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Kultur im Norden „Ich durchlebe jede Szene in meiner Geschichte selbst“
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20:25 10.12.2015
Zeruya Shalev wurde 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geboren.

In Ihrem Roman „Schmerz“ behandeln Sie den Nahostkonflikt sehr viel direkter als in Ihren früheren Werken. Weshalb?

Zeruya Shalev: Jedes Buch hat seinen eigenen Charakter, seine eigenen Forderungen und Bedürfnisse. Als ich anfing, diesen Roman zu schreiben, wurde mir sehr schnell klar, dass die israelische Realität hier eine sehr viel größere Rolle spielen muss. Denn Iris, meine Protagonistin, ist Opfer eines Terroranschlags geworden. Sie hat überlebt, doch die Folgen beeinflussen ihr Leben und das ihrer Familie noch Jahre später.

Das Private wird politisch?

Shalev: Aber ich behandele das Thema auf meine eigene Weise. Ich schreibe nicht über Politik, sondern darüber, welche Auswirkungen der Anschlag auf diese eine Familie hat. In einem Land wie Israel sind politische und private, sogar intime Dinge eng miteinander verknüpft. Mich interessiert, wie die äußere Gesellschaftsrealität die Persönlichkeit eines Menschen verändert. Die Seele. Ich habe am eigenen Leib erfahren, auf wie vielen Ebenen solch ein Anschlag sich auswirkt. Ein traumatisches Ereignis wie dieses kann eine Familie enger zusammenschweißen, die Mitglieder aber auch voneinander entfremden.

Sie selbst haben im Jahr 2004 ein Selbstmordattentat in Jerusalem nur knapp überlebt. Stand für Sie schnell fest, dass Sie darüber schreiben wollen?

Shalev: Nein, im Gegenteil. Ich habe mir damals selbst das Versprechen gegeben, nicht darüber zu schreiben. Niemals. Aber ich konnte nicht widerstehen, es überkam mich beim Schreiben einfach. Ich kam nicht gegen diesen Sog an.

Hat es wehgetan, an diese Erinnerung zu rühren?

Shalev: Nein. Ich habe zehn Jahre gewartet. So war genug Zeit, damit mein eigener Schmerz verfliegen konnte und es die Geschichte von Iris wurde. Anderseits identifiziere ich mich mit jeder Szene, die ich schreibe. Ich versuche sie so präzise wie möglich zu gestalten, indem ich sie sozusagen selbst durchlebe.

Was ist Ihnen angesichts der Bilder vom Pariser Blutbad durch den Kopf gegangen?

Shalev: Sie geben mir das Gefühl, dass Sicherheit nur eine Illusion ist. Selbst hier in Europa, wo der Terror bislang nicht zum Alltag gehörte, kann man jederzeit zum Opfer werden. Es macht mich sehr traurig, dass diese jungen Männer es vorzogen, sich selbst und andere umzubringen, statt ein glückliches Leben mit ihren Familien zu führen. Sie werden angetrieben von Fanatikern und glauben, dass sie im Namen Gottes töten. Das ist krank.

Haben Sie wie Ihre Protagonistin noch physische Beschwerden in Folge der Verletzungen?

Shalev: Ja, ein Knie schmerzt immer noch. Ich kann nicht lange stehen oder weite Strecken gehen. Ich kann auch nicht rennen. Es beschränkt mich. Aber nicht so sehr wie Iris. In der Literatur muss man Dinge manchmal extremer ausschmücken.

Nach dem Attentat haben Sie sechs Monate kein Wort geschrieben. Weshalb?

Shalev: Am Anfang dachte ich, nie wieder schreiben zu können. Es war alles so bedeutungslos, nachdem ich die toten Körper um mich herum habe liegen sehen. Ich hatte große Angst, dass ich das Schreiben verlieren würde. Dann hätte ich nicht gewusst, was ich mit meinem Leben hätte anfangen sollen. Ich wollte es nicht forcieren, oder das Schreiben als Therapie missbrauchen. Also wartete ich eine Weile, bis ich mich mental und körperlich ein bisschen besser fühlte.

Sie leben wie Iris in Jerusalem. Wie prägt die Angst vor Anschlägen den Alltag in dieser Stadt?

Shalev: Sehr, es vergeht kaum ein Tag ohne Tote. Es ist ein Albtraum. Wir leben in der dritten Intifada. Ich habe dieses Gefühl, dass jedermann ein Attentäter sein könnte, wohin ich auch gehe.

Ich verlasse das Haus nicht mehr ohne Pfefferspray. Während ich auf der Straße laufe, halte ich das Spray in der Hand, mit dem Finger auf dem Sprühknopf. Ich sehe jemanden an, der auf mich zukommt und denke: Der könnte mich erstechen. Und dann komme ich hier nach Deutschland, und ich fühle mich so sicher. Ich kann mich frei bewegen, ohne Angst zu haben, dass jemand ein Messer zückt. Das ist unwirklich.

Psychische und physische Wunden
Zeruya Shalev ist die prominenteste Schriftstellerin Israels. Ihr Roman „Liebesleben“ wurde 2007 von Maria Schrader verfilmt. 2004 wurde sie bei einem Terroranschlag in Jerusalem schwer verletzt. Ihr neuer Roman erzählt davon: Iris will mit der Liebe ihrer Jugend einen Neuanfang wagen, doch sie trägt innere und äußere Verwundungen mit sich herum: Ein Selbstmordattentäter sprengte sich vor zehn Jahren neben ihr in die Luft.
„Schmerz“, Berlin Verlag, 368 S., 24 Euro

Interview: Nina May

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