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Kultur im Norden „Ich liebe das Okapi“
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20:59 30.04.2018
Mariana Leky studierte nach einer Buchhandelslehre Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie lebt in Berlin und Köln. Quelle: Foto: Stefan Maria Rother

Frau Leky, Sie haben bereits viele Auszeichnungen erhalten, was bedeutet Ihnen ein Preis zum Thema Lebensende?

Bücher

„Was man von hier aus sehen kann“, Dumont 320 Seiten, 20 Euro

Weiterhin sind von Mariana Leky erschienen „Erste Hilfe“, „Die Herrenausstatterin“ und „Bis der Arzt kommt“.

Das ist etwas extrem Besonderes, ich fühle mich sehr geehrt. Weil der Preis von Menschen verliehen wird, die in der Palliativmedizin arbeiten. Wie wahrscheinlich alle Leute haben ich einen Heidenrespekt vor diesem Beruf und vor Menschen, die anderen, wenn es soweit ist, aus dem Leben heraushelfen.

 

Es geht um Leben und Tod in Ihrem Buch. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

Die Anfangsidee war, eine Figur zu erschaffen, die aufgrund eines frühzeitigen Verlustes in der Kindheit später Liebe und Tod verwechselt. Die vor der Liebe eine ähnlich starke Angst hat wie vor dem Tod. Was dann natürlich zu Verwicklungen führt. Beim Schreiben wurde mir dann ganz deutlich: Wenn man über die Liebe schreiben will, muss man auch vom Tod erzählen.

 

Es passiert ein schrecklicher Unfall, ein Kind stirbt.

Ja, dafür werde ich auf Lesungen auch manchmal beschimpft. Aber wenn diese Figur nicht gestorben wäre, dann hätte man den Roman nicht erzählen können, es würde eine wichtige Dimension fehlen. 

 

Haben Sie vor dem Schreiben darüber nachgedacht, was in der Trauer helfen kann, oder kamen die Gedanken während des Schreibens?

Das war schon eher intuitiv. Ich wollte von Menschen erzählen, die bei aller Trauer mit ihrem Verlust zu leben lernen und sich dabei helfen. In solchen Extremsituationen zeigt sich ja, wie gut Menschen miteinander umgehen können. 

 

Was ist das: Gut miteinander umgehen in schweren Zeiten?

Dass man dem anderen seinen Schmerz lässt – und sich bereithält, wenn er Beistand braucht. Dass man den Schmerz nicht kleinredet. Und dass man mit dem Schmerz auch weiterlebt. Das klingt irgendwie banal, aber vielleicht ist das das Wichtigste, dass man sich aufeinander verlassen, sich aber auch in Ruhe lassen kann.

 

Der Roman spielt in einem kleinen Dorf im Westerwald. Fällt das Aufpassen aufeinander in einer dörflichen Struktur leichter als anderswo?

Ich will das Dorfleben gar nicht romantisieren, aber ich kann mir vorstellen, dass man eine intensivere Beziehung zueinander entwickelt. Nicht, weil man sich besonders liebhat, sondern weil man sich nur schwer ausweichen kann. Das ist natürlich in einer Großstadt wie Berlin ganz anders. Im Dorf ist der Radius überschaubar – mit allen Vor- und Nachteilen.

Sie haben eine sehr bildhafte Sprache, setzen aber auch Sprachbilder in Handlung um. So trägt Selma ihre Enkelin Luise nach dem Unfall tagelang mit sich herum. Wie kamen Sie darauf?

Ich saß am Schreibtisch und suchte nach einem Bild dafür, dass Selma ihre Enkelin nach dem Tod des Freundes durch die Zeit trägt. Irgendwann fiel mir ein: ich brauche kein Bild dafür. Sie trägt sie einfach buchstäblich durch die Trauer.

 

Wie nah ist Ihnen der Tod?

Ich habe anlässlich des Preises viel darüber nachgedacht. Es gab in meinem Leben noch keine schrecklichen Verluste. Abgesehen von meinen Großmüttern habe ich noch niemanden verloren. Und eine meiner Großmütter wurde über 100 Jahre alt – da ist es dann, bei aller Liebe und Trauer, ja auch Zeit. Im Buch stirbt ja auch die betagte Selma, das ist dann keine Katastrophe. Sie ist alt, sie kann loslassen, sie ist nicht allein im Sterben: eigentlich ein „Spitzentod“.

 

Den man sich nicht aussuchen kann.

Nein, aber mir war es wichtig, das Sterben in mein Buch zu integrieren und zu erzählen, dass es ab einem bestimmten Alter das Normalste der Welt ist. Trotzdem hat man so schreckliche Angst davor und thematisiert es nur selten, ich bin da auch nicht anders. Man lässt den Tod im Leben ja doch eher außen vor und auch die Sterbenden.

 

Und später die Trauernden.

Genau, es ist immer wieder erstaunlich, dass man so hilflos vor einem so deutlichen Thema steht, dass alles, was damit zusammenhängt, so vehement an den Rand geschoben wird. Kürzlich erst habe ich gelesen, dass es keine klassischen Leichenwagen mehr gibt. Bestatter benutzen heute normale Lieferwagen. Damit soll der Tod wohl noch unauffälliger gemacht werden.

Arbeiten Sie an einem neuen Buch?

Nein, es dauert immer, bis mir wieder etwas einfällt.

Zum Schluss die zwangsläufige Frage: Warum ein Okapi?

Das hat zweierlei Gründe. Ich liebe das Okapi, habe es oft im Kölner Zoo bestaunt und immer auf eine günstige Gelegenheit gewartet, endlich mal ein Okapi in ein Buch reinzumanövrieren – jetzt sah ich meine Chance gekommen. Und es passt gut zur Geschichte. Das Okapi sieht ja sehr seltsam aus, nichts an ihm scheint zusammenzupassen – es ergibt dann aber doch ein taugliches Ganzes. Bei der Liebesgeschichte im Roman finde ich das ähnlich: man denkt zuerst, das geht doch gar nicht zusammen, aber irgendwie passt es dann doch.

Interview: Petra Haase

Literaturpreis und Lesung

Zum ersten Mal vergibt der Förderverein wohnortnahe Palliativversorgung Bad Schwartau einen Preis für Literatur, die sich mit dem Lebensende beschäftigt. Unter mehr als 60 Vorschlägen fiel die Wahl der Jury auf Mariana Leky. Für ihren Roman erhält sie am 4. Mai den Preis, dotiert mit 4000 Euro.

„Das Buch ist sprachlich wundervoll und beschreibt so schön, wie die Alten die Jungen behüten, wie wichtig es ist, einfach da zu sein“ begründet Palliativmediziner und Jury-Mitglied Volker Rohde die Wahl Lekys.

Am Freitag, 4. Mai, beginnen Lesung und Preisverleihung um 18 Uhr im Gymnasium am Mühlenberg. Restkarten unter kontakt@

palliativversorgung- bad-schwartau.de

LN

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