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„Heimatschuss“ im richtigen Moment

Lübeck „Heimatschuss“ im richtigen Moment

Vor 100 Jahren wurde Ernst Jünger an der Somme verwundet, bevor seine Kompanie unterging.

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An der Somme gefundene Schrapnellkugeln.

Lübeck. Ernst Jünger hat mit sehr viel Glück den Ersten Weltkrieg überlebt. Von Anfang 1915 an stand der damals 19-Jährige in den Reihen des zur 11.

LN-Bild

Vor 100 Jahren wurde Ernst Jünger an der Somme verwundet, bevor seine Kompanie unterging.

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Infanterie-Division gehörenden Hannoverschen Füsilierregiments Nr. 73, das ausschließlich an der Westfront eingesetzt wurde. Bis zu seiner letzten und beinahe tödlichen Verwundung im August 1918 war er bereits sechs Mal von gegnerischen Kugeln und Splittern getroffen worden, er trug deshalb das Goldene Verwundetenabzeichen.

Eine Verwundung allerdings ersparte Ernst Jünger den Tod oder zumindest die Gefangenschaft. In einem der schweren späten Angriffe an der Somme versuchten englische Truppen, den Ort Guillemont einzunehmen. Jüngers Truppe wurde dort in vorderster Linie eingesetzt, ihre Stellung war ein fast völlig zerstörter Hohlweg. Jünger beschreibt in seinem Buch „In Stahlgewittern“ die furchtbare Szenerie, in der er sich mit seinen Leuten wiederfand: „Der zerwühlte Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die Toten. Beim Graben von Deckungslöchern bemerkten wir, dass sie in Lagen übereinander geschichtet waren. Eine Kompanie nach der anderen war dicht gedrängt im Trommelfeuer vernichtet. (...) Nun war die Reihe an uns.“ Nach diesem ersten Einsatz an der Front vor Guillemont gelangte Jünger unverletzt zurück nach Combles. Dort wurde er durch eine Schrapnell-Kugel verletzt, die ihn am linken Unterschenkel traf. Die Kugel war zwischen Schien- und Wadenbein hindurchgefahren, ohne die Knochen zu verletzen – ein erster Glücksfall. Jünger wurde erstversorgt und dann in ein Lazarett verfrachtet. Und das war für den jungen Draufgänger der wirkliche Glücksfall: Beim nächsten Einsatz vor Guillemont am folgenden Tag wurde Jüngers Zug fast völlig aufgerieben. Eine irische Division eroberte Guillemont und machte dabei kaum Gefangene. Nur ganz wenige Männer von Jüngers Einheit überlebten diesen Einsatz – die Beinverletzung hatte den jungen Leutnant vor dem sicheren Tode bewahrt.

Diese späte englische Attacke an der Somme war von ihrem Volumen her nicht zu vergleichen mit dem ersten Anlauf der Briten am 1. Juli 1916. An jenem Tag hatte die dilettantisch geführte britische Armee trotz aller persönlichen Tapferkeit der Soldaten im Feuer deutscher Maschinengewehre allein am Vormittag 60000 Mann verloren – 20000 davon waren Gefallene, 40000 Verwundete. Das war der blutigste und katastrophalste Tag der Militärgeschichte Großbritanniens. Dennoch griffen die Briten weiter an, sie kamen nur unter entsetzlichen Verlusten voran. Manche deutsche Stellungen, die laut Plan am ersten Tag hätten genommen werden sollen, erreichten sie erst Monate später. Bis Ende November dauerte dieser strategische Nonsens, eine Million deutsche, britische und französische Tote und Verwundete forderte die Schlacht an der Somme schließlich.

An der Somme erlebte Ernst Jünger zum ersten Mal das Toben einer Materialschlacht. Nie zuvor, auch nicht bei Verdun, waren derartige Massen an Artillerie zum Einsatz gekommen. Ernst Jünger in den „Stahlgewittern“: „Hier war die Schlacht kein Erlebnis, das flüchtig und blutigrot vorüberfunkelte, sondern sie grub sich in Wochen und Monaten unauslöschlich ein. Was war ein Menschenleben in dieser Wüstenei, über deren Qualm der Geruch von tausend und aber tausend Verwesten lag? (...) Hier ging die Ritterlichkeit auf immer dahin.“

Hier entstand dann aus Jüngers Sicht aber auch ein neuer Menschentyp, „in seine Züge meißelte sich jener starre Ausdruck einer aufs allerletzte überspannten Energie.“ In diesen Sätzen hat Ernst Jünger bereits den Typus des Arbeiters vorweggenommen, dem er 1932 einen großen Essay widmete.

Suche nach dem Sinn des Krieges

Ernst Jünger gehörte zu den Autoren, die nach 1918 einen Sinn für das auf den Schlachtfeldern erlebte Grauen suchten. Neben „In Stahlgewittern“ bildeten weitere Schriften über den Weltkrieg den Kern seiner Publikationen in den 1920er Jahren. Diese kleinen Schriften hat jetzt Helmuth Kiesel neu herausgegeben. „Der Kampf als inneres Erlebnis“ von 1922 ist sprachlich sicher der interessanteste Text. In 14 Kapiteln entwickelt Jünger eine abstrakte und reflektierende Sicht auf den Krieg, neben sachlichen Beschreibungen enthält dieser Text expressionistische Passagen. Ebenso „Das Wäldchen 125“ und „Feuer und Blut“: Mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum Kriege wurden Jüngers Schriften immer mehr zu Versuchen der Rechtfertigung des Kampfes als menschlicher Ureigenschaft.

Lesenswert sind diese kleinen Kriegsbücher dennoch. Helmuth Kiesel hat diesen Band mit weiteren kurzen Publikationen Jüngers zum Krieg, mit Ansprachen und anderen Texten ergänzt, der Anmerkungsapparat ist informativ. Verdienstvoll ist auch die Beifügung von zeitgenössischen Rezensionen zu Jüngers Veröffentlichungen.

„Krieg als inneres Erlebnis“ von Ernst Jünger, Klett-Cotta, 693 Seiten. 34,95 Euro.

Jürgen Feldhoff

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