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Hilfreiche Geister aus dem Westen Afrikas

Lübeck Hilfreiche Geister aus dem Westen Afrikas

Das St.-Annen-Museum zeigt eine große Ausstellung mit sakralen Figuren aus der Sammlung von Horst Antes.

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Manche Aklamas haben die Gestalt von Tieren. Für Fischer sind sie besonders wichtig.

Lübeck. Diese Ausstellung ist eine Sensation. Noch nie ist irgendwo auf der Welt eine solch umfangreiche Schau mit Statuen der von den ghanaischen Stämmen Ewe und Dangme verehrten Hilfsgeister gezeigt worden. Im St. Annen-Museum sind jetzt 800 dieser meist handtellergroßen Aklamas genannten Figuren zu sehen.

LN-Bild

Das St.-Annen-Museum zeigt eine große Ausstellung mit sakralen Figuren aus der Sammlung von Horst Antes.

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„Die Ausstellung ist eine Hommage von Horst Antes an seine Kollegen in Ghana.“ Brigitte Templin,

Leiterin der Völkerkundesammlung Lübeck

Die Aklamas stammen aus der Studiensammlung des deutschen Künstlers Horst Antes, der in diesem Jahr 80 geworden ist. Antes ist bekannt für die archaische Formensprache seiner Werke, unter denen vor allem die manchmal gigantischen Kopffüßler berühmt geworden sind. Horst Antes ist auch ein leidenschaftlicher Sammler, das Sammeln sieht er als Teil seiner künstlerischen Arbeit. In Lübeck waren zum Beispiel bereits Kostüme für die Geistertänze der nordamerikanischen Hopi-Indianer zu sehen. Jetzt sind es die Figuren der Hilfsgeister aus dem Südosten Ghanas, die Antes seit fast 50 Jahren sammelt.

1969 wurde ihm eine Aklama-Figur geschenkt – Antes’ Sammel- und Jagdleidenschaft wurde geweckt. Mittlerweile besitzt er 2000 dieser Figuren, möglicherweise hat ihn die einfache und doch faszinierende Gestaltung der Figuren angesprochen. In Lübeck sind 800 Aklamas jetzt im St.-Annen-Museum zu sehen.

„In der Afrikanistik und der Ethnologie sind diese Figuren so gut wie unbekannt“, sagt Kuratorin Brigitte Templin, Leiterin der Lübecker Völkerkundesammlung. „Auch die Händler afrikanischer Kunst haben Aklamas bislang nicht in ihrem Angebot. Das ist umso verwunderlicher, weil die Figuren einen hohen ästhetischen Reiz besitzen.“

Obwohl sich die meisten Ghanaer zu Christentum und Islam bekennen, ist es doch noch immer mehr als eine Million Menschen, zu deren Leben Aklamas gehören. In der ghanaischen Naturreligion gibt es einen Schöpfergott, der aber nicht kultisch verehrt wird. Die Gottheiten mittleren Ranges sind es, die großen Einfluss auf das Alltagsleben der Menschen ausüben. Um mit diesen Göttern in Kontakt treten zu können, brauchen die Menschen die Aklamas, die Hilfsgeister. Sie bringen Glück und Wohlstand – wenn man sie richtig behandelt. „Aklamas werden von Priestern gefertigt, die auch die richtigen Praktiken für den Umgang mit den Figuren kennen und weitergeben“, sagt Brigitte Templin. „Wie die Götter sind auch die Aklamas launisch, man muss sie mit Opfern und Riten gnädig stimmen, damit sie ihren glückbringenden Zweck erfüllen.“ Blut mögen alle Aklamas, deshalb werden ihnen Hühner oder Ziegen geopfert. Manche aber ziehen Limonade vor, andere sind ganz wild auf Hochprozentiges.

Eins ist aber allen Aklamas eigen: Einmal im Jahr müssen sie ein ausgiebiges Kräuterbad nehmen. Das verleiht den Figuren eine wunderbare Patina. Stirbt der Besitzer eines Aklama, verliert die Figur ihre sakrale Kraft und landet als Feuerholz im Herd. Den 800 Aklamas, die jetzt im St.-Annen-Museum zu bewundern sind, ist dieses Schicksal erspart geblieben, sie fanden den Weg in die Sammlung von Horst Antes.

Es ist eine faszinierende Welt archaischer Religion, die in dieser Ausstellung zu besichtigen ist. Aklamas dienen – wie alle Religionen – zur Erklärung des Unerklärlichen und zur Bewältigung des Alltags. Sie existieren in den verschiedensten Formen, meist in menschlicher oder tierischer Gestalt. Aber der Schreiner etwa hat ein Aklama in Form einer Säge, der Schlosser eins in Form einer Zange. Und seit die Portugiesen und später die Engländer Ghana als Kolonie usurpierten, entstanden weiße Aklamas – diese Form der Religion geht mit der Zeit.

Eröffnung am Sonntag um 17 Uhr, zu sehen bis zum 4. September.

Jürgen Feldhoff

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