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Kultur im Norden „Ich bin wieder lebendig“
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23:07 04.07.2017
Sultan Ballan ist Tänzer und stammt aus Syrien. Er hat eine Choreografie zu seiner Flucht entwickelt. Quelle: Lutz Roessler
Lübeck

Sie stammen aus Russland, Portugal, China, Syrien, Kamerun, Persien, Palästina und Deutschland. Sie kamen nach Lübeck, weil sie sich verliebt haben, weil sie hier Arbeit fanden, weil sie aus der Heimat vor Krieg geflohen sind. Neun Menschen aus Lübeck mit unterschiedlichen Biografien, Wünschen, Ängsten, Hoffnungen treffen sich seit fast einem Jahr regelmäßig, um gemeinsam im Rahmen des Bürgerbühnen-Projektes des Theaters Lübeck ein Stück zu erarbeiten. Herausgekommen dabei ist „Hier & Anders“, eine Collage aus Geschichten über das Weggehen und Ankommen, das Hierbleiben und alle möglichen Vorurteile und Klischees, die damit verbunden sind.

Unter Anleitung von Frieda Stahmer haben die Mitwirkenden sich zunächst gegenseitig ihre Geschichte erzählt. „Es ging um Fragen wie: Wer bin ich? Warum lebe ich hier? Was erwarte ich? Aus den unterschiedlichen Monologen haben wir dann Szenen und eine Dramaturgie entwickelt“, erklärt Frieda Stahmer. Erzählt werden nicht nur Fluchtgeschichten. Maria da Graca Dietrich aus Portugal etwa kam der Liebe wegen nach Lübeck, Jeanine Hanke aus Kamerun arbeitet als Ärztin hier.

Sie alle sind in Weiß gekleidet, das Stück beginnt mit der Ankunft. Die einzelnen Geschichten werden erzählt oder mit anderen Mitteln dargestellt. Sultan Ballan ist Tänzer, er musste aus seiner Heimat Syrien fliehen. Es fiel ihm anfangs schwer, seine Geschichte und Gefühle in deutscher Sprache auszudrücken, also entwickelte er eine Choreografie und tanzt die Geschichte seiner Flucht. „Wir haben die Personen miteinander verflochten, und alle haben sehr intensiv daran gearbeitet, dass ein Spannungsbogen entsteht und viele Facetten beleuchtet werden“, sagt Frieda Stahmer. So wird deutlich, dass viele Menschen zwar hier verwurzelt sind, aber doch in zwei Welten leben. Oder sie wollen weggehen und auswandern, auch das ist ein Aspekt.

Alle Mitwirkenden haben ihre Texte selbst geschrieben – zum Teil authentisch, zum Teil aber auch fiktiv. Und provokant. „Es geht auch um Rassismus, der erlebt wird, aber auch den Anteil an Rassismus, den jeder von uns in sich hat“, sagt Frieda Stahmer. Sich damit auseinanderzusetzen und eigene Vorurteile zu artikulieren sei das Härteste während der Proben gewesen. Doch gerade diese Passagen sollten die Zuschauer anregen, sich dem Thema zu stellen.

Einige Mitwirkende haben vorher schon einmal ein Bürgerbühnenprojekt mitgestaltet, andere kamen neu hinzu. Alle seien sehr neugierig, engagiert und auf der Bühne sehr präsent, resümiert Frieda Stahmer. Das Schöne an den Darstellern sei, wie unterstützend und herzlich sie miteinander umgingen und dass inzwischen freundschaftliche Kontakte entstanden seien. Und ein weiterer Nebeneffekt:

Sultan Ballan etwa hat während der Arbeit in der Gruppe seine Deutschkenntnisse enorm verbessert. Er sagt: „Ich habe meine Heimat verloren. Ich bin nicht gestorben. Ich bin wieder lebendig.“ Das sei inhaltlich zwar nicht ganz richtig, bringe aber das Lebensgefühl des jungen Mannes auf den Punkt.

Premiere am Mittwoch um 19 Uhr im Jungen Studio. Weitere Vorstellung morgen um 19 Uhr. Eintritt 7/4 Euro

 Petra Haase

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