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„Ich bin dann mal hier“, sagt Marion Böhrk-Martin

Lübeck „Ich bin dann mal hier“, sagt Marion Böhrk-Martin

Nichts wie weg! So denken viele, sobald sich mal ein freier Tag ankündigt. Ich werde es anders machen, nämlich hier bleiben.

Lübeck. Nichts wie weg! So denken viele, sobald sich mal ein freier Tag ankündigt. Ich werde es anders machen, nämlich hier bleiben. In Lübeck. Einfach durch die Straßen schlendern, mir Dinge anschauen, für die ich mir sonst bei allem Tun-Müssen keine Zeit nehme. Die Idee begeistert mich. Die Hansestadt beherbergt mich seit dem Schneewinter 1978/79. Doch so mancher Tourist hat sicher mehr gesehen als ich. Also — wo fange ich an? Am liebsten kreuz und quer und ohne Plan.

 

LN-Bild

Die Pastorin Marion Böhrk-Martin (61) leitet seit 1992 die Telefonseelsorge in Lübeck. Nebenberuflich arbeitet die gebürtige Fehmaranerin als Kommunikationstrainerin, begleitet Menschen in ihrer Trauer, berät Einzelne und Gruppen in Krisen. Sie ist auch als Supervisorin tätig und bietet Coaching für Führungskräfte an.

Quelle: Wolfgang Maxwitat

Ich wähle das Holstentor . Schon als junges Mädchen, mit einer Freundin für einen Shoppingtag von Fehmarn angereist, hat mich der Blick auf das trutzige Tor und die alten Salzspeicher fasziniert. „Concordia Domi Foris Pax“ lautet die Inschrift, die mir gülden entgegenleuchtet. „Eintracht drinnen, Friede draußen.“ Ob sich unsere Stadtoberen wohl immer daran erinnern?

Aber ansonsten leben wir schon in einer Super-Comfort-Zone hier. Mittelalter, die Nähe zum Meer und die relativ große politische Sicherheit. Ich bin bereit, in Eintracht zu leben nicht nur mit meinem Nachbarn, sondern auch mit denen, die aus Krieg und Horror hierher geflohen sind. Und der Friede draußen? Vielleicht sollten wir es mal mit unserem Marzipan versuchen? Aber soviel friedlich stimmendes Marzipan kann wohl gar nicht verschickt werden . . .

Weiter geht‘s, die Holstenstraße hinauf zur Marienkirche . Das Kirchenschiff dieser Mutter der Backsteingotik zieht überwältigend Blicke und Herzen in die Höhe. Was für ein imposanter schöner Raum! Doch will ich in die Marienbriefkapelle. Ich liebe die Fenster, die der international berühmte Glaskünstler Johannes Schreiter 1981/82 kreiert hat. Allerdings gab es auch viel Verriss, als sie eingebaut wurden. Versunken in die Betrachtung bleibe ich eine Zeitlang sitzen. Die zerrissenen Rautenmuster erinnern an zerrissene Netze. Mir spiegeln sie ein Stück meiner eigenen Befreiungsgeschichte. Sind auch Symbol der Arbeit, zu der ich mich als Seelsorgerin berufen fühle: helfen, die Seele zu befreien aus dem Netz des Fallenstellers und Vogelfängers (nach Psalm 124). Mein Magen grummelt. Schon 10.30 Uhr! Zeit für ein spätes Frühstück. Das Frühstücksbüfett in der Grenadine in der Wahmstraße ist appetitlich angerichtet. Die hausgebackenen Brötchen — mmhmm, Brioches! — duften verführerisch und schmecken . . . Dieser Vormittag war schon einmal sehr schön. Und man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist, heißt es. Soll ich die geplanten Erkundung der idyllischen Gänge und Torwege in der Altstadt auf meinen nächsten Lübeck-Tag legen? Na, einen Gang gönn‘ ich mir noch. Denn wie oft habe ich gedacht: Hier möchte zu gerne einmal reinschauen — diese Höfe wirken wie winzige Oasen mitten in der Stadt — wie hübsch!

LN

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