hat Deutschrap ein Problem mit Frauen? Nein, das würde ich so nicht unterschreiben. Warum sollen wir von der Musikszene erwarten, dass sie vorangeht, solange wir insgesamt nicht von Gleichberechtigung reden können? Wenn man zum Beispiel als Frau für den selben Job weniger Geld bekommt als ein Mann, dann ist das immer unfair.

Siehst du dich als Feministin? Natürlich. Für mich ist jeder Mensch ein Feminist, der an die Gleichberechtigung glaubt. Fremd ist mir allerdings die kämpferische Art des Feminismus. Mit den Themen und Gedanken einer Alice Schwarzer, die sicher viel geleistet hat in ihrer Zeit, kann ich mich heute nicht mehr so gut identifizieren. Ich hasse auch ganz bestimmt nicht wahllos Männer. Ich finde, wir haben heutzutage insgesamt als Frauen nicht mehr die krassen Probleme wie damals. Wir sind auf einem guten Wege.

Feministische Politik macht Angela Merkel sicherlich nicht. Da stimme ich dir zu. Aber das ist wohl eine Generationenfrage. Trotzdem kann ich von der Kanzlerin meines Landes erwarten, dass sie die Frauen von heute fragt, wo der Schuh drückt. Aber dafür muss man halt erstmal Interesse haben und auch Interesse zeigen.

Kann man sagen, dass du mittendrin steckst in aktuellen Debattenbegriffen wie Heimat, Integration, Migration und Identität? Also: Heimat ist bei mir ganz klar Deutschland. Eine Integration war nicht nötig. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, in meinem Pass steht ,Deutsche’. Das steht auch auf dem Dokument meiner Großeltern, die damals nach Deutschland eingewandert sind. Laut Definition bin ich auch keine Migrantin mehr, der Status fällt ab der dritten Generation sozusagen weg.

Neben den ernsten Liedern gibt es auf „Que Walou“ auch heitere Stücke, etwa das fröhliche „Liebe Liebe“. Handelt das Liebeslied von jemand bestimmtem? Nein, nein. „Liebe Liebe“ ist ein Liebeslied an die Liebe als solche. Ich vermisse ein bisschen das Gefühl von Verliebtheit. Vielleicht klappt es ja mit Frühlingsgefühlen im Sommer.

 Steffen Rüth

Zur Person

Namika alias Hanan Hamdi ist 26 Jahre alt und stammt aus Frankfurt am Main. Auf „Que Walou“, so der Titel ihres zweiten Albums, probiert sich die Enkelin marokkanischer Einwanderer gefällig an Pop, HipHop, R&B und sogar einer Art von Chanson („Je ne parle pas francais“). Melancholie und Lebensfreude halten sich dabei musikalisch ziemlich gut die Waage, noch spannender aber sind Namikas Inhalte. Und dass es auf dem neuen Album auch ein Duett mit Farid Bang gibt, ist natürlich Garant für viel Aufmerksamkeit. Bang gilt als Skandal-Musiker, seit er zusammen mit seinem Partner Kollegah eine respektlose Zeile über Auschwitz rappte.

LN

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