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„Ich habe mich in Deutschland nie zu Hause gefühlt“

Klütz „Ich habe mich in Deutschland nie zu Hause gefühlt“

Birgit Vanderbekes neuer Roman erzählt von der Flucht in den Westen 1961 — am Sonnabend liest sie daraus in Klütz.

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Klütz. Klütz Seit mehr als 20 Jahren lebt Birgit Vanderbeke in Südfrankreich. Als Kind siedelte sie mit ihrer Familie von Ost- nach Westdeutschland über, davon erzählt ihr neuer Familienroman „Ich freue mich, dass ich geboren bin“. Ein Gespräch über Flucht, Heimat und Missbrauch.

 

LN-Bild

Beklagt die Verrohung unserer Gesellschaft: Birgit Vanderbeke. 1993 zog sie mit ihrem Mann und Sohn nach Frankreich.

Quelle: Julian Vanderbeke

Das Mädchen in Ihrem Buch erlebt mit fünf Jahren die Flucht von Ost- nach Westdeutschland. Auch Sie waren fünf Jahre alt, als ihre Eltern in die Bundesrepublik übersiedelten. Wie autobiografisch ist das Buch?

Vanderbeke: Meine Lebensdaten stimmen, aber ansonsten ist natürlich viel Fantasie dabei. Ich verwende ja häufig in meinen Büchern einzelne Fakten aus meinem Leben, um eine Geschichte zu erzählen.

Das Kind, das Sie beschreiben, leidet extrem darunter, dass seine Bedürfnisse von den Eltern ignoriert werden. War das typisch für 1960er Jahre?

Vanderbeke: Ich denke, das ist typisch für die heutige Zeit. Darum habe ich das Buch geschrieben. Ich stelle einen enormen Mangel an Einfühlung, an Empathie, an Herzensgüte fest, genau wie ich es aus meiner Kindheit kenne.

Ich beobachte eher, dass sich das Leben vieler Eltern sehr um die Kinder dreht.

Vanderbeke: Aber indem sich alles ums Kind dreht, kommt es ja nicht vor. Es wird nur viel gequatscht darüber. Sagen wir mal so: Jedes Wischtelefon ist wichtiger.

Wie meinen Sie das?

Vanderbeke: Ein Beispiel: Ich saß vor zwei Jahren in London an der Themse und sah eine Prozession von Müttern vorbeijoggen, die Kinder vor sich im Kinderwagen, links das Handy am Ohr. Sport ist heutzutage wichtig, Kommunikation ist wichtig, Facebook ist wichtig, der schicke Kinderwagen ist wohl auch wichtig. Aber das Kind sitzt wie ein Frachtstück darin.

Im Buch geht es latent um Gewalt, die dem Kind angetan wird. Sie wird nicht expliziert beschrieben. Aber diese Bedrohung schwebt über allem. Ist das autobiografisch?

Vanderbeke: Ja. Das ist aber auch gar nicht so ungewöhnlich, das war in den 1960er Jahren durchgängig an der Tagesordnung.

Geht es um Schläge oder sexuelle Gewalt?

Vanderbeke: Eindeutig um beides, das war und ist nichts Unübliches übrigens.

War es Ihnen wichtig, das in diesem Buch aufzuarbeiten?

Vanderbeke: Dann hätte ich aber sehr lange dazu gebraucht, ich werde jetzt 60. Es war mir sehr wichtig, das zu erzählen, weil die Verrohung in den letzten 20 Jahren unmerklich, aber extrem zugenommen hat. Die Verrohung auf der einen Seite und die selektive Wahrnehmung von schrecklichen Dingen auf der anderen Seite.

Denken Sie wirklich, dass sich nichts geändert hat seit den 1960er Jahren?

Vanderbeke: Ja, das denke ich, jedenfalls was die Gewalt betrifft. Die Brutalisierung unserer Wahrnehmung beschäftigt mich. Dass wir zum Beispiel völlig ungerührt hören, dass in einem Monat 750 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. Auch ich höre es letztlich ungerührt. Oder dass 13 000 Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenzen im Dreck sitzen, wen berührt denn das? Von den Kriegen gar nicht zu reden.

Sie waren selbst Flüchtlingskind und beschreiben das Gefühl der Fremdheit. Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich zu Hause gefühlt haben in Westdeutschland?

Vanderbeke: Ich habe mich in Deutschland nie zu Hause gefühlt. Ich bin auch im ersten praktikablen Moment gegangen.

Lebt es sich in Südfrankreich wirklich so schön, wie man sich das vorstellt, wenn man dort Urlaub macht?

Vanderbeke: Einerseits ja. Andererseits leben wir in einem der ärmsten Departements in Frankreichs. Das Paradies ist dort auch nicht.

Lesung im Literaturhaus „Uwe Johnson“ in Klütz

„Wir freuen uns, dass du geboren bist“ — dieses Lied hört das Mädchen immer an seinen Geburtstagen, die meistens mit Enttäuschungen einhergehen. Es sind die 1960er Jahre, die Familie ist aus dem Osten Deutschlands in den Westen umgesiedelt. Die Eltern erwarten viel vom „Land der Verheißung“, für das Mädchen ist es ein übler Ort — und es beschließt, aus seiner gewalttätigen Gegenwart in eine selbstgemachte, magische Kindheit zu fliehen („Ich freue mich, dass ich geboren bin“, Piper Verlag, 160 Seiten, 18 Euro).

Birgit Vanderbeke , geboren 1956 im brandenburgischen Dahme, lebt im Süden Frankreichs bei Nîmes. Ihre erste Erzählung, „Das Muschelessen“, gehört zu ihren meistgelesenen Büchern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, so mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis. 2007 erhielt sie die Brüder-Grimm-Professur an der Kasseler Universität.

Am Sonnabend, 19. März , liest Birgit Vanderbeke um 19.30 Uhr im Literaturhaus „Uwe Johnson“ in Klütz (Nordwestmecklenburg); Eintritt: 8/5 Euro.

Von Interview: Petra Haase

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