Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden „Ich bin kein Marxist“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden „Ich bin kein Marxist“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:32 06.01.2018
Knete mit Karl: Die Sparkasse Chemnitz (früher Karl-Marx-Stadt) ziert ihre EC-Karte mit dem Marx-Denkmal.

Dazu soll eine inklusive Sockel fünf Meter hohe und 2,3 Tonnen schwere Bronze-Statue enthüllt werden – so dass Käufer des Ein- Euro-Shops, der inzwischen im Geburtshaus des Geistestitanen untergebracht ist, beim Anblick des Altmeisters über die Lage der arbeitslosen Klasse in Deutschland und darüber hinaus nachdenken können. Eine zeitgleich anlaufende Marx- Sonderausstellung in Trier kann sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Schirmherrn präsentieren. Der Altmeister mit dem Prophetenbart ist im Gedenk-Kalender hoch angesiedelt.

Trier. Karl Marx ist auf dem Weg – gerade nimmt er im fernen Peking Fahrt auf. Denn die offiziell immer noch kommunistische Volksrepublik China will den Großdenker ganz groß herauskommen lassen in seiner Heimatstadt Trier. Anlass: Marx’ 200. Geburtstag am 5. Mai 2018.

Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre der zu Bronze geronnene Jubilar wohl weniger pompös empfangen worden, auch als kritischer Ökonom mit Blick über den kapitalistischen Tellerrand hinaus wäre er wohl kaum willkommen gewesen. Spätestens mit der großen Wende vor knapp 30 Jahren samt Zerfall der Sowjetunion hatten schließlich die Markt-Prediger „das Ende der Geschichte“ eingeläutet. Man erwartete nun ein immerwährendes prosperierendes kapitalistisches System, frei von freudloser Planwirtschaft mit graugesichtigen Untertanen und ewiger Knute durch mitleidlose Parteidiktaturen.

Spätestens seit den sich häufenden Finanzkrisen ab den 1990er Jahren ist Karl Marx jedoch wieder Thema. Vor allem der Beinahe-Kollaps des globalen Bankensystems vor einem Jahrzehnt rückte die marxistische Theorie wieder in den Fokus. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise war „Das Kapital“, jenes dreibändige Monumentalwerk, an dem sich die 68er in mühsamen Schulungen abarbeiteten und das gerade erst zu seinem 150. Geburtstag gewürdigt wurde, nahezu ausverkauft.

Vor allem seine Krisentheorien seien heute wieder „hochaktuell“, meint der kinnbärtige langjährige Chef des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Marx habe „aktuelle Krisentheorien vorweggenommen“, glaubt auch Gerald Hubmann von der legendären Marx-Engels-Gesamtausgabe an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, „ebenso wie Marx ja bereits die Banken im Blick hatte und das Phänomen der Privatisierung der Gewinne bei Sozialisierung der Verluste zu Krisenzeiten“. Die explodierte Staatsverschuldung, durch die „systemrelevante“ Banken vorm Bankrott gerettet wurden, mag wie die daraus folgende Zinsflaute als Beleg dienen.

Manches, was Marx vor anderthalb Jahrhunderten schrieb, wirkt tatsächlich bis heute aktuell: Auch die Krisenanfälligkeit durch ständige am Ende für viele ruinöse Konkurrenz war ihm geläufig: „Je ein Kapitalist schlägt viele tot“, schwante ihm. Die Kapitalisten seien quasi ihrer Gier nach immer mehr ausgeliefert. „Akkumuliert! Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten“, brachte er das oberste Gebot der industrialisierten Weltwirtschaftsordnung auf den Punkt. Und sah voraus: „Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.“ Hat da wer Globalisierung gesagt?

Gelohnt allerdings wurde dem Spross eines zum Protestantismus konvertierten jüdischen Anwalts seine Arbeit am Mammutwerk nicht. „Das ,Kapital’ wird mir nicht einmal so viel einbringen, als mich die Zigarren gekostet, die ich beim Schreiben geraucht“, unkte er – und das waren nicht wenige. Studiert hatte er die großen Denker aus Philosophie und Ökonomie ausgiebig in der Bibliothek in London, die (wirtschafts-)liberale Stadt mit ihrer Armut, in die ihn und seine Familie nach mehreren Versuchen, in Deutschland, Frankreich und Belgien im Journalismus Fuß zu fassen, schließlich eine ungnädige Obrigkeit nach ihrem Sieg im revolutionären Aufruhr um 1848 getrieben hatte.

Dessen „Saubuch“, wie Marx das „Kapital“ mal nannte, manchmal auch zermürbt „die ökonomische Scheiße“ (zu seinem Freund und Follower Friedrich Engels, ohne dessen finanzielle Unterstützung er nie durchgehalten hätte), hat mit diesem – plus zwei posthum von Engels herausgegebenen weiteren Bänden – in der Geschichte wohl so viel Wirkung erzielt wie sonst nur noch die Bibel. Nicht immer gute, wie auch die Bibel.

Aber: „Der Mensch macht die Religion, nicht die Religion den Menschen“, war seine Erkenntnis – und so hätte der Mann, der zunächst „vor allem den Drang spürte, mit der Philosophie zu ringen“, wohl die Verabsolutierung seines Werks und die Vergötterung seiner Person eher skeptisch gesehen. „Was mich betrifft, ich bin kein Marxist“, ist als Reaktion von ihm überliefert, als er von einer neuen „marxistischen“ Partei hörte. Die Talkshows würden sich heute um so einen reißen – wenn er ihnen nicht den schönen Kapitalismus so madig machen würde.

Bühnenreif

Vom 5. Mai bis zum 21. Oktober präsentiert Trier eine große Ausstellung über Karl Marx, der die ersten 17 Jahre seines Lebens in Trier verbrachte. Mehrere Hundert Gemälde, Grafiken, Originaldokumente, Skulpturen und kulturhistorische Ausstellungsstücke beleuchten den berühmten Sohn der Stadt.

Auf eine theatrale Spurensuche zum runden Geburtstag begibt sich die Theatergruppe subbotnik am Kölner Schauspiel. In „Wir sind Affen eines kalten Gottes“ (Premiere 5. Mai) geht es um Karl Marx.

Ein 90-minütiges Dokudrama mit dem Arbeitstitel „Der deutsche Prophet. Die letzte Reise des Karl Marx“hat das ZDF im Herbst 2017 mit Mario Adorf in der Hauptrolle gedreht. Die Rahmenhandlung folgt den Stationen im letzten Lebensjahr von Karl Marx, in dem er und seine Tochter Eleanor auf seinen Werdegang und sein Werk zurückblicken. Ein Sendetermin steht noch nicht fest.

Michael Wittler

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Wenn ich, die Wucht der eingefrorenen Bewegung spürend, den Atem anhalte: der Sankt Jürgen in der Katharinenkirche meidet die Augen des Drachens, schaut seltsam ...

06.01.2018

Der Rechtsstreit zwischen dem Volkstheater Rostock und seinem ehemaligen Intendanten Sewan Latchinian ist auch nach dem Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) von Dezember nicht beendet. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe soll über eine Nichtzulassungsbeschwerde des Theaters entscheiden.

06.01.2018

Der in London und Berlin lebende Fotokünstler Wolfgang Tillmans ist Träger des Kaiserringes 2018 der Stadt Goslar. Der 49-Jährige habe bisher bereits ein dichtes, vielschichtiges Lebenswerk geschaffen, heißt es in der Begründung der Jury. Die Auszeichnung wird am 28. September verliehen.

06.01.2018
Anzeige