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Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt

Lübeck. Viele Menschen haben das schon einmal erlebt: Angstzustände, innere Leere, Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit. Um das Tief zu überwinden hoffen manche auf die Kraft der Natur, der Religion oder begeben sich auf eine Pilgerreise.

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„Es war eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr“: Lars Wellings verkörpert den Dichter Jakob Lenz.

Quelle: Foto: Olover Fantitsch

Psychische Erkrankungen sind kein Phänomen unserer Zeit, auch der junge Dichter Jakob Lenz (1751-1792) beispielsweise litt darunter. Auf Anraten eines Freundes machte er sich 1778 auf eine Wanderung in den Vogesen. Sein Ziel war der Sozialreformer und Pfarrer Johann Oberlin im elsässischen Waldersbach, wo Lenz sich drei Wochen lang aufhielt. Doch trotz der Fürsorge von Oberlin und seiner Frau verschlimmerte sich Lenz’ geistiger Zustand. Seine Zerrissenheit, Angst und Verzweiflung hielt Lenz in Tagebüchern fest, die Georg Büchner zu der Novelle „Lenz“ verarbeitete.

Der Schauspieler Lars Wellings verleiht dem jungen Dichter am Theater Lübeck mit beeindruckender Intensität Stimme und Haltung. Auf der leeren Studiobühne stehen eine Fahrradtasche und eine Wasserflasche. Aus dem Off kommen zunächst Atemgeräusche eines Wanderers. Wellings, im dunklen kurzen Mantel, betritt die Bühne. „Den 20. Jänner ging Lenz durch’s Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen...“ So beginnt der Monolog, den der Schauspieler eine gute Stunde lang alleine auf der Bühne gestaltet.

Zusammen mit der Regisseurin Gertje Graef hat Wellings aus den berührenden und sprachlich meisterhaften Texten Büchners eine Bühnenfassung erarbeitet, in der er sich als Schauspieler dem wandernden Lenz annähert. Dabei wechseln die Perspektiven: Er beschreibt Lenz’ Erfahrungen wie ein Beobachter, schlüpft in dessen Haut, spricht Dialoge zwischen Lenz und Oberlin. Im leeren Raum werden Handy, Lautsprecherbox, Scheinwerfer, Mikrofon und Stuhl zu improvisierten Kulissen. Mehr als das und die Worte braucht es nicht, um Stimmungen zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt nachfühlbar zu machen. Nichts wirkt aufgesetzt oder überzogen, der Spannungsbogen reißt nicht ab.

Lars Wellings hat das Stück schon am Staatstheater Wiesbaden gespielt, es wurde ein großer Erfolg. Das mag am zeitlosen Stoff liegen, mit Sicherheit auch am intensiven Spiel Wellings. Der 55-Jährige ist seit dieser Spielzeit neues Ensemblemitglied am Theater Lübeck – und ein Gewinn. Das wurde nach der Premiere am Freitag mit langem, lautstarkem Beifall bekräftigt. Petra Haase

Nächste Vorstellungen: 9. und 17. November, Junges Studio

LN

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