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Kultur im Norden „Heimat wird überschätzt“
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18:17 11.07.2018
„Ich wurde erst Werder-Fan, als ich nicht mehr in Bremen wohnte“: Sven Regener. Quelle: Foto: Charlotte Goltermann/hfr

Sie kommen aus Bremen und leben seit mehr als 30 Jahren in Berlin. Ist Ihnen eine dieser Städte das, was man Heimat nennen könnte?

Nun ja, eigentlich beide. Bremen ist die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, Berlin ist die Stadt, in der ich leben will. Und das schon sehr lange. Aber die erste Stadt prägt einen sehr, in den ersten 20 Lebensjahren ist man ja noch viel mehr beeindruckbar als in den nächsten 40.

Braucht man eine Heimat?

Weiß ich nicht, keine Ahnung. Ich nehme den Begriff nicht so wichtig. Und es kommt ja wohl vor allem darauf an, was man darunter versteht.

2005 haben Sie Heimat „für überschätzt“ gehalten. Warum? Und sehen Sie das immer noch so?

Ja, überschätzt wird der Begriff sicher immer dann, wenn er für kollektive Identitäten und damit für Ausgrenzung und Abgrenzung herhalten soll. Kollektive Identitäten sind ja immer problematisch bis doof. Ich finde, dass der Begriff Heimat, wenn überhaupt, nur als sehr individuelle Neigung aufgrund sehr individueller Erfahrung einen Sinn ergibt. Um es konkreter zu machen: Mein Bremen ist sicher nicht das gleiche Bremen wie das der anderen Bremer. Und umgekehrt. Deshalb ist die Überführung des Heimatbegriffs ins Politische ja auch so verkehrt und bestenfalls nur bescheuert, schlimmstenfalls aber grundgesetzwidrig: Es kann nicht sein, dass individuelle Erfahrungen und kulturelle Vorlieben zum Gegenstand politischen, also machtbewehrten Handelns werden. Ein völliger Missgriff!

In Lübeck lesen Sie zum Thema „Norddeutsche Herzensheimat“. Haben Sie so etwas?

Auf jeden Fall. Ich habe mein Leben auf der Achse Bremen, Hamburg, Berlin verbracht. Berlin war ja schon der große Ausbruch, und sei es nur aus dem maritimen Wetterelend. Meine Kindheit war eine Kindheit in Gummistiefeln. Sprache, Wetter, Essen, Landschaft, sowas wird mit dem Begriff norddeutsch verbunden, und das findet sich alles irgendwie im Herzen wieder. Manchmal merkt man das erst nach vielen Jahren. Ich wurde erst Werder-Fan, als ich nicht mehr in Bremen wohnte. Irgendwie bezeichnend.

Was vermissen Sie aus Bremen in Berlin?

Eigentlich nichts mehr, seit ich mir den Pinkel aus Bremen per Mailorder schicken lassen kann. Ich habe Freunde in Bremen. Und viele Verwandte. Aber die sind ja nicht aus der Welt, bloß weil man in einer anderen Stadt wohnt!

Wenn Sie in Ihrer „alten Heimat“ oder unsicher sind, macht sich das „Bremerische“ stärker bemerkbar, haben Sie einmal gesagt. Was heißt das?

Die Sprache wird breiter. Man hört dann wieder den Jungen aus Bremen-Ost raus.

In Ihrem Buch „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“ liest man: Ein Drittel der Bremer Erwerbsbevölkerung arbeitet bei Daimler Benz, ein Drittel in der Tierfutterproduktion bei Vitakraft, und „der Rest bringt gerade die Flaschen zurück“. Das fand mindestens jeder dritte Bremer nicht gut, oder?

Doch, die Bremer, denen ich das vorgelesen habe, fanden das super. An Humor fehlt es den Bremern nicht.

Warum war Ihre  Band Element of Crime schon immer „heimatlos“, wie Sie sagen?

Weil wir nie nur eine Berliner Band oder sowas sein wollten. Das will wahrscheinlich auch niemand. Wir machen Rockmusik. Heimat ist eher ein Thema für die Kollegen von der Volksmusik, aber die sind anders drauf.

Sie lesen in Lübeck im Buddenbrookhaus. Was sind Ihre Erfahrungen mit Thomas oder Heinrich Mann?

Ich habe beide gelesen, und es waren gute Erfahrungen.

Interview: Peter Intelmann

Schriftsteller, Sänger, Trompeter

Sven Regener ist 1961 in Bremen zur Welt gekommen, aber seit 1982 in Berlin zu Hause. Bekannt geworden ist er mit der Band Element of Crime, wo er singt, Trompete und Gitarre spielt und mit der er mehr als ein Dutzend Alben veröffentlicht hat. Begonnen haben sie mit englischen Texten, sind dann aber ins Deutsche gewechselt und haben gezeigt, was man damit in der Rockmusik alles anstellen kann.

Mit „Herr Lehmann“ hat er 2001 seinen ersten Roman veröffentlicht. Es war der Auftakt zu einer Reihe von Bestsellern wie „Neue Vahr Süd“, „Der kleine Bruder“ oder zuletzt im vergangenen Jahr „Wiener Straße“. Drei seiner Bücher sind verfilmt worden, er selbst hat mit Leander Haußmann „Hai-Alarm am Müggelsee“ gedreht. Sven Regener ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Übermorgen liest er im Buddenbrookhaus im Rahmen der Ausstellung „Norddeutsche Herzensheimat“ (19.30 Uhr). Gestern Mittag war noch eine Handvoll Karten zu haben.

LN

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