Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Horror im Vergnügungspark

Lübeck Horror im Vergnügungspark

Stephen Kings neuer Roman „Joyland“ zeigt eine andere Seite des Erfolgsautors.

Voriger Artikel
Harry Rowohlt und Tina Uebel neue Mitglieder der Akademie der Künste
Nächster Artikel
Karl-May-Spiele starten Spielzeit mit neuen Blutsbrüdern

Stephen King wurde 1947 im US-Bundesstaat Maine geboren.

Lübeck. Ein Vergnügungspark mit Riesenrad, Karussell und Geisterbahn ist ein ideales Revier für einen Autor wie Stephen King. King hat ja bereits unter anderem Waschmaschinen und Autos zu bösartigen Lebewesen mutieren lassen, eine menschenfressende Schießbude oder würgende Zuckerwatte wären deshalb eine leichte Übung für den Meister des Horrors gewesen. Aber in seinem neuen Roman „Joyland“ hält sich der Autor bewusst zurück und legt eine Geschichte vor, die realistisch ist. Zumindest fast immer.

Blendend geschrieben ist die Geschichte um den 21-jährigen Studenten Devin Jones, der sich sein Studium mit einem Sommerjob im Vergnügungspark Joyland in North Carolina verdient. Gerade erst ist Jones von seiner Freundin verlassen worden, die Welt ist dunkelgrau bis schwarz gefärbt für ihn, die Frage nach dem Sinn des Seins stellt sich ihm immer wieder. Man ist als Leser sofort in dieser Geschichte gefangen, die der alte Devin Jones 40 Jahre später aus seinen Erinnerungen rekonstruiert. Erinnerungen an den schönsten,aber auch schrecklichsten Sommer seines Lebens.

Schön ist dieser Sommer unter anderem, weil er trotz seines Herzeleids etwas aus seinem Leben machen kann. Devin verliert sogar endlich seine Unschuld, die wunderschöne Mutter eines behinderten Jungen ist seine Auserwählte. Der Junge spielt später eine entscheidende Rolle in der Story, denn auf eine reine Liebesgeschichte lässt sich Stephen King natürlich auch nicht ein.

In der Geisterbahn von Jolanda ist vor Jahren eine junge Frau brutal getötet worden. Der Mörder hat ihr während der Fahrt die Kehle durchgeschnitten, die Leiche aus der Gondel geworfen und sein blutiges Hemd gewechselt. Er wurde von Überwachungskameras gefilmt, aber nie gefasst. Linda Gray hieß die Ermordete, eine dieser Rosen, die nur blühen, um zu sterben. Ihr Gespenst soll in der Geisterbahn umgehen, in der sie getötet wurde. Diesen Geist kann aber längst nicht jeder sehen oder auch nur spüren. Devin Jones zum Beispiel hat keine Beziehungen zum Jenseits — aber der behinderte kleine Sohn seiner Freundin. Als er dem im Rollstuhl sitzenden sensitiven Jungen einen Besuch im Vergnügungspark ermöglicht, kommen die Dinge ins Rollen, die schließlich zu einem Showdown auf dem Riesenrad führen. Denn Devin Jones hat es nicht mit Gespenstern zu tun, sondern mit einem ganz „normalen“ Serienmörder.

Deshalb ist „Joyland“ auch kein typischer King-Roman. Nur ganz selten und schon fast nebensächlich wird Übersinnliches dargestellt, die Hauptpersonen sind handfeste Menschen und keine bockbeinigen Kreaturen aus dem King-Kosmos. Devin Jones zum Beispiel ist so furchtbar normal, dass man sich dauern in ihm wiederfindet. Und der Vergnügungspark hat diesen leicht morbiden Charme, den solche Rummelplätze entwickeln konnten, bevor Disney den Spaß zur Industrie machte.

„Joyland“ zeigt den Schriftsteller Stephen King von einer anderen Seite, menschlicher, realistischer und vor allem noch virtuoser als in seinen früheren Romanen und Erzählungen. Es ist gerade die Normalität, mit der King souverän umgeht, normale Menschen erleben normale Dinge in einer normalen Umwelt. Aus diesen eher banalen Ingredienzien eine derart spannende Melange anzurühren, ist eine Kunst für sich. Denn „Joyland“ ist spannend, nicht von der ersten Seite an, aber dafür bis zur letzten. Die andere Seite des Schriftstellers Stephen King ist eben auch lesenswert.

„Joyland“ von Stephen King, Heyne Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro.

Auflagenmillionär aus der Provinz
Stephen King stammt aus Portland in Maine, dem nordöstlichsten Bundesstaat der USA. 1947 wurde King in diesem Land der großen Wälder geboren, die in seinem Werk später eine so große Rolle spielen sollten. Zunächst wurde Stephen King Englischlehrer, nebenbei arbeitete er als Bügler in einer Wäscherei. Den Durchbruch erreichte er mit seinem Roman „Carrie“ 1973 — allein die Taschenbuchrechte brachten King 400 000 Dollar ein.

Mit dem Erfolg aber kamen neue Probleme: Stephen King wurde alkohol- und kokainabhängig. 1987 ging er in eine Entzugsklinik, das ermöglichte ihm das Schreiben weiterer Romane und Erzählungen, von denen viele verfilmt wurden. 2003 wurde Stephen King mit dem National Book Award ausgezeichnet, dem bedeutendsten Literaturpreis der USA. Die Weltauflage seiner Bücher liegt bei über 400 Millionen Stück.

Jürgen Feldhoff

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden
Von Redakteur Jürgen Feldhoff