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„Ich bin mit dem Schreiben glücklich“

„Ich bin mit dem Schreiben glücklich“

Jenny Erpenbeck wird in Lübeck den Thomas-Mann-Preis entgegennehmen — Die Autorin über ihr Engagement.

Glückwunsch zum Thomas- Mann-Preis 2016. Sie stehen damit in einer Reihe mit Uwe Johnson, Günter Grass, Siegfried Lenz und Christa Wolf. Fühlen Sie sich wohl in dieser Preisträgergesellschaft?

Jenny Erpenbeck: Mich freut es ganz besonders, dass es der Thomas- Mann-Preis ist. Ich war schon immer eine begeisterte Leserin seiner Werke und kenne davon fast alles. Natürlich ist der Preis eine große Ehre für mich. Aber ich sehe mich nicht in einer solchen Reihe und mag mich nicht mit den anderen Preisträgern vergleichen.

Ihr letztes Buch „Gehen, ging, gegangen“, das von afrikanischen Flüchtlingen in Deutschland erzählt, ist nicht ganz unschuldig an der Preisentscheidung...

Erpenbeck: Die Preisvergabe ist zwar in erster Linie eine literarische Angelegenheit, aber mein Buch enthält ja durchaus auch eine politische Aussage, deshalb freue ich mich über den Preis umso mehr.

Sie sind mit dem Roman knapp am Deutschen Buchpreis vorbeigeschrammt. Viele Literaturbetriebsexperten meinten im vergangenen Herbst, Sie hätten ihn ganz sicher. Dann bekam ihn Frank Witzel. Der Thomas-Mann-Preis ist mit 25000 Euro genauso hoch dotiert — eine kleine Genugtuung?

Erpenbeck: Ich vermute tatsächlich, dass es da einen Zusammenhang gibt...

...Kriegst du den einen nicht, kriegst du den anderen?

Erpenbeck: Es gab eine rege Diskussion um die Verleihung des Deutschen Buchpreises und ob ich ihn verdiene. Viele fanden es schade, dass ich ihn nicht bekommen habe. Vielleicht wollte jetzt die andere Jury so etwas wie einen Ausgleich schaffen.

„Gehen, ging, gegangen“ wurde sehr positiv aufgenommen, gerade weil er die aktuelle Diskussion um den Umgang mit Flüchtlingen thematisiert. Doch es gab auch negative Stimmen, der „Spiegel“ nörgelte:

„Erpenbecks Roman ist ein klassischer Pressetitel, auf Feuilletons und Preisjurys zugeschnitten.“ Wie gehen Sie damit um?

Erpenbeck: Wenn ich mit solchen Kriterien anfangen würde, Romane zu schreiben, könnte ich einpacken. Man schreibt aus ganz anderen Gründen. Wenn man die Reihe meiner Bücher anschaut, kann man erkennen, dass es eine Linie des Nachdenkens gibt, die ganz klar zum letzten Buch führt. Dass ich damit auf das Preiskarussell mit Long- und Shortlists kommen könnte, hätte ich aber nie vermutet.

Ich positioniere mich ja politisch mit dem Buch, es war klar, dass ich in den Augen mancher damit den Pfad der reinen Literatur verlassen habe.

Ihrem Schreiben geht eine gründliche Recherche des Themas voraus, das ist nicht selbstverständlich für belletristische Werke.

Erpenbeck: Wie wollen Sie über Flüchtlinge schreiben, ohne mit Flüchtlingen zu reden? Auch ein literarisches Buch muss genau sein. Die meisten Autoren untersuchen doch ihren Gegenstand genau.

Meine Gespräche mit den Flüchtlingen waren jedenfalls nicht nur für mein Buch, sondern auch für mein Leben sehr bereichernd.

Man darf Sie vermutlich noch als gelernte DDR-Bürgerin bezeichnen. Sie waren 22, als die Mauer fiel. Verstehen Sie die fremdenfeindliche Haltung, die in vielen ostdeutschen Kommunen herrscht?

Erpenbeck: Ich kann auch nur mutmaßen, was da im Untergrund brodelt. Ich denke, dass die Erfahrung von existenzieller Erschütterung aus der Zeit der Wende noch da ist. DDR-Bürger mussten nach dem Mauerfall den Alltag, das soziale Gefüge, die Kultur, alles noch einmal ganz neu lernen, das fiel vielen schwer, sie waren auf der Verliererseite, hatten angeblich alles falsch gemacht. Viele verloren die Arbeit. Sie haben es dann irgendwie geschafft und fürchten nun, dass sie durch die Flüchtlinge in eine neue Krise geraten. Sie richten ihre Wut gegen die Opfer, vor den Villen der Waffenhändler sieht man dagegen ziemlich selten Demonstrationen. Ein fatales Missverständnis.

Sie selbst haben ein paarmal umgelernt. Sie waren erst Buchbinderin, dann haben Sie Theaterwissenschaften studiert, führten an Opern Regie. Ist die Bühne inzwischen für Sie gestorben?

Erpenbeck: Vor einigen Jahren bin ich Mutter geworden, mit einem Schulkind war eine sechswöchige Probenzeit in einer anderen Stadt nicht mehr möglich. Außerdem muss man sich auch auf das Regieführen ganz einlassen — und da ich inzwischen dickere Bücher schreibe, lässt sich das kaum vereinbaren. Der Hauptgrund aber ist sicher: Ich bin mit dem Schreiben sehr glücklich.

Eine indiskrete Frage: Was macht eine arrivierte Autorin wie Sie mit dem Preisgeld von 25000 Euro?

Erpenbeck: Auch eine arrivierte Autorin hat ja kein Monatsgehalt, ich lebe also von dem Geld, muss ein paar Kredite abzahlen, wie andere Leute auch, und ein bisschen was wird wohl auch in den Fond der Erpenbeck-Behörde für Afrikaner, die in Deutschland Arbeitsverbot haben, fließen.

Von Interview: Michael Berger

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