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„Ich rieche noch die Pfeife von Grass“

Lübeck „Ich rieche noch die Pfeife von Grass“

Ein Jahr nach dem Tod des Nobelpreisträgers: Der Schriftsteller ist so aktuell wie zu Lebzeiten, sagt Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Grass-Hauses.

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Vertreter des Literaturnobelpreisträgers auf Erden: Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Grass-Hauses, mit der Nobel-Urkunde.

Quelle: Markus Scholz/dpa

Lübeck. Ein Jahr nach dem Tod von Günter Grass — schaut Ihnen jetzt niemand mehr über die Schulter?

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Ein Jahr nach dem Tod des Nobelpreisträgers: Der Schriftsteller ist so aktuell wie zu Lebzeiten, sagt Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Grass-Hauses.

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Jörg-Philipp Thomsa: Das war ja nie so. Ich erzähle dazu gerne die Geschichte aus dem Jahr 2012. Damals bereiteten wir hier im Günter Grass-Haus die neue große Sammlungsausstellung vor, und ich habe allen — meinen Vorgesetzten in der Kulturbehörde, den Mitarbeitern, Sponsoren, Journalisten, Wissenschaftlern, den Mitgliedern des Freundeskreises, — das Konzept vorgestellt. Ein paar Wochen vor der Eröffnung fiel mir ein: Eine Person hast du bisher vergessen — Günter Grass. Ich fühlte mich immer unabhängig in meinem Tun, auch wenn ich intensiv mit ihm zusammengearbeitet habe.

Er mischte sich nie ein?

Thomsa: Nein, nie. Dennoch — er fehlt sehr. Als Persönlichkeit in diesen Zeiten, in denen man über Pressefreiheit diskutiert. Seine Stimme fehlt auch in der Flüchtlingsdebatte. Aber er hat doch Bedeutendes hinterlassen, was wir lebendig vermitteln können. Seine Texte, seine Kunst und auch seine politischen Einwürfe sind nach wie vor aktuell.

Ist sein Geist für Sie hier im Haus noch zu spüren? Riechen Sie noch seinen Pfeifenrauch?

Thomsa: Wir haben ja nach seinem Tod den Besuchern noch stärker als zuvor versucht zu vermitteln, dass das Grass-Haus der Ort war, an dem der Namensgeber einmal in der Woche gearbeitet hat, dass hier sein Büro war. Die Aura des Ortes wird jetzt noch verstärkt durch das große Foto von Grass im Hof gleich bei der Skulptur „Butt im Griff“. Und, ja, wenn ich das sehe, nehme ich noch seinen Pfeifenrauch wahr. (lacht)

Inwieweit hat sich Ihre Arbeit seit dem 13. April 2015 verändert?

Thomsa: Es gibt enorm viele Anfragen aus aller Welt. Die Arbeit für uns hat extrem zugenommen. Die Bedeutung unserer Arbeit auch.

Welche Anfragen gab es zuletzt, wohin gingen Exponate?

Thomsa: Es gab soeben eine große Grass-Ausstellung in Südkorea, im Jeju Museum of Contemporary Art. In diesem Museum war es die erfolgreichste Schau aller Zeiten.

Welches Interesse haben die Koreaner an Günter Grass?

Thomsa: Er ist dort eine Ikone, weil er sich als politischer Intellektueller zu Wort gemeldet hat, was in Südkorea nicht so leicht ist. Er hatte sich für Schriftsteller eingesetzt, die in Nordkorea inhaftiert waren, das hat man Grass nicht vergessen. Er steht für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, die ähnlich der Koreas ist. Beide Länder wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, beide wurden geteilt, ein Teil hat danach ein rasantes Wirtschaftswunder erlebt. Grass galt als Ratgeber. Die Ausstellung wird auch noch in Ansan und in Seoul gezeigt werden. In Ecuador sind wir mit Exponaten vertreten — vor allem mit Grafiken —, sie werden dann noch in Kolumbien zu sehen sein. In Russland wird eine Schau zum „Krebsgang“ vorbereitet, in Schweden gibt es eine Grass-Ausstellung, in Deutschland finden mehrere statt. Das geht immer so weiter. Insgesamt kann man sagen, Grass gilt immer noch als bedeutender Repräsentant deutscher Kultur, die „Blechtrommel“ ist weltweit einer der bekanntesten Romane.

Der letzte Klassiker deutscher Sprache mit internationaler Aura?

Thomsa: Das kann man behaupten. Ich muss gestehen, dass ich das zu Beginn meiner Tätigkeit im Grass-Haus gar nicht realisiert habe. In Deutschland hat sich die Wahrnehmung übrigens auch gewandelt, die Debatten über seine SS-Zugehörigkeit als Jugendlicher oder um das israelkritische Gedicht „Was gesagt werden muss“ sind in den Hintergrund getreten. Ich habe soeben einen wissenschaftlichen Aufsatz über die Nachrufe geschrieben und mir in diesem Zusammenhang viele dieser Texte noch einmal angeschaut. Da gab es zum Beispiel in der „Süddeutschen Zeitung“ den Satz „Der Mann, der Deutschland war“. Das wäre zu Lebzeiten undenkbar gewesen.

Was heißt das für Ihr Haus?

Thomsa: Wir im Grass-Haus überhöhen ihn nicht, wir bleiben unserem Konzept treu: Auch das Widersprüchliche, das Sperrige an Grass muss vermittelt werden.

Wie sieht die Zukunft des Grass- Hauses aus? Wird es weiter Zugänge an Material geben?

Thomsa: Sicherlich, und wir stehen ja im Vergleich zu Thomas Mann erst am Anfang der Forschungsgeschichte. Wir merken, dass die Universitäten sich wieder vermehrt um Grass kümmern. Es wächst eine neue Generation von Literaturwissenschaftlern heran, die nicht mehr geprägt ist von den Achtundsechzigern. Diese hatten zum Teil große Vorbehalte gegen ihn. Unser vorhandenes Material ist im übrigen so vielfältig, dass wir noch viele Jahre Ausstellungen bestücken können. Wir haben uns noch nicht um Grass‘ Reisen gekümmert — nach Indien, in den Jemen, nach St. Petersburg. „Zunge zeigen“, Texte und Zeichnungen aus Kalkutta, haben wir noch gar nicht ausgestellt. Im kommenden Jahr werden wir eine große Schau über die beiden Nobelpreisträger Böll und Grass präsentieren, die 100 beziehungsweise 90 Jahre alt geworden wären.

Interview: Michael Berger

Ehrungen zum Todestag

Am ersten Todestag von Günter Grass, am kommenden Mittwoch (13. April), treffen sich ehemalige Weggefährten im Grass-Haus zur „Langen Nacht für Günter Grass“. Die erste Hälfte des Abends gestalten Maria Sommer, Gerhard Köpf, Karin Kiwus, Martin Kölbel und Jörg-Dieter Kogel. Die zweite Hälfte (ab 21.30 Uhr) gehört Benjamin Lebert, Christof Siemes, Hanjo Kesting und Andreas Hutzel.

Beginn: 18.30 Uhr.

Günter Baby Sommer (72), Schlagzeuger aus Dresden und Freund von Grass, hat dessen Werk „Grimms Wörter“ vertont. Am Sonntag. 17. April, wird er gemeinsam mit der Lyrikerin Nora Gomringer einen Vormittag mit Prosa und Percussion im Theater Lübeck gestalten. Beginn: 11 Uhr.

LN

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