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Illustration des alltäglichen Irrsinns

Elmshorn Illustration des alltäglichen Irrsinns

Erhard Göttlicher ist Maler, Grafiker und Illustrator. In Elmshorn hat jetzt zu seinem 70. Geburtstag eine Ausstellung eröffnet.

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Blatt aus einer Göttlicher-Illustration zu „Schindlers Liste“. Der „Stern“ hat das Buch Anfang der achtziger Jahre vorabgedruckt.

Quelle: Fotos: Archiv

Elmshorn. Elmshorn. Ganz links steht Napoleon, etwas versteckt hinterm Vorhang. Dann folgen auf fast siebeneinhalb Metern andere bekannte Gesichter deutscher Nation: August Bebel und Richard Wagner, Wilhelm II. und Friedrich Ebert, Bismarck, Hitler und schließlich, ganz rechts am Rand, die Nazis jüngeren Datums. „Deutscher Nationalismus“ heißt das Bild von Erhard Göttlicher, und es hängt derzeit im Torhaus von Elmshorn.

LN-Bild

Erhard Göttlicher ist Maler, Grafiker und Illustrator. In Elmshorn hat jetzt zu seinem 70. Geburtstag eine Ausstellung eröffnet.

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Der fast 100 Jahre alte Bau beherbergt einen Teil einer GöttlicherAusstellung, der andere findet sich ein paar Schritte weiter in der örtlichen Sparkasse. „70 ruhelose Jahre“ heißt die Schau zu Ehren des Malers, Grafikers und Illustrators aus Uetersen, der am Sonntag bei der Eröffnung mit vielen Gästen seinen 70. Geburtstag feierte.

Venedig-Bilder gibt es zu sehen, Akte, Industrieszenen, Landschaften. Man findet Porträts von Heide Simonis, Peter Harry Carstensen und Günther Kunert, eine unvollendete Hannelore Elsner, zwei Zyklen zu Theaterstücken Ödön von Horváths. Und es hängen dort Arbeiten zu „Schindlers Liste“, dem 1983 erschienenen Buch von Thomas Keneally. Der „Stern“ hatte es im Vorabdruck, zehn Jahre vor der Verfilmung durch Steven Spielberg, Erhard Göttlicher hatte den Text illustriert.

Acht Originale sind jetzt an der Sparkassenwand zu sehen, Arbeiten in Schwarzweiß, fast nur die Hakenkreuzbinde leuchtet rot. Göttlicher zeigt ausgemergelte KZ-Häftlinge und den gespenstisch banalen Blick der Wärterinnen. Das Bild eines Bocks hängt da, auf dem 200 Menschen jeweils 25 Peitschenschläge bekamen, jeder Schlag wurde mitgezählt. Man sieht ein Opfer Amon Göths, dem KZ-Kommandanten hatte es gefallen, einen Menschen erschießen zu lassen. Kinder sieht man, bereit zum Abtransport nach Auschwitz. Und daneben hängt Paul Celans „Todesfuge“.

Göttlicher zählt zu den Norddeutschen Realisten, er malt gegenständlich. Pablo Picassos „Guernica“, sagt er zwischen zwei Bissen vom Geburtstagskuchen, hätten die meisten Menschen nicht verstanden.

Wer eingreifen wolle mit seiner Kunst und politisch und gesellschaftlich etwas bewegen, der dürfe nicht abstrakt arbeiten. Ihm jedenfalls sei die Intervention immer wichtig gewesen. Und angesichts des Ärgers, den er sich damit manchmal eingehandelt habe, sei er wohl auch von vielen verstanden worden.

Aber Ärger und Intervention sind bei einem Schüler Alfred Hrdlickas auch wenig verwunderlich. Und an einen Ärger erinnerte in seiner Einführung Friedhelm Häring, ein Freund des Künstlers und bis vor wenigen Jahren Direktor des Oberhessischen Museums in Gießen. Als sie dort 1980 Bilder zeigen wollten, die Göttlicher nach Gesprächen mit lateinamerikanischen Folteropfern gefertigt hatte, unterband das der Gießener Bürgermeister mit Hinweis auf fehlende Stellwände und fehlenden Raum. Zwei Jahre später aber wurden sie an gleicher Stelle dann doch gezeigt.

Göttlichers Kunst sei „verstehbar, griffig, nicht abgehoben“, sagte Häring. Er nehme die Wirklichkeit ernst und tue, was Künstler zu tun hätten: im alltäglichen „Irrsinn das Bessere“ erkennbar machen. In diesem Sinne sei Kunst „immer Pop“. Aber ebenso sicher sei auch: „Das Grauen gehört zum Leben. Schauen Sie ins Fernsehen.“

Göttlicher hat viel für den „Stern“ gearbeitet, auch der „Deutsche Nationalismus“ ist 1994 als Klappbild in dem Magazin erschienen. Es war der Auftakt zu einer Serie „Deutschland über alles – Wie Hitler in die Köpfe der Deutschen kam“. Er war aber auch für den „Spiegel“ und „Die Zeit“ tätig, für den „Playboy“ und ausländische Magazine. Er hat Bücher illustriert, Émile Zolas „Nana“ etwa oder die „Gefährlichen Liebschaften“ von Choderlos de Laclos. Er war als Professor mehr als drei Jahrzehnte im Hamburger Hochschuldienst. Zu sehen gewesen ist er auch. Seine Arbeiten hingen in gut 180 Einzel- und 500 Gruppenausstellungen in mehr als 40 Ländern. Und als Elmshorns Bürgermeister Volker Hatje bei der Begrüßung sagte, „Herr Göttlicher gilt ja auch ein ein bisschen als unbequem“, da wollte ihm niemand widersprechen.

Österreicher im Norden

Erhard Göttlicher wurde in Graz geboren, hat unter anderem bei Alfred Hrdlicka in Hamburg studiert und wurde 1980 zum Professor ernannt. Er hat für seine Arbeiten zahlreiche Preise erhalten und war Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Er arbeitet vor allem mit Acryl, Pastell und Blei auf Papier, Karton und Leinwand. Der Vater zweier Söhne ist in zweiter Ehe verheiratet und lebt in Uetersen bei Hamburg .

Die Ausstellung in Elmshorn läuft noch bis zum 24. September. Das Torhaus ist Dienstag bis Freitag von 10 bis 12 und 16 bis 18 Uhr geöffnet, am Wochenende von 11 bis 13 Uhr. Die Arbeiten in der benachbarten Sparkasse (Probstendamm) sind während der üblichen Öffnungszeiten zu sehen.

Peter Intelmann

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