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„Ihr werdet begeistert sein!“

Interview mit dem SHMF-Intendanten „Ihr werdet begeistert sein!“

Christian Kuhnt, Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals, erklärt kurz vor dem Eröffnungskonzert, warum sein Programm aus dem Nichts entsteht.

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Christian Kuhnt, Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals

Quelle: Felix König

Lübeck. LN : Am Wochenende beginnt das Festival. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Gemessen an den Spielstätten – es sind 104 – sind wir wohl das größte Festival in der Welt.“Christian Kuhnt

Christian Kuhnt: Ich freue mich am meisten darauf, dass es losgeht. Denn jetzt wird erlebbar, was wir uns vor eineinhalb bis zwei Jahren ausgedacht haben.

LN: In diesem Jahr haben Sie einen besonderen Dauergast: E.T., dem das Filmkonzert in Neumünster gewidmet ist. Wie erklärt man einem Außerirdischen das Schleswig-Holstein Musik Festival?

Kuhnt:  Das Schleswig-Holstein Musik Festival ist außerirdisch schön. Deshalb passt E.T. so unglaublich gut zu uns. Er reagiert mit der Neugierde auf das Fremde, die wir uns von unserem Publikum wünschen: dass es sich unvoreingenommen auf das einlässt, was wir präsentieren. Bei dem Filmkonzert in Neumünster weiß das Publikum auch nicht genau, was passieren wird. Man kann nur allen sagen: Ihr werdet begeistert sein.

LN: Sie finden, dass Ihr Job der „beste in der Branche“ ist. Was ist das Tolle daran?

Kuhnt:  Das Programm zu planen, bedeutet, seine eigenen Ideen umsetzen zu dürfen und Menschen in verschiedenen Regionen in Norddeutschland kennenlernen zu können. Verbunden ist dies mit dem Privileg, in einem der schönsten Bundesländer zu arbeiten.

LN: Ihr Vertrag wurde kürzlich verlängert, Sie behalten den tollsten Job in der Branche bis 2022.

Kuhnt: Mindestens.

LN: In welche Richtung wollen Sie das Festival weiterentwickeln?

Kuhnt: Wir stehen jedes Jahr vor der großen Herausforderung, dass unser Programm aus dem Nichts heraus entsteht. Jedes Festival gestalten wir ganz neu mit dem Anspruch, originell zu sein. Wir können nicht so sehr auf die Erfahrungen der Vorjahre zurückgreifen. Denn das wäre viel zu langweilig. Vielmehr wollen wir immer wieder neue Akzente setzen. Wenn es uns gelingt, die drei inhaltlichen Linien – Komponisten-Retrospektive, Solisten-Porträt und unsere musikalische Spielwiese Luustern – mit Leben zu füllen, dann ist jedes Festival so einzigartig wie seine Künstler. Das Solistenporträt ist in diesem Jahr mit András Schiff einem ganz anderen Typ Musiker gewidmet, als es Martin Grubinger oder Sol Gabetta waren.

LN: „Luustern“ bezeichnet einen Bereich abseits der Klassik, der inzwischen einen festen Platz innerhalb des Festivals hat. Wollen Sie diesen Bereich noch ausbauen?

Kuhnt:  Wir haben den Anspruch, originelle Musik außerhalb der Klassik zu präsentieren, die sich manchmal gar nicht so leicht einordnen lässt. Beispielsweise die Sängerin ZAZ. Ist das französisches Chanson? Nicht wirklich. Popmusik aber eigentlich auch nicht. So lange wir das Gefühl haben, dass es außerhalb der Klassik viele Themen gibt, die zu uns passen, die musikalisch reich sind, die es lohnen, entdeckt zu werden, so lange werden wir das machen. Ihre Frage unterstellt, dass ich in der Lage bin zu entscheiden, was eigentlich noch Klassik ist und was nicht. Dabei denke ich gar nicht so sehr in diesen Kategorien. Uns geht es um gute Musik, die wir in den Norden holen wollen.

