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Kultur im Norden „Ich bin meine eigene Stimme“
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19:10 19.10.2017

Frau Engelmann, durch Ihren Poetry- Slam sorgten Sie 2014 als „Stimme ihrer Generation“ schlagartig für Aufsehen. Welchen Nerv haben Sie da getroffen?

Julia Engelmann: Ich weiß nicht, ob ich wirklich für meine Generation stehe. Ich bin meine eigene Stimme und kann gut für mich sprechen. Aber ich glaube, dass es Themen gibt, die viele Menschen verbinden, unabhängig davon, wie alt sie sind: Wie werde ich glücklich? Was soll ich aus meinem Leben machen? Für mich ist das Hauptthema des Gedichts, dass ich nicht irgendwann zurückschauen und denken will: Oh Mann, hätte ich ich doch das und das und das mal gemacht.

Fürchten Sie heute immer noch, nicht die richtigen Geschichten erzählen zu können, wenn Sie einmal alt sein werden?

Ich fürchte mich nicht, aber ich denke auf jeden Fall darüber nach. Je mehr ich darüber nachgedacht und auch geschrieben habe, desto mehr nimmt mein Leben einen Kurs, den ich mir gar nicht erhofft hätte. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass die Frage – habe ich alles richtig gemacht? – immer bleibt, weil sie eng an das Gefühl gekoppelt ist: Ach krass, Zeit vergeht wirklich so schnell wie alle immer sagen. Das ist ein bisschen auch die Melancholie darüber, das Dinge endlich sind.

Das Gedicht drückt ja auch eine gewisse Lethargie aus, überhaupt eine Wahl zu treffen, angesichts der unendlichen Möglichkeiten vor denen Ihre Generation steht. Kennen Sie diese Lähmung auch?

Absolut. Diese Vielfalt an Möglichkeiten ist vielleicht auch ein Symptom für das Gefühl, etwas zu verpassen. Wenn ich auf Instagram oder Facebook unterwegs bin, scheint es immer ein Leben zu geben, das noch besser, noch intensiver ist, wo Menschen mit Leichtigkeit durchhüpfen.

Verbaut die Scheinwelt des Internets den Blick aufs wahre Leben?

Total. Natürlich teilen die meisten Leute nur die tollsten Momente, und man bekommt den Eindruck, alle machen alles mit viel mehr Spaß und Leichtigkeit und dann auch noch unter Palmen!

Was versuchen Sie, in den sozialen Medien zu teilen?

Meine Gedanken und Gedichte.

Was sind die Themen, die Sie umtreiben?

Viel Zwischenmenschliches und grundsätzliche Fragen: Wie lebe ich richtig? Bin ich ein guter Mensch? Wie gehe ich damit um, dass Zeit vergeht?

Sind Sie dabei auch durch ihre Mutter, eine Psychologin, beeinflusst?

Ja, positiv würde ich sagen. Sie ist ja auch Autorin – und meine Managerin. Wir haben zu Hause schon immer viel über die Kraft der positiven Gedanken gesprochen und darüber, wie sehr man selbst der Schlüssel zum eigenen Glück ist. Ich bekomme sehr viel Rückmeldungen von Menschen, die Schwierigkeiten haben und mir schreiben, dass ihnen das hilft.

Sind Sie jetzt als Pop-Poetin Ihrer Bestimmung näher gekommen?

Extrem nah, ich glaube, viel näher komme ich nicht ran. Ich kann das Glück noch immer nicht fassen, dass das jetzt mein Beruf sein darf.

Hätten Sie sich jemals vorstellen können, was Ihr Gedicht auslösen würde?

Auf keinen Fall, in hundert Jahren nicht. Eigentlich war das ein total unmagischer Abend. Ich bin fünfte geworden von sechs, die da angetreten sind. Am Büchertisch wollte keiner mein selbstgedrucktes Heftchen haben. Was danach passiert ist, hatte ich überhaupt nicht auf dem Radar.

Was hatte Sie denn dazu bewogen, bei einem Poetry-Slam aufzutreten?

Ich war vorher zufällig mit einer Freundin bei einem Slam im Publikum und fand es so schön! Ich fühlte mich gleich zugehörig und habe gedacht: Das könnte das sein, wofür ich schreiben kann. Ich wollte immer schon schreiben, aber ich wusste nicht wofür, und ich finde es ein schönes Format, dass da Menschen mit ihren eigenen Gedanken auf die Bühne kommen und jeder wird gehört. Dadurch habe ich angefangen.

In Ihrem Programm thematisieren Sie die Quarter-Life-Crisis. Sind Sie mit 25 nicht zu jung für eine Krise?

Mir wird gerade bewusst, dass ich nicht immer jung bin. Das wirft bei mir ganz viele Fragen auf: Wie gehe ich damit um? Meine Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern, was möchte ich in meinem Leben künftig Sinnvolles machen?

Was möchten Sie denn unbedingt erleben, um später davon erzählen zu können?

(lacht): Abstrakt gesehen, würde ich gerne ganz ich sein können – und alle anderen um mich herum die sein lassen, die sie sind.

Und konkret?

Vielleicht würde ich gerne einmal Paragliden.

Betreiben Sie denn irgendeinen Abenteuersport?

Dafür bin ich nicht der Typ. Aber ich bin schon mal auf einen Berg geklettert.

Interview: Regine Ley

LN

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