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Kultur im Norden „Ich staune selbst über das Wunder“
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20:10 30.07.2015
„Man darf das Landleben nicht idealisieren.“ Dörte Hansen an ihrem Wohnort in der Nähe von Stade. Quelle: Axel Heimken/dpa

Hamburg — Dörte Hansen ist mit ihrem Debüt „Altes Land“ der Überraschungserfolg des Bücherjahres gelungen: Seit vier Monaten steht das Buch auf der „Spiegel“-Bestsellerliste, seit sechs Wochen sogar auf Platz 1. Gut 150000 Exemplare des Romans über Flucht, die Suche nach Heimat und das Leben auf dem Land wurden bisher verkauft, der Knaus-Verlag hat gerade die 17. Auflage in Auftrag gegeben.

Lübecker Nachrichten: Haben Sie je damit gerechnet, gleich mit Ihrem ersten Buch einen Nummer-eins- Bestseller zu landen?

Dörte Hansen: Niemals! Eher hätte ich einen Sechser im Lotto erwartet. Und dabei spiele ich nicht einmal Lotto.

LN: Hat sich Ihr Leben mit dem Erfolg verändert?

Hansen: Ich muss meinen Kaffee noch selbst kochen, bekomme noch immer keine Designerroben zugeschickt und werde an der Supermarktkasse nicht vorgelassen. Mein Leben ist viel zu normal! Das muss natürlich besser werden. Ich spiele mit dem Gedanken, mir ein paar Allüren zuzulegen.

LN: Wie kam es zu der Entscheidung, ein Buch zu schreiben?

Hansen: Den Traum, ein Buch zu schreiben, hatte ich — wie viele Journalisten — schon lange. Ich ging auf die Fünfzig zu, ich wollte mich neu orientieren, und irgendwann dachte ich: Jetzt oder nie.

LN: Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres Buches?

Hansen: Ich wünschte, ich könnte ihn erklären. Dann würde ich sofort einen zweiten Bestseller schreiben. Tatsache ist: Ich weiß es nicht. Ein Wunder wahrscheinlich . Ich staune einfach.

LN: Sie thematisieren das Land- und das Stadtleben. Das Leben im Dorf wird von vielen Städtern zur Idylle verklärt. Können Sie das nachvollziehen?

Hansen: Ich kann das gut verstehen, es ist sehr schön auf dem Land. Ich lebe hier am Elbdeich zwischen Obstbäumen und Fachwerkhäusern, kann die Möwen und die Schiffe hören.

Das ist tatsächlich sehr idyllisch. Man darf nur nicht den Fehler machen, die heile Welt zu suchen. Die gibt es hier so wenig wie in der Stadt.

LN: Sie sind selbst vor zehn Jahren von Hamburg ins Alte Land gezogen. Wie viel Autobiografisches steckt in Ihrem Roman?

Hansen: Viel weniger, als die meisten vermuten. Ich habe in Hamburg-Ottensen auf Spielplatzbänken gesessen. Ich habe Camper- Schuhe getragen und mit den anderen Müttern die Schnuller und Trinkflaschen apportiert, die unsere Kinder aus den Buggies warfen. Dann hat es mich aufs Land gezogen. Der Rest ist ausgedacht.

LN: Vertreibung und Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Oberthema. Das scheint ein Kapitel zu sein, das immer noch nicht zu Ende aufgearbeitet ist.

Hansen: Man sollte meinen, dass nach 70 Jahren alles zu diesem Thema gesagt und geschrieben wäre. Es gibt unzählige Bücher, Filme, Zeitzeugenberichte dazu. Ich glaube, dass das Thema mittlerweile sehr gut aufgearbeitet ist, aber verschmerzt ist es offenbar noch nicht.

LN: Was bedeutet für Sie Heimat?

Hansen: Heimat heißt für mich, dass ich mich nicht erklären muss. Das muss nicht unbedingt ein Ort sein, für mich ist auch die plattdeutsche Sprache ein Stück Heimat.

LN: Auch die Konflikte zwischen Müttern und Töchtern nehmen großen Raum in „Altes Land“ ein. Sie haben selbst eine zwölfjährige Tochter. Warum ist das Verhältnis so schwierig?

Hansen: Nicht nur Mütter und Töchter haben es miteinander schwer in meinem Buch, auch die Väter und die Söhne, sogar die Geschwister. Je näher wir einander stehen, umso größer ist die Verletzbarkeit. Familienbeziehungen bieten unendlich viel Romanstoff.

LN: Wie geht es jetzt weiter? Sitzen Sie am nächsten Roman?

Hansen: Ich arbeite an meinem zweiten Buch und wollte damit schon wesentlich weiter sein. In meinem Kopf nehmen die Figuren und die Geschichte gerade Gestalt an. Aber ich bin im Moment noch sehr mit „Altes Land“ beschäftigt und viel damit unterwegs. Die Lesungen bringen großen Spaß, kosten aber auch viel Zeit. Macht nichts! Von allen Sorgen, die man haben kann, ist mir diese wirklich am liebsten.

Zwei Frauen fliehen
Dörte Hansen wurde 1964 in Husum geboren. Nach dem Studium seltener Sprachen wie Gälisch, Finnisch oder Baskisch promovierte sie in Linguistik. Sie war einige Jahre lang Redakteurin beim NDR-Hörfunk.
Der Roman „Altes Land“ spielt im Obstanbaugebiet südlich der Elbe, wohin die fünfjährige Vera mit ihrer Mutter 1945 aus Ostpreußen geflohen ist. Auf dem Hof, wo die beiden untergekommen sind, ist sie das „Polackenkind“, Vera fühlt sich ein Leben lang fremd. Bis 60 Jahre später ihre Nichte Anne vor der Tür steht. Sie ist mit ihrem Sohn aus Hamburg geflüchtet, wo ehrgeizige Vollwert-Eltern ihre Kinder wie Preispokale durch die Straßen tragen. Ihr Mann hat sie wegen einer anderen Frau verlassen . . .
„Altes Land“, Albrecht-Knaus-Verlag, 288 Seiten, 16 Euro.

Interview: Carola Große-Wilde

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