LN: Der frühere Bundespräsident Richard von Weizäcker hat das Festival einmal eine „gigantische musikalische Bürgerinitiative“ genannt. Ist es das auch noch im Alter von 30 Jahren?

Kuhnt:  Genau das ist es, was uns von allen anderen Festivals dieser Art unterscheidet. Wir beziehen die Menschen in Schleswig-Holstein sehr stark mit ein. Wir könnten gar nicht existieren ohne unsere vielen ehrenamtlichen Helfer, zum Beispiel die rund 300 Beiräte. Denn wir haben unseren Sitz in Lübeck, bespielen aber das ganze Bundesland, das südliche Dänemark, Hamburg und das nördliche Niedersachsen.

LN: Welche Aufgaben haben Beiräte?

Kuhnt: Sie sind zum einen unsere Ansprechpartner vor Ort und stellen beispielsweise den Kontakt zum Kirchenmusiker oder zum Pastor her. Zum anderen betreuen sie die Künstler. Wenn ein Musiker am Nachmittag eintrifft, ist die Garderobe bereits schön hergerichtet. Dann gibt es oft ein Stück selbstgebackenen Butterkuchen und einen guten Tee. Manchmal geht es auch darum, dass eine Hose oder ein Hemd gebügelt oder Schuhe geputzt werden sollen. Oder es muss ausgeholfen werden, wenn ein Künstler seinen Koffer auspackt und feststellt, dass er seine Konzertschuhe nicht dabei hat. Und auch nach dem Konzert sind Künstler nicht allein. Unsere Beiräte vermitteln ihnen das Gefühl, herzlich willkommen zu sein. Das genießen unsere Künstler sehr.

LN: Ist eine zugewandte Betreuung nicht eine Selbstverständlichkeit?

Kuhnt: Viele kennen sie so nicht. Normalerweise kommt ein Künstler in einer Stadt an, fährt allein ins Hotel und von dort zum Konzertsaal. Einsamkeit ist ein großes Problem.

LN: Bei Wikipedia ist zu erfahren, dass das SHMF eines der weltweit größten Musik-Festivals ist.

Kuhnt:  Das sind wir zweifellos. Gemessen an den Spielstätten – es sind 104 – sind wir wohl sogar das größte in der Welt. Allerdings sehen wir Größe nicht als Selbstzweck. Wenn wir 150000 Besucher erreichen, dann haben wir 150000 mal Menschen mit guter Musik in Verbindung gebracht. Das ist es, was wir wollen.

LN: 2017 wird die Elbphilharmonie in Hamburg eröffnet. Mit welchen Gefühlen sehen Sie diesem Ereignis entgegen?

Kuhnt: Die Elbphilharmonie wird eine Ambiente-Spielstätte auch des Schleswig-Holstein Musik Festivals sein. Wir werden sie selbstverständlich mit bespielen. Hamburg gehört seit Gründung des Festivals mit zum Programm, und das wird so bleiben. Wir freuen uns, dass die Stadt Hamburg für 850 Millionen einen neuen Konzertsaal für das Schleswig-Holstein Musik Festival baut.

Es gibt noch Karten

Das Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals bestreitet wie immer das NDR-Orchester, das sich jetzt Elbphilharmonie-Orchester nennt. Und wie immer findet es in der Lübecker Musik- und Kongresshalle statt, allerdings erstmals in der Rotunde. Thomas Hengelbrock dirigiert die „Oxford“-Sinfonie und Arien für Mezzosopran und Orchester von Joseph Haydn. Kontrastiert wird dieses Haydn-Programm von Béla Bartóks Konzert für Orchester.

Karten gibt es noch für das Vorkonzert am Sonnabend und für die offizielle Eröffnung am Sonntag, beides um 20 Uhr.

Im Fernsehen wird das Eröffnungskonzert von 3Sat live übertragen, im Rundfunk von NDR Kultur (jeweils 20.15 Uhr).

 Interview: Liliane Jolitz

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