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„Hiphop hat mein Leben gerettet“

Oslo/Lübeck „Hiphop hat mein Leben gerettet“

SlinCraze rappt auf Samisch und dank der Musik hat er sich nicht aufgegeben: Am Freitag kommt er zu den Filmtagen.

Nils Rune Utsi (26) nennt sich als Rapper SlinCraze. Er wird in „Arctic Superstar“ porträtiert.

Oslo/Lübeck. Es gab eine Zeit, da hat er sich jeden Tag stundenlang hinter einem kleinen Schuppen versteckt, um sich vor der Schule zu drücken. Er wartete die Dauer der Unterrichtsstunden ab, damit seine Eltern nichts merkten. Mit ihnen über die Mobbingattacken reden konnte er nicht. „In der samischen Kultur muss der Mann stark sein“, sagt er. Fast hätte sich Nils Rune Utsi aufgegeben. Zum Glück hat ihn die Musik des US-amerikanischen Rappers Eminem gerettet.

Mit zehn Jahren fing er an, Rapmusik zu hören und bald darauf seine eigenen Songs zu schreiben. Endlich konnte er seine Gefühle in Worte packen. „Hiphop hat mein Leben gerettet“, sagt Utsi heute. Er hätte es sich fast genommen. Durch einen Rapsong sprach er das erste Mal über sein Mobbing – vor einer fremden Menschenmenge 2004 beim Sámi Grand Prix im norwegischen Kautokeino. So wurde aus Nils der Rapper SlinCraze.

Er möchte berühmt werde, natürlich. „Jeder Musiker möchte, dass möglichst viele Leute seine Songs hören“, sagt der 26-Jährige. Die Sache ist nur, dass gerade mal 20 000 Menschen in der Lage sind, seine Lyrics zu verstehen. Nils Rune Utsi alias SlinCraze rappt in seiner Muttersprache, auf Nordsamisch. Das klingt für jemanden, der es nicht versteht, geheimnisvoll und melodisch. Selbst Laien begreifen, dass seine Musik etwas Besonderes ist. Er rappt zwar auch auf Norwegisch oder Englisch. Das Spiel mit den Worten macht ihm in verschiedenen Sprachen Spaß. Aber Samisch ist für ihn natürlicher. Dabei sei das am schwierigsten, weil die Grammatik kompliziert sei, erklärt er. Seine Herkunft bedeute ihm alles. „Ich möchte den jungen Samen eine Verbindung zu ihrer Kultur vermitteln und einen Rap, mit dem sie sich identifizieren können“, sagt er.

Zu Beginn produzierte Utsi seine Songs in einem kleinen Studio im Haus seiner Eltern in Masi, einer winzigen Samen-Siedlung, in der es gerade mal einen Laden, eine Tankstelle und eine Schule gibt.

Dort traf er den Regisseur Simen Braathen, der eigentlich nur Fotos für ein Album von norwegischen Rappern machen wollte. Doch er fand Utsis Geschichte so spannend, dass er einen Dokumentarfilm über ihn drehte, zu dem SlinCraze den Soundtrack lieferte. „Arctic Superstar“ machte den Rapper in Norwegen bekannt. Jetzt wird der Film auf den Nordischen Filmtagen gezeigt, und Nils Rune Utsi kommt zur Vorführung.

Über den Kontakt zu Regisseur Braathen hatte Utsi bereits zwei Auftritte in New York. Das eine Mal in Brooklyn, dem Geburtsort des Hiphop. „Dass die Leute dort zu mir sagten, dass ich gut bin, hat mir viel bedeutet, denn die kennen Rap.“ Das andere Mal im UN-Gebäude. Inzwischen ist er von Masi nach Oslo gezogen, und er hat Auftritte in ganz Norwegen. Zurzeit tritt er auch als Schauspieler in einem Sami-Theater auf. Aber er arbeitet bereits am nächsten Album.

Utsi hat ein freundliches, rundes Gesicht und ist nicht zu übersehen. Wenn er auf der Bühne steht, ist er voller Energie. Da die meisten Menschen seine Texte nicht verstehen, versucht er seine Botschaft mit der Musik zu übermitteln. „Ich möchte, dass die Menschen fühlen, was ich rappe.“

Seine Texte handeln auch von seiner Vergangenheit, davon, dass er sich selbst nicht aufgegeben hat. „Ich weiß, dass so etwas nicht nur mir passiert, sondern vielen Menschen“, sagt er. Heute stehen seine Peiniger aus der Schulzeit bei seinen Konzerten in der ersten Reihe und singen seine Texte mit. „Das ist meine Art zu sagen: Fuck you“, sagt er.

Er rappe über alles, was ihn in seinem Leben bewege. Die letzten zwei Jahre hat er auch viele politische Texte geschrieben. Auch darüber, wie es ist, zu einem indigenen Volk zu gehören und Rassismus zu erfahren. Auch wenn seine Generation nicht mehr so stark mit Vorurteilen konfrontiert sei wie die seiner Eltern. Dafür hätten schon seine Großeltern gekämpft.

Kurz vor einem Auftritt ist Utsi immer nervös. Er kann nichts dagegen tun, plötzlich komme der Gedanke, dass er ein Versager sei und das alles nicht schaffe. Die Demütigungen in der Kindheit holen ihn dann ein, er wird sie nie ganz abschütteln können. Aber sobald er auf der Bühne steht, ist alles vergessen und er fühlt sich großartig. „Dann mache ich mein Ding“, sagt er, „und ich weiß, dass ich gut bin.“

„Arctic Superstar“: heute, 22.45 Uhr im Cinestar Kino 6

Hoch im Norden

Samen (Sámi, „Sumpfleute“) ist die Selbstbezeichnung eines Volkes, das in den nördlichen Teilen von Schweden, Norwegen, Finnland und der Halbinsel Kola (Russland) lebt. Früher wurden sie Lappen genannt. Wie viele Menschen sich zur Kultur der Samen bekennen, ist unbekannt. Eine Schätzung lautet: 50000 in Norwegen, 20000 in Schweden, 7000 in Finnland und 2000 in Russland. Die Sprache der Samen gehört zur Uralischen Familie, zu der auch Finnisch und Ungarisch zählen.

 Alessandra Röder

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