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Kultur im Norden „Ich bin keine Sängerin“
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19:16 14.02.2018
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Los Angeles

Sie sagen, Sie würden Ihre Platte nie zuhause spielen. Warum nicht?

Er schrieb die Songs, sie lieferte den Gesang: Sébastien Tellier und Dita Von Teese. Quelle: Foto: Gilles Laurent

Weil ich Hemmungen habe, mir selbst beim Singen zuzuhören. Was meine Stimme angeht, fehlt mir jedes Selbstbewusstsein. Ich bin ja keine Sängerin. Als Sébastien Tellier mich fragte, ob ich mit ihm ein Album machen und darauf singen würde, war das einerseits eine große Ehre, und ich wollte keinesfalls Nein sagen. Andererseits war das aber auch eine komplett furchterregende neue Erfahrung.

Gut, Sie hauchen mehr als dass Sie singen. Trotzdem ist Ihre Stimme doch recht schön.

Ach, gar nicht. Ich bin einfach keine Sängerin. Mein Ex-Mann, der saß immer da und hörte sich seine eigenen Songs an. Ich erinnere mich noch gut an eine seiner Geburtstagspartys – den ganzen Abend spielte er seine Alben. Meine Güte, mir selbst aus Spaß zuzuhören, das könnte ich nie.

Sie sind relativ schüchtern, oder?

Ja. Aber bei weitem nicht mehr so extrem wie früher. Ich bin ein blondes Mädchen, das von einer Farm in Michigan stammt. Als Kind war ich schrecklich schüchtern, auch als Teenager habe ich mich nur wenig getraut. Ich war auch nicht immer so glücklich mit meinem Körper wie heute. Ich habe erst lernen müssen, mich zu mögen.

Was hat Sie denn an der Zusammenarbeit mit Sébastien Tellier gereizt?

Die Kontrolle abzugeben. Ich habe mir meine Karriere selbst aufgebaut und genieße es normalerweise, die Macht und die Entscheidungsgewalt über meine Arbeit zu haben. Aber die Verantwortung an Sébastien abzugeben, der sämtliche Texte und die ganze Musik schrieb, war total klasse. Er hat geführt, und ich folgte ihm. Sich fallen zu lassen und jemandem, der weiß, was er tut, völlig zu vertrauen, kann großen Spaß machen.

Sind Sie sich selbst gegenüber eigentlich immer so kritisch?

Ich stapele lieber zu tief als zu hoch. Ich war nie ein Mensch, der eine große Schnauze hatte, was das eigene Können angeht. Ich glaube an das Konzept von „So lange schummeln, bis man erreicht hat, was man will“. Ich bin zum Beispiel auch keine sehr gute Tänzerin.

Sie haben eine Riesenkarriere gemacht und sind die wohl bekannteste Burlesque-Tänzerin der Welt.

Schon. Aber mit Burlesque und Striptease fing ich ja nur deswegen an, weil ich unfähig war, eine große Balletttänzerin zu werden. Okay, dann wurde ich berühmteste Burlesque-Tänzerin der Welt, damit kann ich gut leben (lacht). Manchmal haben sich meine Mängel als Segen erwiesen. Man muss die Dinge dann nur neu denken, frisch angehen und das Beste aus seinen Schwächen machen.

Haben Sie Pin-Up-Fotografie, Striptease-Shows und Burlesque aus der Schmuddelecke geholt und zu Familienunterhaltung gemacht?

Familienunterhaltung ist jetzt ein bisschen zu hoch gegriffen (lacht). Es kommen jedoch erstaunlich viele Teenager, Mädchen wie Jungs, oft mit ihren Eltern. Super ist das. Als ich anfing, waren fast nur Männer in meinen Shows. Das hat sich komplett verschoben. Heute sind die meisten meiner Fans Frauen. Den Frauen ist wohl klar geworden, dass mehr Substanz und Wertigkeit in meiner Kunst steckt, als es zunächst den Anschein hat.

Worin besteht der Wert Ihrer Show?

Ich zeige, dass man eine erotische und sinnliche Person sein kann und trotzdem die volle Kontrolle und Macht auf seiner Seite hat. Feministisch und sexy zu sein ist für mich kein Widerspruch. Ich bin selbstbestimmt, setze mir selbst und anderen Grenzen. Meine Shows sind ein Ort des Akzeptierens, ich zelebriere die Schönheit und die Diversität.

Spielt das Alter für ihr Schaffen eine Rolle?

Nein! Einige der besten Burlesque-Tänzerinnen sind über 40, ich selbst bin schon 45. Meine Kunst ist zeitlos und schließt jeden mit ein. Schönheit und Erotik haben für mich nichts mit der Körperfülle und nichts mit dem Alter zu tun.

Finden Sie selbst sich sexy?

Was meine Arbeit betrifft, bin ich sehr selbstbewusst und stark. Aber ich bin oft auch ziemlich demütig und bescheiden. Ich stelle mich sicher nicht hin und rufe: Seht her, ich bin die Allerschönste.

Sie haben das Verb „to tease", also flirten, verführen, reizen, schon im Namen. Ist der Flirt wegen der #metoo-Bewegung in der Krise?

Es steht jedenfalls vieles auf dem Prüfstand. Ich bin heilfroh, dass diese Konversation endlich stattfindet und viele Frauen endlich darüber sprechen, was ihnen passiert ist. Ich wusste von vielen dieser Vorfälle, ich kannte auch einige Namen, aber die Abgründigkeit des Ganzen hätte ich mir niemals vorstellen können. Wir haben in Hollywood immer unsere Späße über die Besetzungscouch gemacht, das Geschäft galt als eine Art Geben und Nehmen. Aber wie übel, wie brutal, wie grausam viele dieser Attacken waren, das hat mich geschockt.

Raabe und Manson

Dita Von Teese (45) war mit dem US-Rockmusiker Marilyn Manson verheiratet. Jetzt hat sie mit dem französischen Sänger und Songwriter Sébastien Tellier ein nach ihr benanntes Debütalbum eingespielt. Sie lebt in Los Angeles in einem Haus aus den Zwanzigerjahren, schätzt Antiquitäten, alte Autos und den deutschen Sänger Max Raabe, der auf ihrer Hochzeit mit Manson sang. Und wenn sie aus dem Haus geht, dann nie ohne roten Lippenstift.

Steffen Rüth

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