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Kultur im Norden Heino Jaeger – „Mozart der Komik“
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19:12 28.06.2017
Krabbe? Schnepfe? Auf jeden Fall gut gekleidet – noch ein Bild von Heino Jaeger.
Bad Oldesloe

Olli Dittrich spricht von „gelebter Anarchie“, für Eckhard Henscheid war er „ein Genie“, ein „Mozart der Komik“. Und Loriot fragte: „Wie konnte es geschehen, dass Heino Jaeger 25 Jahre ein Geheimtipp blieb? Wir haben ihn wohl nicht verdient.“

Heino Jaeger? Sehr richtig, und zwar Jaeger mit ae. Man muss das betonen, denn der Mann, der zuletzt in einem Heim in Bad Oldesloe gelebt hat, zählt zu den großen Vergessenen des deutschen Humors.

Vor 20 Jahren ist er gestorben, am Freitag nächster Woche wird in Bad Oldesloe mit einem Abend an ihn erinnert.

Joska Pintschovius (76) kannte ihn gut. Sie waren eng befreundet, seit sie sich in den Sechzigerjahren in Schleswig zum ersten Mal begegnet waren. Jaeger übrigens in einem Mantel aus alten Wolldecken, mindestens eine davon aus irgendeinem Krankenhaus, man sah das an der Aufschrift. „Das hat er gesucht, aber nicht um aufzufallen“, sagt Pintschovius. Im Gegenteil: „Wenn er zu viel Aufmerksamkeit kriegte, zog er sich zurück.“

Aber was will man machen, wenn man sich Geschichten von Fliesenlegern ausdenkt, die alles zufliesen, auch das Taxi. Vom Ostflüchtling, dessen Möbel einlaufen, weil er zu viel heizt. Oder von der Frau des pensionierten Passkontrolleurs, die jetzt zu Hause immer den Ausweis vorzeigen muss, wenn sie ins Wohnzimmer will.

Man fällt auf mit solchen Geschichten. Und wenn man Glück hat, kommt man über einen Vetter von Pintschovius in Kontakt mit dem Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch, der einen begeistert ans Radio vermittelt. So ist Jaeger beim WDR und dem Saarländischen Rundfunk gelandet, hat Sendungen gemacht wie „Fragen Sie Dr. Jaeger“ und große Auftritte gehabt in Basel und anderswo. Er war ein Star in den Siebzigerjahren, jedenfalls in Künstler- und anderen eingeweihten Kreisen. „Er gilt als vielleicht wichtigster Humor-Pionier Deutschlands“, sagte sein Bewunderer und Erbe im Geiste, Heinz Strunk.

Geboren wurde Heino Jaeger 1938 in Hamburg-Harburg. Der Vater war Pressefotograf, die Mutter Schneiderin. Die Familie ging nach Dresden und kam zurück, als die Stadt in Flammen stand, zu Fuß durch die Ruinen des Dritten Reichs. Heino machte eine Ausbildung als Textilmusterzeichner und studierte an der Hamburger Hochschule für bildende Künste.

Er hat sich als Maler gesehen, das vor allem. Aber gemerkt hat man ihn sich als einen Großmeister des Absurden. Er sah genau hin, auf all die Kalamitäten und Ungereimtheiten um ihn herum, und machte daraus funkelnde Komik. Aber er hatte auch einen furchtbaren Hang zum Alkohol und verlor mehr und mehr die Kontrolle. Er hauste in gammeligen Höhlen, geriet unter die Räder und stand 1983 in seiner verkohlten Wohnung in Hamburgs Martin-Luther-Straße, weil er zu viel getrunken hatte und die Zigarette noch glomm.

Er kam in die Psychiatrie, in die er sich schon früher immer hatte einweisen lassen, wenn ihm das Leben und die Welt da draußen zu viel wurden. Er war in Ochsenzoll in Hamburg, im SengelmannKrankenhaus in Bargfeld-Stegen (Stormarn) und die letzten zehn Jahre im „Haus Ingrid“, einer sozialpsychiatrischen Einrichtung in Bad Oldesloe. Dort auf dem Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde liegt er auch begraben.

Joska Pintschovius hat ihn immer wieder besucht. Sie waren ja befreundet, sie waren zusammen gereist. Jaeger hatte eine Zeitlang bei ihm und seiner Frau in der Heide gewohnt und ihn später als seinen Betreuer vorgeschlagen. Und wenn er von ihm erzählt, dann erzählt er von einem Mann, der „absolut bescheiden“ war, aber eben auch ein „Grenzfall“ auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Genie.

Und der im Alkohol versank: „Er soff ja nachher, oh Gott, erbärmlich.“

Über seine Krankheit haben sie nicht geredet damals, „wir haben sie ignoriert“. Manchmal, sagt er, hat Jaeger auch darüber gelacht. Oder er hat beim Gespräch mit dem Arzt die Rollen getauscht und gefragt: „Nun sagen Sie mal, warum haben Sie sich für die Psychiatrie entschieden? Wo ist das Problem?“ Er sei nicht dement gewesen in seinen letzten Jahren, auch wenn er nicht viel geredet habe.

Aber er wäre wohl nie wieder rausgekommen aus dem Heim, „nein, nein, der hätte sofort wieder angefangen“. Gestorben ist er an den Folgen eines Schlaganfalls, 59 Jahre alt. Heino Jaeger, der Mann, von dem Hanns Dieter Hüsch sagte: „An die Philosophie dahinter, da kommen wir nicht ran.“

Feier und Film

Am Freitag, 7. Juli (19 Uhr), wird in der Friedhofskapelle in Bad Oldesloe (Lindenkamp 99) mit Musik, Lesungen und Reden an Heino Jaeger erinnert. Mitwirkende sind neben seinem Freund und Biografen Joska Pintschovius der Musiker und Autor Rocko Schamoni, der Jaeger-Experte Christian Breuer und der Puppenspieler Hans W. Scheibner. Eingeladen wird von der Stadt und der ev.-lutherischen Kirchengemeinde.

Ein Film über Heino Jaeger ist seit Jahren in Planung. Olli Dittrich ist beteiligt, Schamoni soll das Drehbuch schreiben und Lars Jessen („Dorfpunks“) Regie führen. „Es ist im Werden“, sagt Pintschovius, dessen Jaeger-Biografie als Grundlage dient.

Peter Intelmann

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