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„Ich mische mich ein, um gut zu schlafen“

Lübeck „Ich mische mich ein, um gut zu schlafen“

Er hat sich gegen den Vietnamkrieg ausgesprochen, wollte die deutsche Teilung nicht hinnehmen, und 1998 löste er mit seiner Kritik an einer „Instrumentalisierung von Auschwitz“ ...

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Zwei streitbare Geister: Martin Walser und Günter Grass (l.).

Quelle: Foto: dpa

Lübeck. Er hat sich gegen den Vietnamkrieg ausgesprochen, wollte die deutsche Teilung nicht hinnehmen, und 1998 löste er mit seiner Kritik an einer „Instrumentalisierung von Auschwitz“ eine monatelange Debatte aus: Martin Walser ist neben Günter Grass der diskussionsfreudigste deutsche Schriftsteller.

Lübecker Nachrichten: Herr Walser, Sie haben sich über viele Jahre hinweg eingemischt. Welchen Einfluss haben Kulturschaffende denn heute noch auf Politik und Gesellschaft?

Martin Walser: Wie Sie das zusammenfassen, klingt es so, als sei ich aus reinem Übermut immer wieder unbeherrscht und mischte mich da ein. Ich habe es immer so erlebt, dass ich reagieren musste.

Ich will ein Beispiel nennen: Vor ein paar Jahren war wieder so eine Sache in der Zeitung. „Die deutschen Soldaten bleiben so und so lange in Afghanistan“, hieß es da, als sei das ganz normal. Und ich weiß noch sehr genau: Da musste ich etwas schreiben. Dass die Deutschen keinen Krieg mehr führen dürfen, nicht mehr führen können, nicht mehr führen müssen — nach unseren Erfahrungen.

LN: Und wie waren die Reaktionen darauf?

Walser: Schon in der nächsten Zeitungsausgabe hat mir ein Staatssekretär von seiner ganzen Kompetenz aus geantwortet, warum ich davon zu wenig verstehe. Und der leitende Journalist antwortete mir, ich hätte meine militärischen Erfahrungen wahrscheinlich bei der Infanterie in Sonthofen gemacht — also: Ich verstehe davon nichts. Aber wenn ich das nicht geschrieben hätte, hätte ich nicht schlafen können. Gut, ich hätte sagen können, bleib ich halt wach. Aber sobald ich das geschrieben hatte, wurde mir ein bisschen wohler. Und das ist im Grunde genommen immer mein Motiv. Das mag falsch sein oder lächerlich, aber es gibt immer wieder Themen — um es ein bisschen metaphorisch zu sagen —, da kann ich nicht schlafen, wenn ich mich nicht dazu verhalten habe.

LN: Und was hat die Öffentlichkeit davon, dass Sie sich einmischen?

Walser: Ich wüsste nicht, ob ich noch was sagen würde, wenn ich wüsste, dass man auf mich hört. Ich sage etwas, weil ich das Gefühl habe, ich muss das sagen. Ein Mensch, der Wirkungen braucht, sollte Zahnarzt oder Chirurg werden. Dann begegnet er jeden Tag den Leuten, und wenn sie lachen, sieht er, wie toll er ihnen die Zähne gemacht hat. Das kann ein Schriftsteller nicht.

LN

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