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Hörfilme: So entstehen Bilder im Kopf

Lübeck Hörfilme: So entstehen Bilder im Kopf

Seit zehn Jahren zeigen die Nordischen Filmtage für blinde und sehgeschädigte Menschen auch Produktionen mit Audiodeskription. Wie entstehen die eigentlich?.

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Franziska Weisz als ehrgeizige Bundestagsabgeordnete Katharina Pflüger in dem Film „Die vierte Gewalt“.

Quelle: Fotos: Nfl

Lübeck. Abends fährt eine ältere blaue Limousine mit Berliner Kennzeichen auf ein Klinikgelände. In einer dunklen Gasse neben der Klinik steigt ein Mann aus und starrt nach vorn. Er ist Mitte 40, hat nackenlanges, seitlich gescheiteltes Haar. Der Blick nähert sich in der Gasse einer Frau . . .

LN-Bild

Seit zehn Jahren zeigen die Nordischen Filmtage für blinde und sehgeschädigte Menschen auch Produktionen mit Audiodeskription. Wie entstehen die eigentlich?.

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Auf der Leinwand ist die Eingangsszene aus dem Politthriller „Die vierte Gewalt“ zu sehen. Aufnahmen, die den Zuschauer in den Film um eine Enthüllungsstory führen. Für Menschen, die nicht oder kaum sehen können, werden die Eingangsbilder gesprochen, denn ohne diese Bilder im Kopf bleibt ein Film leblos wie ein Fisch ohne Wasser. Seit zehn Jahren bieten auch die Nordischen Filmtage solche Hörfilme für Blinde und Sehgeschädigte an, Filme mit sogenannter Audiodeskription, und für „Die vierte Gewalt“ hat Olaf Koop eine Woche lang die Bilder und Stimmungen des Filmes in Worte übersetzt.

Olaf Koop gehört seit zwölf Jahren zum Beschreiber-Pool des NDR. „Zunächst schaue ich mir den Film an, um ein Gespür für Tempo, Personen und Stimmungen zu bekommen.“ Für Personen, deren Namen erst später genannt werden, verwendet er kurze, präzise Beschreibungen wie „die Blonde, der Mann mit Bart oder der Hagere“. „Besonders kompliziert ist es natürlich bei Menschen ohne besondere Eigenschaften, man hat ja nicht viel Zeit für die Beschreibungen.“ Denn das ist die Schwierigkeit: Dialoge im Film dürfen durch die Beschreibungen nicht übersprochen werden, deshalb bleiben den Filmbeschreibern nur die Lücken zwischen den Originalgesprächen. „Manchmal hat man nur ein oder zwei Silben, manchmal auch nur eine. Dann wird nur der Name dessen genannt, der gerade spricht, oder bei Ortswechseln der neue Ort.“

Bei „Die vierte Gewalt“ seien die Dialogpausen sehr kurz gewesen. „Es ist gehobenes Fernsehniveau mit zum Teil schnellen Schnitten und komplexer Handlung“, sagt Koop, er musste viele Infos und Perspektivwechsel in kurzer Zeit verständlich machen. Nachdem er das Manuskript mit Hinweisen für den Sprecher verfasst hat, geht er es noch einmal mit einer blinden Kollegin durch und nimmt Änderungen vor, wenn etwas doch missverständlich ist oder Infos fehlen. Professionelle Hörfilmsprecher nehmen dann die Audiodeskription im Studio auf, im Falle von „Die vierte Gewalt“ war es die Schauspielerin Anne Moll. Zum Schluss mischen Toningenieure die neue Tonspur aus Originalton und Beschreibung – die fertige Audiodeskription.

Die muss dann im Kino technisch umgesetzt werden – hier kommt der in Kiel ansässige gemeinnützige Verein Andersicht ins Spiel, der sich für die Übertragung visueller Angebote in gesprochenes Wort und in anfassbare Abbildungen in Städten, Theatern, Museen und eben auch Kinos einsetzt. Mit Sponsorengeldern finanziert der Verein die Techniker, die für die Nordischen Filmtage in Lübeck die Hörfilme umsetzen. Hela Michalski, die Zweite Vorsitzende des Vereins, erklärt das Prozedere. Auf eine der 16 Tonspuren des Films wird die Audiodeskription gespeichert. Über eine App ist die Filmbeschreibung dann auf dem Smartphone abrufbar.

„Man hat einen Ohrstöpsel im Ohr, um sowohl die Originaltöne wie auch die Audiodeskription zu hören“, erklärt Hela Michalski. Die agile 72-Jährige ist als junge Frau erblindet und setzt sich im Verein Andersicht insbesondere für das Hörbarmachen von Film-Bildern ein. Die Hörfilm-Beauftragte des Blinden-und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein hat selbst Hunderte Filme mit beschrieben und dafür den Deutschen Hörfilmpreis erhalten, sie gehört auch zu den Initiatorinnen der Hörfilme bei den Nordischen Filmtagen. Bei dem Festival wird das integrative Kinoerlebnis seit zehn Jahren gut angenommen, im vergangenen Jahr sind etwa 30 Blinde und Sehbehinderte zu den speziellen Vorstellungen gekommen. „Die Nordischen Filmtage haben schon sehr früh erkannt, wie wichtig das Thema Inklusion auch im kulturellen Bereich ist“, sagt Doris Bandhold, die bei den Nordischen Filmtagen für die Hörfilme zuständig ist. „Dank der Zusammenarbeit mit unseren Partnern können blinde und sehbehinderte Menschen in unserer Hörfilm-Reihe nicht nur spannende Unterhaltung, sondern auch die einmalige Festivalatmosphäre im Cinestar genießen.“

Hörfilme bei Filmtagen

Am Sonnabend, 5. November, sind ab 10.15 Uhr der neue Rostocker Krimi „Polizeiruf 110 – Angst heiligt die Mittel“ und ab 13.15 Uhr der Thriller „Die vierte Gewalt“ mit Benno Fürmann mit Audiodeskription zu sehen. Er spielt einen Journalisten, der einen Skandal um Organtransplantationen enthüllt. Beide Filme laufen im CineStar, Kino 7.

Zum zehnjährigen Jubiläum gibt es um 16 Uhr einen Empfang im Walbaum-Café, zu dem auch NDR-Intendant Lutz Marmor erwartet wird.

Petra Haase

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