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„Ich bin dankbar, dass ich leben darf“

„Ich bin dankbar, dass ich leben darf“

Cornelia Scheel und Hella von Sinnen stellen in Lübeck die Erinnerungen an Mildred Scheel vor.

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Cornelia (links) 1974 mit ihren Eltern Mildred und Walter Scheel, ihrer Schwester Andrea-Gwendoline (r.) und dem Adoptivbruder Simon Martin.

Quelle: Picture Alliance

Köln Sie war eine der unkonventionellsten First Ladys der Bundesrepublik: Mildred Scheel, Ärztin und Frau des Bundespräsidenten Walter Scheel, sorgte mit der Gründung der Deutschen Krebshilfe dafür, die Krankheit aus der Tabuzone zu holen. Dass sie selbst 1985 im Alter von 52 Jahren an Darmkrebs starb, war nicht nur für die Familie ein schwerer Schlag. Ihre Tochter Cornelia Scheel begleitete sie am Sterbebett. Nach 30 Jahren verneigt sie sich mit persönlichen Erinnerungen vor ihrer berühmten Mutter.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Cornelia Scheel: Ich habe gemerkt, dass viele jüngere Menschen mit dem Namen Mildred Scheel und der Deutschen Krebshilfe nichts mehr verbinden. Mir ist es wichtig, die Erinnerung an diese Frau wachzuhalten beziehungsweise sie wieder bekannt zu machen.

Wie ging es Ihnen beim Schreiben?

Scheel: Es verging nicht eine Nacht, in der ich nicht intensiv von meiner Mutter geträumt habe. Es waren schöne wie auch schmerzhafte Träume. Ich kann unterm Strich nur sagen, es geht mir heute sehr viel besser. Ich habe endlich diese große Trauer, den großen Verlust meiner Mutter verarbeitet. Ich bin ruhiger geworden, gelassener.

Haben Sie bei den Recherchen Neues über Ihr Leben erfahren?

Scheel: Ja, leider auch nicht so Schönes. Ein Onkel erzählte mir, dass ich in meinen ersten zwei Lebensjahren in einem Waisenhaus lebte, weil meine Mutter als junge alleinstehende Ärztin arbeiten und Geld für uns verdienen musste.

Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?

Scheel: Das war zunächst ein Schock. Andererseits verstehe ich mich jetzt viel besser, meine Verlustängste. Ich weiß von Freundinnen meiner Mutter, dass sie mich immer besucht hat, sobald sie ein paar Stunden Zeit hatte. Diese Besuche waren immer mit Abschieden verbunden. Ich habe bis heute Schwierigkeiten mit Abschieden, aber ich weiß nun, warum.

Sind Sie von Ihrer Mutter enttäuscht?

Scheel: Nein, in keinster Weise. Ich bin dankbar, dass ich leben darf. Für eine junge Assistenzärztin war es ja damals 1963 in München unglaublich schwierig und gesellschaftlich nicht akzeptiert, ein uneheliches Kind in die Welt zu setzen. Es wäre für sie ein Leichtes gewesen, mich abtreiben zu lassen oder mich zur Adoption freizugeben. Aber sie wollte für uns beide kämpfen.

Sie beschreiben Ihre Mutter als energiegeladene, kompromisslose Frau, der Konventionen schnuppe waren und die für ihre Ideale kämpfte, auch als fürsorgliche Mutter. Welche Schwächen gestehen Sie ihr zu?

Scheel: Sie hatte einen furchtbaren Geschmack und wurde auch mal zur schlechtest angezogenen Frau des Jahres gewählt.

Ich fand es beim Lesen des Buches schon heftig, dass Sie als Kind auch mal eine Backpfeife oder ein Glas Wein ins Gesicht bekommen haben, wenn Ihre Mutter wütend war.

Scheel: Sie war manchmal zu spontan und hat aus dem Affekt heraus nicht immer richtig reagiert, sie konnte richtig wütend werden. Aber sie konnte sich eben auch im Anschluss entschuldigen, auch bei den Kindern, was ich großartig finde.

Konnten Sie Ihren Vater Walter Scheel, der Sie adoptiert hat und inzwischen in einem Heim lebt, auch noch für das Buch befragen?

Scheel: Nein, das war leider nicht mehr möglich.

Welchen Anteil hat Hella von Sinnen an der Entstehung des Buches?

Scheel: Sie hat mich ermutigt: Setz dich hin, fang an zu schreiben! Und sie war meine strengste Kritikerin. Ich habe ihr meine Texte apportiert, sie hat immer ihre Meinung dazu gesagt. Nun machen wir gemeinsam die Lesungen: Hella liest, ich beantworte im Nachhinein Fragen.

Sie beide leben ja inzwischen in neuen Partnerschaften. Wie schwer ist es, beruflich weiter zusammenzuarbeiten?

Scheel: Erstaunlicherweise überhaupt nicht. Ich bin so froh darüber, denn Hella und ich sind uns immer noch sehr verbunden nach 25 gemeinsamen Jahren. Ich mag Hellas Freundin sehr, und Hella meine neue Partnerin auch.

Buch und Lesung im Volkstheater Geisler

Cornelia Scheel , geboren 1963, wurde von ihrer Mutter zunächst allein erzogen. Nachdem ihre Mutter 1969 den späteren Bundespräsidenten Walter Scheel geheiratet hatte, wurde sie von diesem adoptiert und erhielt damit dessen Nachnamen. Cornelia Scheel studierte zunächst Medizin und arbeitete anschließend für die Deutsche Krebshilfe, deren Präsidentin ihre Mutter von 1979 bis zu ihrem Tod 1985 gewesen war. Seit 1991 arbeitet sie als Managerin und Gag-Autorin für ihre langjährige Lebenspartnerin Hella von Sinnen. Für ihren permanenten Einsatz zur Gleichstellung Homosexueller erhielten beide 2009 den Rosa Courage Preis. Cornelia Scheel lebt und arbeitet in Köln.

Das Buch „Mildred Scheel – Erinnerungen an meine Mutter“ ist 2015 erschienen im Rowohlt Verlag. Cornelia Scheel erinnert sich darin an ihre Mutter Mildred Scheel, an deren bewegtes Leben und das schmerzhafte Abschiednehmen, aber sie plaudert auch aus dem Nähkästchen über das Leben in der Villa Hammerschmidt als Kind des Bundespräsidenten und befragt Zeitzeugen.

Am morgigen Donnerstag liest Hella von Sinnen im Volkstheater Geisler, Dr.-Julius-Leber-Str. 25 in Lübeck, aus dem Buch, Cornelia Scheel beantwortet danach Fragen. Beginn ist um 20 Uhr, der Eintritt kostet 25 Euro.

Interview: Petra Haase

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