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„Ich werde weder dirigieren noch singen“

Lübeck „Ich werde weder dirigieren noch singen“

Lars Tietje, designierter Intendant des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin, gibt seine Pläne preis.

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Lars Tietje, künftiger Generalintendant, vor seinem neuen Wirkungsort. Er wird in Schwerin mit neuem Personal antreten.

Quelle: Silke Winkler/mecklenburgisches Staatstheater/dpa

Lübeck. Sie haben angekündigt, am Theater Schwerin neue künstlerische Akzente setzen zu wollen. Welche?

Lars Tietje: Wir werden zum Beispiel versuchen, das Musiktheater neu zu positionieren und künstlerisch stärker zu profilieren, nicht zuletzt deshalb, um wieder mehr Zuschauer anzulocken. Die Auslastung der Oper ist zurzeit nicht optimal. Die Vorstellungen, die ich mir angesehen habe, waren oft nicht besonders gut besucht.

Wegen mangelnder Qualität?

Tietje: So würde ich es nicht sagen, aber ich sehe durchaus noch Entwicklungspotential. Es geht mir um handwerkliche Qualität, wir brauchen — neben guten Sängerinnen und Sängern — Regisseure, die ihr Handwerk verstehen, die Geschichten erzählen, die Menschen auf die Bühne stellen können.

Neue Akzente auch im Schauspiel?

Tietje: Es hat sich sehr stark zu einem musikalischen Schauspiel entwickelt. Das werden wir komplett ändern, wir kehren zurück zur Schauspieltradition. Zur Geltung kommen soll wieder das richtige, das ureigene Schauspiel. Das Ensemble wird aus Mitgliedern bestehen, die in erster Linie Schauspieler sind und nicht danach ausgesucht werden, ob sie auch singen und tanzen können. Durch die Konzentration ganz auf das Schauspiel können wir hoffentlich auch den von den Trägern des Theaters beschlossenen Abbau von vier Stellen im Ensemble kompensieren.

Wie viele Schauspieler können bleiben?

Tietje: Von momentan 20 bleiben sechs. Zehn neue Schauspieler kommen, vier Stellen werden, wie gesagt, gestrichen. Unser Ensemble besteht somit aus 16 Schauspielerinnen und Schauspielern.

Mit Ausnahme des Generalmusikdirektors tauschen Sie die ganze Leitungsebene aus, starten also mit neuen Direktoren in den Sparten Oper, Ballett, Schauspiel. Warum?

Tietje: Wenn man neue künstlerische Akzente setzen möchte, muss man an den Stabsstellen Personen haben, die einen anderen Weg auch umsetzen können. In der Oper zum Beispiel wird die Handschrift, obwohl der GMD und die meisten Sängerinnen und Sänger bleiben, eine ganz andere sein als bisher. Es wird eine andere Spielplangestaltung geben und neue Regiekonzeptionen.

Mit denjenigen, die zurzeit noch in Schwerin arbeiten, sind Ihre Vorstellungen nicht zu verwirklichen?

Tietje: Das ist das eine, das andere ist die Erfahrung, die auch ich in Nordhausen gemacht habe, dass man nach längerer Tätigkeit an einem Ort in gewisser Weise festgefahren ist. Man arbeitet dann immer nach demselben Schema. Da herauszukommen gelingt, glaube ich, nur mit neuen Leuten.

Unter der Intendanz von Joachim Kümmritz wurde das Staatstheater dreimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Sind solche Erfolge auch künftig denkbar?

Tietje: Das würde mich natürlich freuen, und ich glaube auch, dass wir das Zeug dazu haben. Aber unser vordringliches Ziel ist es nicht, überregional wahrgenommen zu werden, vielmehr, hier in der Stadt anzukommen. Wir wollen Theater machen für die Region und für die Menschen, die hier leben.

Sie wollen auch die sommerlichen Schlossfestspiele weiterentwickeln. In welche Richtung?

Tietje: Die Schlossfestspiele sind wichtig für die Stadt und die Region, sie sind aber auch wichtig für das Theater selbst. Das Theater finanziert nämlich mit den Überschüssen einen Teil seiner Struktur. Die Zuschauerzahlen sind aber in den letzten Jahren rückläufig, unter 30 000 Besucher jährlich dürfen sie nicht fallen, denn sonst ist es nicht mehr rentabel, die Festspiele zu betreiben.

Damit die Besucherzahlen wenigstens stabil bleiben, wird es notwendig sein, das Repertoire deutlich auszuweiten. Man kann nicht davon ausgehen, dass junges Publikum nachwächst, wenn man nur italienische Oper spielt. In Sondershausen haben wir gute Erfahrungen gemacht mit einem Wechsel zwischen unterhaltendem Musiktheater und Oper. Zwischen „Weißem Rössl“ und „My Fair Lady“ haben wir den „Fliegenden Holländer“ gespielt und hatten großen Erfolg damit.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern tritt demnächst als Hauptgesellschafter in die Theater GmbH ein. Welche Erwartungen verknüpfen Sie damit?

Tietje: Alle Partner erhoffen sich davon eine stabile Finanzierung, und zwar auf Dauer. Was jetzt Staatstheater heißt, war ja in Wirklichkeit immer ein Stadttheater. Aber die Stadt Schwerin als Hauptgesellschafter kann ein Theater dieser Größenordnung einfach nicht mehr erhalten.

Das Land will seine finanziellen Zuwendungen an die Theater erst ab 2020 dynamisieren, sprich: erhöhen. Kann das Staatstheater diese Durststrecke überstehen?

Tietje: Die finanziellen Zuwendungen in der jetzigen Höhe reichen nicht aus, um das Theater bis 2020 unbeschadet über die Runden zu bringen. Anders gesagt: Wenn nicht zusätzliche Mittel fließen, drohen weitere tiefe Einschnitte.

Sie haben angekündigt, sich künstlerisch stärker einbringen zu wollen, als es der noch amtierende Intendant getan hat. Was ist da zu erwarten?

Tietje: Keine Sorge, ich werde weder dirigieren noch singen noch inszenieren. Herr Kümmritz überlässt sowohl die Spielplangestaltung als auch die Personalauswahl weitgehend seinen künstlerischen Leitern. Ich hingegen will mich in diesen Bereichen doch stärker einmischen.

Theater-Manager leitet das Staatstheater

Lars Tietje, geboren 1967 in Celle, hat in Hamburg Evangelische Theologie, Musik (Klavier, Dirigieren) und Kulturmanagement studiert. Von 1996 bis 2001 war er an der Kölner Oper im Betriebsbüro engagiert, von 2001 bis 2004 am Staatstheater Kassel als Betriebsdirektor und Chefdisponent sowie als stellvertretender Intendant. Seit 2004 ist Tietje Intendant und Geschäftsführer am Theater Nordhausen/Sondershausen (Thüringen). Am 1. August 2016 tritt Tietje sein Amt als Intendant am Mecklenburgischen Staatstheater an.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern tritt am 1. August 2016 als Hauptgesellschafter in das am gleichen Tag neu gebildete Mecklenburgische Staatstheater ein. Es ist ein Zusammenschluss von Mecklenburgischem Staatstheater Schwerin und Mecklenburgischem Landestheater Parchim, das mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendtheater als Sparte des fusionierten Theaters weiterexistiert.

Beschlossen ist auch der Umzug der Fritz-Reuter-Bühne von Schwerin nach Parchim, wenn dort die neue Spielstätte in der Elde-Mühle verwirklicht ist.

Von Interview: Hermann Hofer

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