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„Ich habe Briefe an Anne geschrieben“

Bad segeberg „Ich habe Briefe an Anne geschrieben“

Die 16-jährige Lea van Acken aus dem Kreis Segeberg spielt die Hauptrolle in „Das Tagebuch der Anne Frank“.

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Ein Upgrade und viele neue Sinneseindrücke.

Großes Talent aus dem Norden: Lea van Acken ist erst 16 Jahre alt und hat schon in vier Filmen und einigen TV-Serien mitgespielt. Ob sie einmal Schauspiel studieren will, lässt sie noch offen.

Quelle: Fotos: Carofoto, Dpa

„Ich mag Englisch, Politik und Philosophie und diskutiere gerne über Dinge.“

Lea van Acken

Bad Segeberg. Die Haare sind inzwischen nachgewachsen. Vor einem Jahr, bei den Dreharbeiten zum Kinofilm „Das Tagebuch der Anne Frank“, wurde ihre schöne lange Mähne auf sechs Millimeter abrasiert. Auf dem Gymnasium haben sie entsetzt geguckt, als Lea van Acken kahlgeschoren auftauchte. Vor dem Dreh durfte sie nicht sagen, um welchen Film es sich handelt. Dass sie ihre Haare opfert, stand für Lea außer Frage: „Für mich war es wichtig, dem Film diese Authentizität zu schenken. Da wird der Übergang von der Rolle zur eigenen Person fließend. Es war ein kompletter Akt der Entweiblichung und Brutalität. Auch die Komparsen opferten ihre Haare, um den Film glaubhaft zu machen.“

Lea van Acken spielt das jüdische Mädchen Anne Frank, das sich mit seiner Familie zwei Jahre lang vor den Nazis auf einem Dachboden in Amsterdam versteckte, entdeckt wurde und kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb. Mit 15 Jahren. Lea van Acken ist 16. Sie hat die Großeltern über den Krieg befragt, war im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen, im Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Aber wie tastet man sich emotional an eine solche Rolle heran?

„Vor dem Casting habe ich ihre Tagebücher gelesen. Als ich die Rolle dann hatte, bekam ich plötzlich einen Riesenrespekt. Ich darf mir doch als gut behütetes Mädchen nicht anmaßen, mich in ihr Schicksal und ihre Gefühle hineinzuversetzen! Ich saß im Bett und habe angefangen, Anne Briefe zu schreiben. Im ersten Brief steht, dass ich sie bewundere und ob das okay für sie ist, dass ich sie spiele. Ich habe von der Schule, von der Familie, von den Dreharbeiten geschrieben. Und weil ich ihr etwas von mir geschrieben habe, hatte ich das Gefühl, auch ihr Tagebuch lesen zu dürfen. Sie ist wie eine Freundin für mich geworden. Ich habe sie mir in meiner Klasse, im Bus neben mir vorgestellt.“

Schreibst du heute noch Tagebuch?

„Nicht regelmäßig, nur wenn etwas passiert, das ich gerne festhalten möchte.“

Und was würde heute drinstehen außer Schule und Interview?

„Da muss ich mal kurz überlegen. Wir haben heute Basketball gespielt in der Schule, das war sehr lustig. Und ich habe ein schönes neues Stück fürs Klavier.“

Ein fast normaler Teenagertag. Geborgen sind Lea und ihr Bruder auf dem Lande in Schleswig Holstein aufgewachsen. Schule, Reiten, Tanzen, Klavierspielen, das typische Mädchenprogramm. Mit neun Jahren steht Lea das erste Mal auf einer Bühne: Sie überreicht beim Schleswig-Holstein Musik Festival Blumen an die Künstler. Schon damals fallen auf den Fotos die großen dunklen Augen, der offene Blick auf. „Schneewittchengesicht“ wird ein Journalist später schreiben. Mit zwölf bewirbt sie sich um eine Komparsenrolle bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg, springt als Siedlermädchen über die Bühne und darf am Ende sogar einen Satz sagen. Sie hat Blut geleckt, bewirbt sich bei einer Kinder- und Jugendschauspielagentur in Berlin — und heute verzeichnet ihre Filmografie bereits vier Einträge: In „Kreuzweg“ verkörperte sie 2014 die Hauptrolle der tief religiösen Maria — der Film gewann bei der Berlinale einen Silbernen Bären. In der Neonazi-Satire „Heil“ spielte sie mit und in der fünften Staffel der US-Serie „Homeland“. Dazu einige TV-Rollen, und dann Anne Frank. Alles innerhalb von zwei Jahren. Wie kriegt man das mit der Schule unter einen Hut?

„Ich muss sehr diszipliniert sein und darf mir nichts zuschulden kommen lassen. Wenn ich weg bin, muss ich trotzdem meine Hausaufgaben machen. Ich darf nicht mehr Fehlkurse als die anderen haben. Die Lehrer unterstützen mich sehr, dafür bin total dankbar. Natürlich ist das alles manchmal ganz schön anstrengend, aber ich bin jung und ich hab‘ Lust darauf, und das ist die Hauptsache.“

Wirtschaft und Politik, Englisch und Philosophie liebt sie besonders. „Ich mag gerne über Dinge nachdenken, reden, diskutieren.“ Der Film, sagt sie, habe sie sensibler gemacht. „Ich habe eine Grundhaltung zu Dingen und sage, was ich denke. Aber durch Anne ist mir noch bewusster geworden, dass man für seine Überzeugungen einstehen muss.“

Glaubst du, dass Jugendliche in den Film gehen?

„Auf jeden Fall. Wir haben ja nicht die 100. Nazi-Betroffenheitsgeschichte gemacht, sondern einen Film über das Mädchen Anne. Und die hatte ähnliche Probleme wie jedes Mädchen, nur unter extremen Bedingungen. Sie wollte einen Freund haben, tanzen. Es ist sehr emotional und spannend.“

Lea van Acken redet schnell und reflektiert, mit jugendlicher Empathie. Sie findet die Worte, ohne lange auf ihnen herumzudenken. Ihre Finanzen verwaltet sie zusammen mit ihren Eltern und legt die Gagen („die sind ja noch überschaubar") für später an. Dieses Wochenende stehen weitere PR-Termine in Berlin an. Jetzt nach dem Gespräch muss sie Hausaufgaben machen und möchte noch Klavier spielen.

Und ihre Sachen für Berlin packen. „Wenn ich dann noch nicht ganz müde bin, gucke ich bei Germany‘s next Topmodels rein.“ So viel Normalität darf sein.

Der Film

„Das Tagebuch der Anne Frank“ wurde schon mehrfach verfilmt. Nun hat sich Regisseur Hans Steinbichler daran gewagt, die Geschichte des jüdischen Mädchens, das sich zwei Jahre lang auf einem Dachboden in Amsterdam vor den Nazis versteckte, fürs Kino neu zu erzählen. Sein Film schildert die gesamte Geschichte der Familie. Lea van Acken spielt Anne, Martina Gedeck und Ulrich Noethen ihre Eltern. Auf der Berlinale wurde der Film bereits

bejubelt, Kritiker sind voll des Lobes. Am Donnerstag kommt der Film in die Kinos.

Petra Haase

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