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„Ich bin so neugierig auf das Publikum wie das Publikum auf mich“

Lübeck „Ich bin so neugierig auf das Publikum wie das Publikum auf mich“

Sopranistin Christiane Oelze ist Stargast beim Lübecker Kammermusikfest mit einem Liederprogramm aus Klassik und Pop.

Lübeck. Lieder sind ein wenig aus der Mode gekommen. Bei Ihnen aber nicht?

 

LN-Bild

„Ich singe Lieder, weil ich ein poetischer Mensch bin“: Sopranistin Christiane Oelze ist beim Kammermusikfest Lübeck zu erleben.

Quelle: N. Bothur

Christiane Oelze: Im Radio habe ich gerade gehört, dass in Deutschland nur noch wenig gesungen wird, obwohl Singen zum Leben und zur Kultur dazugehört. In der Grundschule werden heute kaum noch Volkslieder gesungen. In meiner Schulzeit musste ich mich noch ans Lehrerpult stellen und zwei Lieder vorsingen. Heute wird mehr Pop gesungen. Sowohl das Volksliedgut als auch das Kunstliedgut werden nicht mehr so gepflegt.

Haben Sie gern vorgesungen, stand vielleicht sogar schon fest, dass Sie Sängerin werden wollten?

Oelze: Das wollte ich schon immer. Schon mit drei oder vier Jahren habe ich Weihnachtslieder mit endlos vielen Strophen gesungen.

Was geht verloren, wenn heute weniger gesungen wird als früher?

Oelze: Eine ganze Menge. Zum einen ist es an sich schade. Aber es geht nicht nur um Lieder, sondern auch um den Klang. Menschen, die nicht singen, sprechen auch nicht so klangvoll.

Was noch?

Oelze: Viel Poesie geht verloren. Als Studenten wurden Eric Schneider, mein langjähriger Pianist, und ich einmal gefragt: Warum spielen Sie Lieder? Seine Antwort war: Weil ich ein poetischer Mensch bin. Auch für mich ist das der Grund, weshalb ich Lieder singe.

Das Programm, das Sie in Lübeck vortragen, heißt „Liederbuch aus fünf Jahrhunderten“. . .

Oelze: Wir haben das sehr gekürzt. Das Programm besteht hauptsächlich aus englischer und spanischer Renaissance, Klassik, Britten und ein paar Songs am Ende — von Joan Baez, Norah Jones und den Beatles in verjazzter Form. Als 16-Jährige habe ich Joan Baez rauf und runter gehört. Überhaupt habe ich viele Sachen gehört, die nicht klassisch waren, beispielsweise auch Esther Ofarim.

Das ist ein sehr breites Spektrum.

Oelze: Weil so wenig Liederabende gegeben werden, habe ich überlegt: Was mache ich jetzt? Soll ich aufhören, Lieder zu singen? Eine Antwort war die andere Besetzung mit meinem Gitarristen.

Zudem erlaube ich mir, nicht nur ein klassisches Recital mit Gitarre zu machen, sondern auch ein bisschen herumzuspielen. Das passt zum Kammermusikfest, denn da sind die Leute vermutlich etwas offener.

Lässt sich mit Titeln von Joan Baez oder Norah Jones auch ein jüngeres Publikum gewinnen?

Oelze: Das kann man so pauschal nicht sagen. Meine Tochter etwa hört überhaupt keine Klassik. Das liegt wohl daran, dass ihr von dieser Musik die Mutter entzogen wurde, deshalb steht sie wohl nicht so darauf. Aber es gibt auch viele Gegenbeispiele. Ich kann mir zwar schon vorstellen, dass es bei vielen Menschen gut ankommt, wenn nicht nur Klassisches auf dem Programm steht. Trotzdem bleibe ich eine klassische Sängerin, die sich mal ein bisschen vorwagt. Wir müssen Pionierarbeit leisten. Wenn alle dazu beitragen, dass die Szene wach bleibt, wird es vielleicht auch wieder mehr Liederabende geben.

Sehen Sie es als Problem, dass bei klassischen Konzerten oft nur wenige junge Menschen im Publikum sitzen?

Oelze: Ich finde gar nicht, dass es so ist. Neulich habe ich das „Marienleben“ von Hindemith gesungen, einen sehr ausgefallener Zyklus. Da saßen vielleicht nicht viele 20-Jährige, aber 30- und 40-Jährige schon.

Beim Lübecker Kammermusikfest sind Sie der Stargast. Wie ist es für Sie, in kleineren Konzertsälen vor kleinerem Publikum aufzutreten?

Oelze: Sehr schön. Ich nehme alles immer so, wie es ist, und stelle mich immer auf das jeweilige Publikum ein. Im nächsten Jahr habe ich 30-jähriges Bühnenjubiläum — ich bin dankbar, dass es immer weitergeht und dankbar für jedes Konzert. Gerade bei Liederabenden mag ich ausgefallene Räume und ein nichtkonventionelles Publikum. Ich bin mindestens so neugierig auf das Publikum wie das Publikum auf mich.

Sie waren schon häufiger zu Gast in Lübeck, haben auch schon im Eröffnungskonzert des Schleswig- Holstein Musik Festivals gesungen. Was verbinden Sie mit Lübeck?

Oelze: Ich mag die Leute aus dem Norden sehr gern, weil die nicht so laut sind wie die Rheinländer und mehr zuhören, auch wenn sie am Anfang vielleicht ein bisschen reservierter sind. Mit Lübeck verbindet mich aber auch noch etwas anderes. Als kleines Kind bin ich mit meinen Eltern immer nach Travemünde gefahren. Es gibt noch Bilder, die vielleicht 48 Jahre alt sind, auf denen ich mit meinen Eltern vor dem Holstentor stehe. Außerdem gibt es in Lübeck eine sehr gute Musikhochschule, die klein, aber sehr fein ist. Die kleineren Städte müssen sich etwas überlegen, um aufzufallen. Ich habe das Gefühl, dass das in Lübeck sehr gut läuft.

Als Mozart-Interpretin bekannt geworden

Christiane Oelze wurde am 9. Oktober 1963 in Köln geboren. Die Opernkarriere der Sopranistin begann mit Rollen in Mozartopern. Als Opern-Interpretin, mit anspruchsvollem Lied- und Konzertrepertoire sowie geistlichen Werken ist sie international bekannt geworden. Von 2003 bis 2008 lehrte Christiane Oelze als Professorin für Gesang an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf.

Beim 26. Internationalen Kammermusikfest Lübeck (5. bis 7. Mai) wird Christiane Oelze im ersten Konzert auftreten. Am Donnerstag, 5. Mai, singt sie unter der Überschrift „Liederbuch aus 5 Jahrhunderten“ Lieder von der spanischen und englischen Renaissance bis in die heutige Zeit. Begleitet wird sie von dem Gitarristen Christian Kiefer. Außerdem spielt das Klavierduo Trenkner/Speidel Werke von Smetana. Das junge Klarinetten-Trio Trio ClariNoir (Ivo L. Ruf, Nikolai R. Gast und Ilja S. Ruf) präsentiert Auszüge aus dem Programm „Mozart on the Road“.

Beginn um 19.30 Uhr im Kolosseum, Kronsforder Allee in Lübeck.

Von Interview: Liliane Jolitz

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