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„Ich dachte, jetzt ist erst mal Ruhe“

Darmstadt „Ich dachte, jetzt ist erst mal Ruhe“

Schriftsteller Marcel Beyer bekommt den Georg-Büchner-Preis und ist davon total überrascht.

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Quelle: Fotos: Dpa

Darmstadt. „Euphorisch“ hat Marcel Beyer auf die Ehrung mit dem Georg-Büchner-Preis reagiert. Nach den vielen Auszeichnungen der vergangenen Jahre habe er nicht damit gerechnet, sagte der 50-jährige Autor der Deutschen Presse-Agentur in einer ersten Reaktion. „Ich dachte, jetzt ist erst mal Ruhe ein paar Jahre.“ Marcel Beyer gilt als ein Schriftsteller, der „ein unverwechselbares Werk“ geschaffen hat.

„Seine Texte sind kühn und zart, erkenntnisreich und unbestechlich“, teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gestern in Darmstadt zur Begründung mit. Der mit 50000 Euro dotierte Büchner-Preis gilt als herausragende literarische Auszeichnung in Deutschland. Er wird am 5. November in Darmstadt verliehen.

Die Akademie zeichne einen Autor aus, „der das epische Panorama ebenso beherrscht wie die poetische Mikroskopie“, lobte die Jury. Beyer widme sich „der Vergegenwärtigung deutscher Vergangenheit mit derselben präzisen Hingabe, mit der er die Welten der Tiere und Pflanzen erforscht.“ Der Autor habe in drei Jahrzehnten ein Werk geschaffen, das die Welt zugleich wundersam bekannt und irisierend neu erscheinen lasse. „Ob Gedicht oder Roman, zeitdiagnostischer Essay oder Opernlibretto, für Marcel Beyer ist Sprache immer auch Erkundung“, teilte die Akademie weiter mit.

Der in Tailfingen/Württemberg geborene Marcel Beyer wuchs in Kiel und Neuss auf und lebt seit 1996 in Dresden. Er studierte Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft in Siegen und schloss sein Studium 1992 mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker ab.

Von 1989 bis 2000 gab er gemeinsam mit Karl Riha die Reihe „Vergessene Autoren der Moderne“ heraus. Von 1992 bis 1998 veröffentlichte er in der Musikzeitschrift „Spex“.

Der Lyriker und Romancier wurde einer breiten Öffentlichkeit 1995 mit seinem Roman „Flughunde“ bekannt. Darin erzählt er vom Zweiten Weltkrieg, von der Instrumentalisierung der Sprache durch die Propaganda der Nazis und von Experimenten mit menschlichen Stimmen. Seinen ersten Roman „Das Menschenfleisch“ hatte Beyer 1991 veröffentlicht. Er brachte zudem die Lyrikbände „Falsches Futter“ (1997) und „Erdkunde“ (2002) heraus. Erzählungen und Essays enthalten „Nonfiction“ (2003) und „Putins Briefkasten. Acht Recherchen“ (2012). Jüngst legte er den Gedichtband „Graphit“ (2014) vor. Beyer erhielt zahlreiche Preise, unter anderem darunter den Uwe-Johnson-Preis, den Kleist- Preis im Jahr 2014 und den Oskar-Pastior-Preis.

Die Wende im Jahr 1989 sei für ihn als mit Popmusik sozialisierter Rheinländer zum Schlüsselerlebnis geworden, sagte Beyer über seine schriftstellerische Entwicklung. Bei Besuchen in Berlin und im Osten habe er nach dem Mauerfall festgestellt: „Die Spuren der Zeit vor 1945 sind dort viel präsenter.“ Als Autor habe er begonnen, sich mit der deutschen Vergangenheit zu beschäftigen. Beyer ließ

sich dann in Dresden nieder. Auf Lesungen werde er derzeit laufend auf die dortigen Pegida-Aufmärsche angesprochen.

Er sehe sich eher als „Mittlerfigur“, sagt dazu Beyer. Das Klima in Dresden sei lange unerträglich gewesen. Im Westen wiederum gebe es viele stereotype Reaktionen, beklagt der Autor. Die Probleme im Osten gingen die gesamte Gesellschaft an.

Marcel Beyer hat neben seinem literarischen Wirken mehrere Poetikdozenturen wahrgenommen, zuletzt im vergangenen Januar und Februar an der Universität Frankfurt am Main. Im April dieses Jahres kuratierte Beyer die Veranstaltungsreihe „Sprache und Wissen“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Auszeichnung erinnert an den Dramatiker und Revolutionär

Der Georg-Büchner-Preis gilt als renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur. Er ist mit 50 000 Euro dotiert. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt vergibt ihn seit 1951. Namensgeber ist der Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner („Woyzeck“, Abbildung). Er wurde 1813 im Großherzogtum Hessen geboren und starb 1837 in Zürich.

Die Auszeichnung erhalten Schriftsteller und Dichter, „die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben“. Unter den bisherigen Preisträgern sind die renommiertesten Namen der deutschsprachigen Literatur zu finden:

Gottfried Benn (1951), Erich Kästner (1957), Heinrich Böll (1967), Friedrich Dürrenmatt (1986). Im vergangenen Jahr erhielt Rainald Goetz die Auszeichnung.

Ach, die Gutgebügelten, junge Luden am Nebentisch, trinken das Panzerpils und tauschen Herrenheftchen. Einer wirft beim Aufstehn die Flasche Bier um, schmiert dann, nach und nach, ein ganzes Paket Tempos über den Plastiksitz. Kurzschnitte, und Pomade. Totes Büffet. Im Jungsklo, schöne Teile. Ein alter Glatzkopf zupft sich etwas von den Lippen.

Humer-Bursche. Geschlipst. Gewienert.

Junge Hunde. Fickriges Blau. Im Klappergang, Wien West, verschwitzte Gürteltiere. Rauch schneller, Lude.

Ohneservice. Vielleicht Ein- bis Zweihundert, in Randbezirken, Arbeiterbeisln, Siebzehnter. Trotte im Regen, aus einem offenen Fenster, obere Etage, Dampf.“„Junge Hunde“ von Marcel Beyer (Foto)

Joachim Beyer

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