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Hilfestellung beim musikalischen Denken

Lübeck Hilfestellung beim musikalischen Denken

Der Pianist Anatol Ugorski gibt einen Meisterkurs im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals.

Lübeck. Lübeck. Anatol Ugorski spielte Xylofon und sang, als er sich bei der Musikschule für Hochbegabte in Leningrad meldete. Gut, sagten sie, du kannst kommen und bei uns Klavier lernen.

 

LN-Bild

„Eigentlich wunderschön“: Anatol Ugorski (74) arbeitet mit seinem Meisterschüler Santiago Juncal (25) im Großen Saal der Lübecker Musikhochschule an einem Stück von César Franck.

Quelle: Olaf Malzahn

Morgen Festkonzert

Am Sonnabend, 13. August, findet im Großen Saal der Musikhochschule das Festkonzert mit Teilnehmern der Meisterkurse von Anatol Ugorski und Olaf Bär (Gesang) statt. Beginn ist 17 Uhr, Karten (25 Euro) sind noch zu haben.

Da war er fünf. Heute, ein bewegtes Leben und eine Pianistenkarriere später, steht er im Großen Saal der Musikhochschule Lübeck und unterrichtet selbst.

Er betreut sieben Schüler, ein Meisterkurs im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals. An diesem Vormittag sind drei von ihnen an der Reihe: Santiago Juncal, Jonas Haffner und Xiaomu Yuan, drei Studenten, drei junge Pianisten. Ugorski hat eine Woche Zeit, ihnen bei dem unter die Arme zu greifen, was er „musikalisches Denken“ nennt. Ihr Können, ihr Niveau sei „beachtlich“, sagt er, das musikalische Denken aber laufe „manchmal hinterher“.

Er ist ein freundlicher Lehrer und ein erfahrener dazu. Bis vor zwei Jahren noch hat er an der Musikhochschule Detmold unterrichtet. Jetzt hat er die Lehre fast ganz aufgegeben und konzertiert auch nicht mehr. Aber er hat die Erfahrung von knapp sieben Jahrzehnten am Klavier, ein großer Schatz, und er verteilt daraus freigebig.

Zwei Steinway-Flügel stehen auf der Bühne, an einem sitzen die Studenten, am anderen der Meister in bequemer Hose und bequemen Schuhen, die Strickjacke hat er ausgezogen. Aber er kommt auch rüber und teilt sich einen Hocker mit den jungen Leuten. Er stellt sich neben sie und guckt mit in die Noten. Er greift ein und korrigiert. Manchmal nimmt er die Probanden auch buchstäblich an die Hand. „Als ob du keine Knochen hättest, sondern nur Fleisch“, sagt er, so weich müsse diese Passage aus César Francks „Prélude, Choral et Fugue“ gespielt werden, und schüttelt Juncals Rechte.

Er summt und dirigiert, er singt die Bassstimme mit. Xiaomu Yuan, die an einer Mozart-Sonate arbeitet, bekommt stehend einen Auszug aus Beethovens Fünfter vorgetragen. Er ist hochkonzentriert und hört noch einen falschen Klang, wenn er kurz aufs Handy schaut. Er lobt, er sagt: „Okay, das war eigentlich wunderschön.“ Und wenn er tadelt, tut er das nicht wirklich, sondern lässt üben, bis er zufrieden ist.

Und er redet viel, gern auch in Bildern. Vom Zug etwa, den man erst in letzter Sekunde besteigen soll, vom Adler, der herabstößt und den Fisch packt. Er erkennt ein „Zwiegespräch“ in der Partitur, und manchmal sei es, „als ob die Stimmen sagen: Wir leben noch.“

Für Anatol Ugorski war das Leben in der Sowjetunion eines Tages nicht mehr erträglich. Er stammt aus einer jüdischen Familie, er war mit dem System wegen seiner Liebe zur musikalischen Moderne kollidiert. Als auch seine Tochter von antisemitischen Anwürfen nicht verschont blieb, ging die Familie 1990 in den Westen. Die Schriftstellerin Irene Dische war ihnen eine große Hilfe. Er wurde Professor in Detmold und ein weltweit gefeierter Pianist, seine Tochter, ebenfalls Klaviersolistin, lehrt ab dem Herbst in Wien.

Mal duzt er seine Schüler, mal siezt er sie. Er sagt: „Es gibt viele Provokationen in diesem Stück, und du lässt dich fast von jeder reinlegen.“ Er fragt: „Was will uns Chopin sagen?“ Und er lässt Sätze im Raum hängen wie: „Das war alles Fantasie, hier kommt die disziplinäre . . . Untersuchung.“

Den Studenten, die 400 Euro für den Kurs gezahlt haben, gefällt das. „Ja, ich bin sehr zufrieden“, sagt Santiago Juncal, 25 Jahre alt und gebürtiger Spanier, der im niederländischen Zwolle studiert.

Jonas Haffner (23), der jetzt von Lübeck nach Hannover wechselt, sieht das genauso. Sein Stück von Maurice Ravel spiele er schon seit Jahren, Ugorski habe ihm dennoch neue Perspektiven aufgezeigt.

„Die Anlage, wie er es sieht, das ist schon interessant“, sagt er. Aber es sind nur Vorschläge, keine Befehle. „Mir gefällt, dass du deine eigene Meinung hast“, sagt Ugorski irgendwann zwischendurch zu Juncal, „das ist gut.“ Und schlägt ihm auf die Schulter. Peter Intelmann

LN

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