Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 3 ° wolkig

Navigation:
„Ich bin Anarchist“

Lübeck „Ich bin Anarchist“

Liedermacher Konstantin Wecker erhält morgen in Lübeck den Erich-Mühsam-Preis und spielt in der MuK.

Voriger Artikel
Die Filmtage entdecken die Serien
Nächster Artikel
Ein Hanswurst und Nobelpreisträger tritt ab

Sänger und Schauspieler mit politischer Botschaft: Konstantin Wecker (69) sieht sich in der Tradition von Erich Mühsam, einen der Heroen seiner Jugend.

Quelle: Thomas Karsten

Lübeck. Herr Wecker, welche Bedeutung hat Erich Mühsam für Sie?

Konstantin Wecker: Mühsam war einer der Heroen meiner Jugendzeit, in seiner Radikalität wie in seiner Menschlichkeit. Er war und ist eines meiner politischen Vorbilder.

Die Mühsam-Gesellschaft bezeichnet Sie als Liedermacher, Poeten, philosophierenden Musiker, musizierenden Philosophen, Aktivisten und Anarchisten. Was sind Sie denn nun wirklich?

Konstantin Wecker: Das sind alles ausgesprochen ehrenvolle Titulierungen. Und ich finde mich gerne in ihnen wieder. Als Anarchist im Sinne und in der Tradition von Erich Mühsam sehe ich mich tatsächlich, deshalb bin auch stolz auf den Preis.

Mühsams Aktivitäten haben letztlich zu nichts geführt als zu seiner Inhaftierung und Ermordung.

Konstantin Wecker: Mühsam war natürlich auch ein Träumer, aber ohne solche Visionäre würde sich in unserer Gesellschaft überhaupt nichts verändern in Sachen Menschlichkeit.

Trotz aller Visionen ändert sich das gesellschaftliche Klima, Rechtsradikalismus wird plötzlich wieder salonfähig. Was denken Sie, warum ist das so?

Konstantin Wecker: Schuld daran ist der aus dem Ruder gelaufene Finanzkapitalismus, der den Menschen den Boden unter den Füßen weggezogen und ihnen dadurch ihre demokratischen Rechte genommen hat. Und dem die europäische Sozialdemokratie dann auch noch mit Hurra hinterhergelaufen ist.

Man kann aber auch den Eindruck haben, dass etwa die AfD die Menschen dort abholt, wo sie sich politisch schon längst befinden.

Konstantin Wecker: Die AfD ist eine Partei des Finanzkapitalismus, sie ist verlogen uns schürt Ängste, die eigentlich völlig grundlos sind. Sie lebt vom mangelnden Selbstbewusstsein ihrer Anhänger.

Der Rechtspopulismus ist kein rein deutsches Phänomen.

Konstantin Wecker: Ja, in den USA gibt es Trump, in Frankreich Marine Le Pen, in England die Nationalisten. Ein Land, in dem die Rechte ungehindert auf dem Vormarsch ist, ist leider Österreich. Ich liebe mein österreichisches Publikum, aber dort ist vieles politisch noch viel schlimmer als in Deutschland.

Warum ist das so?

Konstantin Wecker: Vielleicht auch, weil Deutschland seine Nazi-Vergangenheit ziemlich gut aufgearbeitet hat, Österreich nicht so. Dort pflegte man noch lange die Legende, dass Österreich Hitlers erstes Opfer war.

S ie stehen seit Jahrzehnten auf der Bühne, aber viele Menschen verbinden mit Ihrem Namen vor allem das Lied über „Willy“.

Konstantin Wecker: Das ist rein zufällig entstanden, als ich bei einer Probe am Klavier saß und einfach vor mich hin spielte. Nie hätte ich gedacht, dass ausgerechnet dieses Lied ein Erfolg wird. Es ist zu lang, ein nicht sehr eingängiger Blues, der Text ist bayerisch

Aber Sie kämpfen weiter?

Konstantin Wecker: Ich stehe weiter zur Idee des Anarchismus, zu der Sehnsucht nach einer herrschaftsfreien und liebevollen Gesellschaft. Dazu gehört Solidarität, die verträgt der Kapitalismus nämlich nicht. Angela Merkel hat anfangs Solidarität bewiesen, als sie die Geflüchteten ins Land ließ. Dass ich als alter Linker einmal eine CDU- Kanzlerin loben würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Das unsägliche „Merkel muss weg“- Gebrüll weckt in mir Schutzinstinkte.

Haben Sie jemals Texte von Erich Mühsam vertont?

Konstantin Wecker: Nein, habe ich nicht. Aber das ist eine gute Idee!

Preis für den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit

Erich Mühsam hat sich sein Leben lang nicht gefügt. Schon früh hatte er eindringlich vor der unheilbringenden Gefahr des Faschismus gewarnt und gehörte zu den ersten und bekanntesten Opfern. Am 10. Juli 1934 wurde er im KZ Oranienburg ermordet. Sein Name wurde zum Synonym für Menschlichkeit, Würde und Widerstand gegen Unrecht.

Der Preis wird seit 1993 von der Erich-Mühsam-Gesellschaft verliehen. Sie pflegt das Andenken von Erich Mühsam und fördert Bestrebungen, die im Sinne Erich Mühsams für Frieden und soziale Gerechtigkeit eintreten. Der Erich-Mühsam-Preis ist mit 3000 Euro und der Förderpreis mit 1000 Euro dotiert, beide werden gestiftet von Frank-Thomas Gaulin.

Morgen um 18 Uhr wird der Erich- Mühsam-Preis an Konstantin Wecker in der Lübecker Musik- und Kongresshalle verliehen. Gleichzeitig erhält das Lübecker Flüchtlingsforum den Erich-Mühsam-Förderpreis 2016.

Das Konzert „Revolution“ mit Konstantin Wecker beginnt um 20 Uhr. Es gibt noch Karten.

Jürgen Feldhoff

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden