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Im Sturmschritt von Brahms zu Dvorák

Lübeck Im Sturmschritt von Brahms zu Dvorák

Wird sie Nachfolgerin von Ryusuke Numajiri? – Anja Bihlmaier dirigierte die Lübecker Philharmoniker.

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Anja Bihlmaier dirigiert die Lübecker Philharmoniker mit starken, klaren Gesten. Missverständnisse sind ausgeschlossen.

Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

Lübeck. Ein ungewohnter Anblick, an den man sich gewöhnen könnte: Eine junge, schlanke Frau steht vor den Lübecker Philharmonikern. Mit Anja Bihlmaier stellte sich in der Musik- und Kongresshalle eine weitere Kandidatin für den Posten des Generalmusikdirektors (GMD) in Lübeck vor. Sie gilt als eine aussichtsreiche Bewerberin.

Anja Bihlmaier ist zurzeit Erste Kapellmeisterin und Stellvertreterin des GMD am Staatstheater in Kassel. Bei ihrem Gastspiel in Lübeck war natürlich auch die Theaterleitung anwesend. Die schwierige Aufgabe der Entscheidung zwischen den letzten Bewerbern steht dem Aufsichtsrat des Hauses und auch der Kultursenatorin nun bevor. Der aus Paris stammende Marc Piollet, Jahrgang 1962, ist wohl ihr größter Konkurrent.

Ein publikumsnahes Programm war für das achte Konzert der Saison angekündigt: Brahms, Beethoven, Dvorák. Mit der „Akademischen Festouvertüre“ von Johannes Brahms war am 6. Mai der Konzertsaal der MuK wieder eröffnet worden. Nun wurde die „Tragische Ouvertüre“, entstanden zur gleichen Zeit, nachgereicht. Tragisch war die Wiedergabe unter der energischen Leitung von Anja Bihlmaier allerdings nicht.

Über weite Strecken klang sie hochdramatisch, wobei die Dirigentin sich auf Brahms berufen kann, der dieses Stück „Dramatische Ouvertüre“ nennen wollte. Passagen im zweiten Teil wurden jedoch auch zart, sogar geheimnisvoll ausgedeutet. Frau Bihlmaier dirigiert mit starken, klaren Gesten. Missverständnisse gibt es dabei kaum.

Ludwig van Beethovens drittes Klavierkonzert, sein einziges in einer Moll-Tonart, stand vor der Pause auf dem Programm, mit der Kroatin Martina Filjak als Solistin. Der erste Einsatz des Klaviers nach der langen Orchester-Einleitung zeigte das Konzept: starke Kontraste.

Gemeißelt scharf standen die ersten Klavier-Akkorde im Raum. Im Flüsterton folgten die nächsten Takte. Immer wieder fiel diese Spannung auf: Zartes Piano stand stürmischem Forte gegenüber. Das galt auch für die große Kadenz des ersten Satzes, bei der die Solistin eigenwillige Tempoverschiebungen einbaute. Betont langsam leitete das Klavier das Largo ein. In schwelgerischer Fülle folgte das Orchester.

Die Dirigentin achtete auf ein fein abgestimmtes Miteinander, deckte die Solistin nie zu, nutzte andere Momente, um auch Beethoven mit Brio zu Gehör zu bringen. Das fröhliche Rondo-Musizieren am Schluss war so recht nach dem Geschmack des begeisterten Publikums. Ein von der Orgel auf den Flügel übertragenes Präludium von Bach folgte (am Montag) als Zugabe, vollgriffig genommen, wie zur Zeit eines Abbé Liszt.

Als letztes Werk wurde Antonin Dvoráks G-Dur-Sinfonie gespielt, nach üblicher Zählung die achte, in England auch unter der Nummer Vier publiziert, auf jeden Fall das Opus 88. Die Dirigentin bescherte eine überaus farbige, manchmal wild zerklüftete Wiedergabe. Nach der ruhig dahinfließenden melodischen Einleitung des Kopfsatzes wurde es sehr schnell „con brio“, aufgewühlt und aufwühlend. Da war nicht die Ruhe des Waldes zu hören, die viele Exegeten in dieser Naturdichtung sehen wollen. Da zog Lützows wilde verwegene Jagd vorüber.

Meditativ, beschwingt und heiter, im Mittelteil dann wieder mächtig aufbrausend, erklang der stimmungsvoll ausgemalte langsame Satz. Ihm folgte in elegant genommenem Dreiertakt das humorvolle Scherzo – ein Dvorák zum Wohlfühlen, sogar zum Schmunzeln. Die Kontraste brachen im Finale noch einmal auf. Nach der einleitenden Fanfare der Trompeten sangen die Celli genussvoll ihre schöne Melodie. Die Variationen zeigten dann wieder beides: die Wucht der Attacke und in leiseren Stellen das berückend schöne Melos.

Das Publikum feierte die Dirigentin und das bravourös mitgehende Orchester stürmisch. Die Meinung war einhellig: Diese Achte steht der Neunten des Meisters, „Aus der Neuen Welt“, an Schönheit und Spannung nicht nach.

Kapellmeisterin in Kassel

Anja Bihlmaier (38) ist zurzeit noch Erste Kapellmeisterin und Stellvertreterin des Generalmusikdirektors Patrik Ringborg in Kassel. In dieser Saison leitete sie die Opern-Premieren von Verdis „Luisa Miller“ und Gounods „Roméo et Juliette“ am Staatstheater Kassel. Anja Bihlmaier hat Dirigieren bei Scott Sandmeier an der Musikhochschule Freiburg und bei Dennis Russell Davies und Jorge Rotter am Mozarteum in Salzburg studiert. Vor ihrem Engagement in Kassel war sie Dirigentin an den Theatern von Görlitz, Coburg, Hildesheim und Chemnitz.

Konrad Dittrich

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